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Ein bemerkenswerter Debütroman von Stephan Thome

Thomes Debütroman erzählt eine schlichte Liebesgeschichte

© Die Berliner Literaturkritik, 10.10.09

Von Robert Heinle

Der 1972 geborene Autor Stephan Thome hat mit „Grenzgang“ ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt: erschienen im Suhrkamp Verlag, schaffte es der Roman prompt in die engere Auswahl des Deutschen Buchpreises (jene so medienwirksame „Shortlist“) und wurde von der Presse ausführlich besprochen und hoch gelobt.

Dabei erzählt der Roman die schlichte Geschichte von der zweiten Liebe eines Mannes und einer Frau, beide mittleren Alters und obendrein in einer Kleinstadt irgendwo im hessischen Bergland zuhause. Spektakulär unspektakulär muss der Roman sein, der dennoch soviel Aufmerksamkeit auf sich zieht – und in der Tat: Grenzgang ist ein sehr interessantes, souverän geschriebenes und wirklich lesenswertes Buch. Aber…

Dem Roman wohnt der Zweifel inne. Von der ersten Szene in einem Garten, literarisches Urbild einer heilen Welt, bis zum filmreifen Happy End, der Liebeserklärung vor den Augen der versammelten Kleinstadt, könnte alles so harmonisch sein, erscheint den zweifelnden Figuren aber bestenfalls „trotz allem wie ein Traum“.

Stephan Thome nimmt uns in „Grenzgang“ mit in die Gedanken und Gefühlswelten seiner Figuren, vornehmlich der beiden zentralen Personen Kerstin Werner und Thomas Weidmann: sie geschiedene Mutter eines 16-Jährigen, die nebenbei ganztägig ihre geistig verwirrte Mutter betreuen muss; er alleinstehender Gymnasiallehrer mit gescheiterter akademischer Karriere, worüber er nie wirklich hinweggekommen ist. Auch wenn die Protagonisten selber anmerken, dass dieses Bergenstadt keine Umgebung für eine Romanze sei, ist „Grenzgang“ vorrangig ein Liebesroman.

Aber „Grenzgang“ ist mehr als nur die Geschichte einer Liebe mit Hindernissen. Der Roman entwirft ein Zeitbild der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die beiden Hauptfiguren sind geradezu typische Vertreter einer ganzen Generation: der gut ausgebildeten, in Wohlstand und mit Chart-Musik groß gewordenen Kinder der Sechziger Jahre. Die stille Generation nach Studentenrevolte und sexueller Revolution, über die man heute noch „Spiegel“ und „Zeit“ lamentieren lesen kann, weshalb es ihnen nur so schwer falle, ihren Platz in Politik und Gesellschaft zu finden.

Thomes Figuren konsultieren zwar keine Psychiater und konsumieren keine Psychopharmaka außer Schlaftabletten, doch kämpfen auch sie mit der „Krankheit der Verantwortung“, die der französische Soziologe Alain Ehrenberg unlängst bei unserer Eigeninitiative fordernden Gesellschaft diagnostiziert hat. Depression und manische Phasen sind die Folge. Die Figuren des Buchs stehen im Spannungsfeld zwischen eigenen Wünschen, Erwartungen und Konventionen. Der Klappentext des Buches verkündet treffend, ihr Leben verlaufe „auf dem schmalen Grat zwischen Resignation und Euphorie“.

Der Titel gebende Grenzgang bezieht sich jedoch vielmehr auf ein traditionelles Volksfest, das in mehreren Orten Hessens und Westfalens (im wahrsten Sinne des Wortes:) begangen wird. Mehrere Tage lang schreitet man dabei mit Fahnen, Trachten, Blasmusik und reichlich alkoholischen Getränken die Gemarkung der Gemeinde ab, um sich abends auf dem Rummelplatz im Bierzelt zu treffen. In Bergenstadt, das Stephans Thomes Heimatstadt Biedenkopf bei Marburg entspricht, feiert man dieses Großereignis alle sieben Jahre.

Für den Roman nutzt Thome diesen Zeitrahmen und beschreibt die Wendepunkte im Leben Kerstins und Thomas’, die sich in den Grenzgang-Jahren ereignen: 1985, 1992, 1999 und 2006. Erzählt werden diese Erlebnisse aus wechselnden Perspektiven. Angeordnet sind sie chronologisch, die einzelnen Jahre jedoch miteinander vermischt. Als Leser erhält man Informationen somit nur nach und nach und ist gezwungen, Situationen immer neu einzuschätzen. Das macht den Reiz des Buches aus.

Im Lauf der Zeit entfaltet sich zudem eine bundesdeutsche Sittengeschichte: Studenten-WGs, Seitensprünge, Bindungsangst, Internetbekanntschaften, Provinzfeste, Pärchenclubs – es gibt reichlich Situationen, die der Autor nutzt, um seine Figuren auf die Probe zu stellen. Und 2006 findet auch noch die Fußball-WM in Deutschland statt…

Trotz der unablässigen Selbstbespiegelungen der Protagonisten tritt das Buch nicht auf der Stelle. Unterhaltende Nebenfiguren, große und kleine Veränderungen im Privaten und Gesellschaftlichen geben ein rundes, stimmiges Bild vom Sich-Zurechtfinden im Alltag unserer Tage.

Aber… am Ende werden sie glücklich – scheinbar zumindest. Und auch den Kampf ums eigene Glück beschreibt Stephan Thome genau. Die „hintergründige Banalität des Ganzen“ erkennend und bedauernd, finden seinen Figuren doch keine Möglichkeit, ihr zu entkommen. Die interessanten Nebenfiguren verschwinden aus ihrem Leben, wie aus der Erzählung – die Zweiergruppe beschränkt sich auf sich selbst. Ein ironischer Ausblick in das Jahr 2013 macht das überdeutlich. Statt ihres Glücks wünscht man Kerstin und Thomas am Ende des Romans beinahe ein Unglück, einen Streit, eine Veränderung – jedoch ist Stephan Thome zu sehr realistischer Autor, als dass er uns nicht ein Happy End präsentieren würde.

Literaturangabe:

THOME, STEPHAN: Grenzgang. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009. 453 Seiten, 22,80 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag


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