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Strukturen zur Aufhebung der Zeit

Thomas Reinhardts Einführung in das Denken Claude Lévi-Strauss’

© Die Berliner Literaturkritik, 16.03.09

 

Hätte Claude Lévi-Strauss nicht 100. Geburtstag, würden wir trotzdem über ihn sprechen? Die ewige Frage nach überzeitlicher Geltung würde Thomas Reinhardt wahrscheinlich mit ja beantworten. Schließlich ist zum Jubiläum seine kleine Einführung in Leben und Werk im Junius-Verlag erschienen, siebzehn Jahre nach der letzten Werkvorstellung im gleichen Verlag, damals noch von Lévi-Strauss-Anhänger und –kritiker Edmund Leach.

Wenig hat man seitdem gehört von dem Mitte der sechziger Jahre für eine kurze Zeit in voller Pariser Modeblüte stehenden Werk des Franzosen. Umso besser, dass es nun in seiner Vielfalt wieder in den Vordergrund rückt. Natürlich sollten wir weiterhin darüber sprechen!

Reinhardt teilt die Schriften Lévi-Strauss‘ in vier Hauptbereiche ein: Verwandtschaftsethnologie, Klassifikationssysteme, Mythenanalyse und sogenannte methaethnologische Betrachtungen, wie Lévi-Strauss sie in „Traurige Tropen“ anstellt. Der ethnologische Strukturalismus, den Lévi-Strauss zu Beginn seiner Karriere im Zusammenhang mit seiner Ausarbeitung universaler Verwandtschaftsmuster entwickelt, ist in der Auseinandersetzung mit seinem New Yorker Mitexilanten, Freund und Trinkkumpan Roman Jakobson, einem der Begründer des linguistischen Strukturalismus, entstanden.

Aus damaliger Perspektive ist es eine Revolution, die den Primitiven und den Zivilisierten mit einem Maß misst und die dem Primitiven die Logizität zuschreibt, die der Zivilisierte bis dahin für sich gepachtet hatte. Aus heutiger Perspektive haftet dieser Theorie etwas faszinierend Statisches, Allgemeingültiges, Überhistorisches an. Dass Lévi-Strauss nicht an irgendeiner Art von kulturellem Relativismus interessiert ist, sondern an der „Aufhebung der Zeit“, merkt man auch daran, dass dieser moderne Mythologe viel von Prousts Madeleines probiert hat und sein Leben lang die verschlungenen Wege der Erinnerung und des Vergessens nachverfolgt. Zuweilen bringt er in surrealistischer Manier die Karten seines umfangreichen Zettelkastens in eine neue, zufällige Konstellation und schafft so Verbindungslinien zwischen weit auseinanderliegenden Punkten, die womöglich eine neue Ordnung herstellen.

Die Atomisierung der Verwandtschaftsverhältnisse, die zentrale Funktion des Tauschs, die Herausstellung der Bruder-Schwester-Beziehung und die Strukturierung von persönlichen Verhältnissen innerhalb der Familie aber sind wohl nicht auf diese Weise zu den grundlegenden ethnologischen Neuerungen der Zeit geworden.

Ob dann in den Ausführungen zum Totemismus oder in der Mythenanalyse, stets wendet Lévi-Strauss das strukturalistische Schema von Atomisierung und Segmentierung, binärer Opposition und Strukturalisierung an. Stets stellt er dabei die Form über den Inhalt, das Denken über den Denkenden, das Strukturelle über das Historische. Man hat ihm deswegen einen „Antihumanismus“ vorgeworfen, doch geht das genauso fehl, wie wenn man Freuds Psychoanalyse ein fehlendes Politikverständnis vorwerfen würde.

Wie dieser geht es Lévi-Strauss‘ Strukturalismus um die kälteren Regionen, die unbewusst uns bestimmen; nicht zuletzt ist es die Geologie, die der Ethnologe als einen seiner großen Einflüsse nennt. Dass die europäische Kultur nur eine hauchdünne Schicht in den Gesteinsablagerungen der Zeit darstellt, ist eine von Lévi-Strauss‘ Überzeugungen. Über diese Sedimente hinauszudenken, Geschichtlichkeit zu reduzieren, hat ihm sein kongenialer Kritiker Jacques Derrida zu Recht übel genommen. Nachzulesen u.a. in dem bei Reinhardt nicht genannten Aufsatz „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen.“

Die Leistung Lévi-Strauss‘ in all diesen Bereichen ist heutzutage umstritten. Der Strukturalismus gilt als überholt, seine quasi-kantianische Ontologie als nicht begründbar, die Interpretation der Mythen und totemistischen Strukturen als rein assoziativ und unwissenschaftlich. Ähnlich wie die Psychoanalyse informiert uns dieser Strukturalismus womöglich weniger über die unbewussten Strukturen des menschlichen Geistes, als über Strukturen ästhetischer Wahrnehmung, wie es Yvan Simonis formuliert. Auch gilt heute die strukturale Linguistik mit ihren binären Strukturen als unterkomplex.

Was dagegen auf jeden Fall von Lévi-Strauss bleiben wird, sind die „Traurigen Tropen“, ein essayistisch-biografisches Werk der Reflexion über die Arbeit des Ethnologen in Zeiten der universalen Monokultur und des Aussterbens der alten Kulturen Amerikas. Es zeugt von der Reflektiertheit dieses Ethnologen, von seiner Bildung, Sensibilität und stilistischen Eleganz, die fast mit schriftstellerischer Ambition daherkommt. Man erkennt hier den wahren Impetus dieses Denkens: die Suche nach indigenen Völkern ist eigentlich eine Suche nach einer besseren Welt. Es ist im Innern eine Beschreibung einer Forschung, an deren Ende die utopische Gesellschaft steht.

Thomas Reinhardt erläutert all dies in knapper, aber verständlicher, sachlicher und adäquater Form. Viel Raum ist ihm im Rahmen der Junius-Reihe nicht gegeben, die sich als Einführungsreihe für Studenten und Interessierte versteht. Er reicht jedoch aus, um sich von Lévi-Strauss‘ Leben und Werk ein Bild zu machen und einige kritische Anregungen aufzunehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Literaturangaben:
REINHARDT, THOMAS: Claude Lévi-Strauss. Junius Reihe zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2009. 187 S., 13, €.

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