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Südostasien & Lateinamerika

Peter Scholl-Latour schildert seine jüngsten Eindrücke in „Die Angst des weißen Mannes“

© Die Berliner Literaturkritik, 01.12.09

BERLIN(BLK) – Peter Scholl-Latours „Die Angst des weißen Mannes“ ist im November 2009 im Propyläen Verlag erschienen.

Klappentext: Mit dem ihm eigenen Gespür für welthistorische Veränderungen schildert Peter Scholl-Latour seine jüngsten Eindrücke aus Südostasien und Lateinamerika, den beiden dynamischsten Regionen des neuen Zeitalters. Eindrucksvoll gelingt es ihm, die aktuellen Konflikte und Umbrüche dieser Länder vor dem Hintergrund ihrer kolonialen Vergangenheit zu beleuchten. Mit profundem Wissen spürt er dem verblassenden Erbe der holländischen, portugiesischen oder spanischen Kolonisten nach, das zunehmend überlagert wird vom erwachenden Selbstbewusstsein der einstigen Kolonialvölker und vom wachsenden Einfluss der neuen Weltmacht China. Wer verstehen will, wie sich die Welt heute verändert, der findet hier dank der sechzigjährigen Erfahrung Peter Scholl-Latours als Chronist des Weltgeschehens und seiner beispiellosen Kenntnis der Länder dieser Erde verlässliche Auskunft.

Der Schriftsteller Peter Scholl-Latour wurde am 9. März 1924 in Bochum geboren, verbrachte seine Kindheit jedoch, aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten, ab 1936 auf einer Schweizer Jesuitenschule. Während seines Studiums als Reisejournalist, arbeitete er bereits für deutsche und französische Rundfunkanstalten. 1965 war er Programmdirektor des heutigen WDR-Fernsehens. Seit 1988 tritt Peter Scholl-Latour vor allem als freier Autor auf, produziert aber auch noch Reportagen für das ZDF oder tritt als Interviewpartner auf. Der Autor wurde unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Bisher veröffentlichte er mehrere literarische Werke, darunter „Im Sog des Generals – Von Abidjan nach Moskau“ und „Weltmacht im Treibsand – Bush gegen die Ayatollahs.“ (ros/olb)

Leseprobe:

©Propyläen Verlag©

Die Wachablösung

Vor seinem Besuch im Konzentrationslager Buchenwald am 5. Juni 2009, so wird berichtet, hat Barack Obama einen politischen Dialog mit Angela Merkel geführt. Eine herzliche Atmosphäre sei dabei nicht aufgekommen. Es heißt, der amerikanische Präsident habe die Kanzlerin am Ende mit einem Thema überrascht, das im vereinbarten Austausch nicht vorgesehen war. »Warum sind Sie gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union?« soll Obama abrupt gefragt haben. Relata refero. Es fällt nicht schwer, sich die Argumente der deutschen Kanzlerin vorzustellen, mit der sie ihre Ablehnung und die der meisten Europäer begründete. Die Türkei, so mag sie entgegengehalten haben, weise noch erhebliche Defizite in Sachen Demokratie und Menschenrechte auf. Der Zypern- Disput sei nicht bereinigt. Die Türkei verhalte sich repressiv gegenüber ihren ethnischen und konfessionellen Minderheiten. Für das Kurdenproblem sei trotz einiger dürftiger Zugeständnisse keine wirkliche Regelung in Sicht. Die Europäische Union sei zudem keineswegs begeistert von der Perspektive, im Fall eines türkischen Beitritts unmittelbarer Nachbar des Kaukasus, Irans sowie Mesopotamiens zu werden und unweigerlich in deren Querelen verwickelt zu sein. Es wäre taktlos gewesen, einem amerikanischen Partner gegenüber, dessen Vater unter dem britischen Kolonialismus gelitten hatte und dessen Frau die Nachfahrin westafrikanischer Sklaven ist, die kulturelle oder gar ethnische Einzigartigkeit des Abendlandes zu betonen, die es gegenüber einer massiven turanischen Zuwanderung aus Anatolien zu bewahren gelte. Selbst ein Verweis auf die Unvereinbarkeit zwischen der christlichen Ursubstanz Europas – die die Kanzlerin, obwohl sie Vorsitzende einer christlichen Partei ist, ohnehin kaum erwähnt – und der spektakulären Rückwendung der post-kemalistischen Türkei zur Lehre des Propheten Mohammed wäre gegenüber Barack Obama unangebracht gewesen. Er bekannte sich zwar in aller Form zum christlichen Glauben, doch die muslimische Religionszugehörigkeit seines Vaters reiht ihn laut koranischem Gesetz unwiderruflich in die Reihen der islamischen Umma ein. Nach dem Sturm der Begeisterung, den die Wahl Barack Hussein Obamas zum mächtigsten Mann der Welt in Europa, mehr noch als in Amerika, ausgelöst hat, kommen wir nicht umhin festzustellen, daß die Beziehungen zwischen der Alten und der Neuen Welt nicht mehr die gleichen sein werden. An infamen Angriffen, an tückischen Verleumdungen wird es in Zukunft nicht fehlen. Noch gibt es zu viele reaktionäre US Citizens, die sich mit der Präsenz eines schwarzen Mannes im Weißen Haus nicht abfinden. Die rassistischen Vorurteile, die William Faulkner vor gar nicht so langer Zeit in der abgrundtiefen Düsternis seiner Romane aus dem »tiefen Süden« schilderte, sind vielerorts noch präsent. Die Dämonen warten auf ihre Entfesselung. Schon meldeten sich Stimmen zu Wort, die die amerikanische Staatsangehörigkeit Obamas in Frage stellen und mit der Behauptung auftreten, er sei in Indonesien als Muslim aufgewachsen. Selbst in europäischen Gazetten kommt plötzlich – vermutlich als Reaktion auf die grandiose Rede, die er in Kairo hielt – der Vorwurf auf, dieser »Commander-in-Chief« gehe nicht mit der gebotenen militärischen Gewalt gegen die Islamische Republik Iran vor, er habe durch seinen Verzicht auf den Ausbau eines Raketenschirms in Polen den Westen der nuklearen Bedrohung durch Schurkenstaaten des Orients ausgeliefert, und gegenüber Israel neige er einer propalästinensischen Haltung zu.

©Propyläen Verlag©

Literaturangabe:

SCHOLL, PETER: Die Angst des weißen Mannes. Propyläen Verlag, Berlin 2009. 368 S., 24,90 €.

Weblink:

Propyläen Verlag


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