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Stille Post – Der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Ein intimer Blick auf Stunden des Glücks in Monaten der Verzweiflung

© Die Berliner Literaturkritik, 10.10.08

 

Liebesbriefe von anderen (vor allem echte, nicht erfundene) lesen wir gern: Sie versprechen ein Glück, das wir womöglich nicht haben, reden von einem Unglück, das uns nicht getroffen hat; sie befriedigen unsere Neugier und nehmen uns, wenn sie schließlich gedruckt werden, die leise Scham des Voyeurs. Handelt es sich bei diesen Briefen gar um solche von bedeutenden Menschen, so sieht sich die Wissenschaft aufgefordert, sie publik zu machen und zu analysieren, versprechen sie doch zusätzlichen Aufschluss über diese Leute, deren Werk wir kennen oder gern kennenlernen möchten.

Gleich vier Herausgeber – allesamt durch frühere Arbeiten als kompetent ausgewiesen – haben also gute Gründe, in einer sorgfältigen Ausgabe den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann mit Paul Celan (samt einigen fürs Verständnis wichtigen Briefen anderer) zu veröffentlichen. „Herzzeit“ haben sie ihn genannt –nach einem Wort, das beiden wichtig war. Waren sich da im Mai 1948 nicht Zwei begegnet, die es magisch zueinander zog? Eine gerade einmal Zweiundzwanzigjährige aus einer Klagenfurter Bürgerfamilie, die deren NS-Vergangenheit schon vorher energisch abgestreift hatte und ein Sechsundzwanzigjähriger, der der Shoa, die seine Eltern verschlungen hatte, entkommen war, befreit aus einem nazistischen Arbeitslager, und der nun als „displaced person“ galt?

Sie trafen einander in Wien, von ihr gab es literarische Entwürfe, von ihm immerhin einen Gedichtband „Sand aus den Urnen“, der – obschon in deutscher Sprache, der seines Elternhauses, geschrieben – 1948 nur in einer winzigen Auflage veröffentlicht worden und unbeachtet geblieben war: Fast niemand kannte dies Buch. Die erste Begegnung muss beide getroffen haben wie ein Blitz. Doch schon das erste erhaltene Zeugnis dieses Briefwechsels, das Ingeborg Bachmann gewidmete Gedicht: „In Aegypten“, setzte das Zeichen: es ist eine Selbsteinrede in der zweiten Person, spricht autoritativ von denen, die dies Du „im Wasser weiß“, von „Ruth, Noemi und Mirjam“ und von der dies Du „der Fremden“ sagen soll, dass es mit ihnen geschlafen habe.

Zu Weihnachten 1948 (da war Celan schon längst weitergezogen nach Paris) schreibt ihm Ingeborg Bachmann: „Ich weiß noch immer nicht, was der vergangene Frühling bedeutet hat (…) Ich  habe Dich heute lieb und so gegenwärtig, das will ich Dir unbedingt sagen.“ Und im Juni 1949: „Ich habe Sehnsucht nach Dir und unserem Märchen. Du bist so weit weg von mir.“…und bringt den Brief nicht zu Ende. Sein Geburtstagsgruß im Juni 1949 sagt: „Ungenau und spät komme ich in diesem Jahr. Doch vielleicht deshalb, weil ich möchte, dass niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebenso viel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle. Seit Wochen freue ich mich auf diesen Augenblick.“

Und sie antwortet: „Ich weiß noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgendetwas tun sollst, was wir anderen hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.“ Aber ach, diese Prinzessin war eine beinah mittellose Studentin der Philosophie, und ihr Märchenprinz ein mittelloser Autor auf der Suche nach einem Verlag. „Mohn und Gedächtnis“ wird Celans erster, erst 1952 in Deutschland veröffentlichter Gedichtband heißen, ein darin aufgenommenes Gedicht „Corona“, das Bachmann in einem Brief als sein schönstes betrachtet, endet

Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt,

dass der Unrast ein Herz schlägt. Es ist Zeit, dass es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Sie aber schreibt: „Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit’. Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde.“ Und im Juni 1951: „Ich sehne mich so nach Dir und bin manchmal fast krank davon, und wünsche mir nur, Dich wiederzusehen, irgendwo aber nicht irgendwann, sondern bald.“

Bachmanns frühe Liebesbriefe sind juvenil, emphatisch, fordernd, die seinen distanzierter, von Trauer versehrt. Jene literarisch gefeilten Formulierungen, die so oft Briefe von Autoren haben (die damit rechnen, dass sie irgendwann öffentlich werden), sie fehlen fast völlig: alles bleibt privat, nur für zwei. Es waren ja nur sechs Wochen gewesen im Frühling 1948. Und es brauchte zwei Jahre, bis sie sich Ende Dezember 1950 in Paris wiedersahen und noch einmal im Februar/März 1951. Rechnet man die Zeiten zusammen, in denen sie miteinander allein sein konnten, bis ins Jahr 1961, so kommt man auf gerade einmal zweieinhalb Monate: Sie konnten zueinander nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.

Wie tief, davon zeugen diese Briefe und auch die langen Zeiten des Verstummens dazwischen. Es war Nachkriegszeit, das Reisen beschwerlich, zur Überwindung von Grenzen brauchte man Visa und Geld, das beide nicht hatten. Sie hatte sich 1953 mit dem Komponisten Hans Werner Henze zusammengetan und 1962 mit Max Frisch, er hatte Ende 1952 die Grafikerin Gisèle de Lestrange geheiratet. Gleichwohl nahmen sie ihre Liebesbeziehung im Oktober 1957 noch einmal auf (das dauerte knapp ein halbes Jahr, während dessen sie sich aber nur gelegentlich sahen.) Während dieser Zeit hatten sich die Rollen verkehrt, nun war Celan der Fordernde, der, der die verlorene Liebe wiederhaben wollte und der nun in Bachmann die Gleichberechtigte erkannte, die Dichterin, die 1953 mit dem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ in die deutsche Literatur eingetreten und, versehen mit dem Preis der „Gruppe 47“ , fast sofort berühmt geworden war. Was an den prekären finanziellen Verhältnissen nichts geändert hatte, Bachmann musste immer wieder Brotjobs annehmen, wie schon in ihrer Wiener Zeit, Celan hat an der „École normale“ Deutschunterricht (!) gegeben.

Ingeborg Bachmann hat später Gisèle persönlich kennengelernt und Celan Max Frisch. Beide waren großzügig genug, um das Schicksalhafte im Leben dieses Liebespaars zu achten, das, was sie trieb und versehrte. 1957 hatte Celan der Geliebten geschrieben: „Du weißt doch: Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich: das Sinnliche und das Geistige. Das kann nie auseinandertreten. Denk an ‚In Aegypten’. Sooft ichs lese, sehe ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.“ Für Bachmann war, was sie verband „das Exemplarische“. Denn mochten sie einander auch verletzen, durch falsche Worte, langes Schweigen, Missverständnisse, mochte alles sich am Ende in einer Art Freundschaft „beruhigen“ – die Leidenschaft füreinander blieb das Signal einer Liebe in „härteren Zeiten.“

Doch Paul Celan stand im Bann fortwährenden „Gedächtnisses“, der Totenfeier, die er denen schuldig war, die nur „ein Grab in den Lüften“ hatten (wie es in der „Todesfuge“, seinem berühmtesten Gedicht heißt.) Die Ermordeten haben ihn schließlich ins Wasser gezogen, dorthin wo „Ruth, Noemi, Mirjam“ waren. Am 20. April 1970 ist er in die Seine gegangen. Im Oktober 1973 ist Ingeborg Bachmann ihm gefolgt, weggerafft von den Verbrennungen, die sie sich im Schlaf zugezogen hatte.

Paul Celan hat noch ihre Wende registriert, von der Lyrik – in der sie so erfolgreich gewesen war – hin zur Prosa, nicht nur zu den wunderbaren Erzählungen, von den frühen über die autobiografischen in „Das dreißigste Jahr“ bis zu „Drei Wege zum See.“, sondern zu einem großen unvollendeten Romanprojekt, das den Titel „Todesarten“ haben sollte. Auch darin war Bachmann dem Geliebten nahe: beide standen immer am Rande. Mochte sie auch den Anschluss an die Literatur der Kollegen suchen, sich mit ganz anderem befassen, mit Hörspielen, mit den Libretti für Opern von Henze – das was sich, unter tausend Zweifeln immer wieder in ihren Kopf senkte, war eben dies: der Tod.

Celan trieb eine andere, sehr berechtigte, zornige Furcht um, die vom Fortleben des Antisemitismus, den er mit dem geschärften Sensorium des Überlebenden auch dort aufspürte, wo andere darüber hinweggingen. Und er war verletzt von dem, was man die „Goll-Affaire“ nannte: Claire, die Frau des Dichters Yvan Goll, bezichtigte ihn des Plagiats, während doch sie es gewesen war, die Celan nach Yvans Tod schamlos plagiiert hatte. Diese Affaire hat das Leben des Dichters über mehr als sieben Jahre vergiftet, und mochten auch seine Freunde für ihn eintreten und das Komplott zwischen Claire und einigen ihrer „Bundesgenossen“ in der Literaturszene schließlich aufdecken – daran waren auch Ingeborg Bachmann und Peter Szondi beteiligt – es ging Celan alles nicht schnell genug: Er wartete mit steigender Ungeduld auf seine Rehabilitierung, mochte die (falschen) Zwänge des westdeutschen Kulturbetriebs nicht mehr hinnehmen, machte gerade denen Vorwürfe, die auf seiner Seite standen, fühlte sich in seiner Rolle als Hüter des Gedächtnisses im Stich gelassen. Auch dies hat zur Entfremdung zwischen Bachmann und Celan beigetragen, obwohl sie einander nach wie vor Bücher mit Widmungen schickten, immer wieder versuchten, den zerrissenen Gesprächsfaden neu zu knüpfen.

Wenn denn ihre Liebe im Himmel beschlossen worden war: Es gab den Himmel nicht! Was sie tun konnten – und taten – war dies: Sie konnten einander geheime Botschaften in ihren Gedichten zu schicken. Hans Höller und Andrea Scholl, zwei der Herausgeber der Korrespondenz, haben das „Briefgeheimnis der Gedichte“ zu entschlüsseln gesucht, die vielen Anspielungen, die Übernahmen eines beiden wichtigen Wortes oder Halbsatzes: dies Gespräch unter Zweien, die einander darin immer wieder fanden. Die Spuren davon lassen sich im Werk beider finden. Sie wurden überdeckt von einem Briefwechsel der oft nur noch das Praktische betraf: Termine, Verlagsquerelen, Nachrichten über die literarische Welt um sie herum. Davon wusste Bachmann mehr als Celan. Er hat ihr das gelegentlich zum Vorwurf gemacht, sah sie verschlungen von einem Literaturbetrieb, den sie doch hasste, selbst wenn sie ihn „bediente“.

Hat doch auch sie viele Gelegenheiten verstreichen, Pläne fallen lassen, genau wie er im fernen Paris. Beide haben für dies – auch im Privaten – unangepasste Leben mit Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken bezahlt. Am Ende hat ihn selbst seine starke, liebevolle Gisèle verlassen, es war zu viel Gewalt im Spiel. Doch der Briefwechsel zwischen ihr und Bachmann gehört zu den wundersamen Stücken dieses Buches. Die Hinneigung, die Bachmann und Lestrange für einander aufbrachten, ist bewegend, obwohl doch gerade darin etwas Privates aufscheint, das den Leser zugleich erschüttert und mit Scham erfüllt, wenn er diese Korrespondenz liest. So wenn Gisèle im Dezember 1970 an Ingeborg schreibt: „Paul hat den denkbar namenlosesten und einsamsten Tod gewählt. Man kann nur dazu  nur schweigen, ihn respektieren, aber das ist sehr hart, Sie wissen das ja. Sie wissen sicher, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr mit ihm zusammengelebt habe. Ich konnte ihm nicht mehr helfen, mich nur noch mit ihm zusammen zerstören, und da war Eric. Ich glaube, dass Paul es manchmal sicher verstand.“ Eric ist der gemeinsame Sohn des Paars. Gisèle Celan-Lestrange und Max Frisch sind beide 1991 gestorben.

So ist auch dieser Briefwechsel eine Art von Totengedenken geworden, er sorgt dafür, dass noch für eine Weile das staunenswerte Werk beider sich nicht vollends ablöst von zwei Leben, in denen Glück allenfalls für Stunden sich einstellen durfte.

Am Ende von Bachmanns Erzählung „Undine geht“ stehen die Verse:

Beinah verstummt,

beinah noch

den Ruf hörend.

Komm. Nur einmal.

Komm.

Doch: Das Wasser war wirklich zu tief. Der dunkle Fluss einer Zeit, die es Menschen nicht erlaubt, glücklich zu sein.

Literaturangaben:
BACHMANN, INGEBORG / CELAN, PAUL: Herzzeit – der Briefwechsel. Herausgegeben von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008, 402 S. 24,80€.

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