Fantastisch und natürlich zugleich ist die Synthese von Musik und Sprache in Sigrid Maria Grohs Gedichtband „Die Zärtlichkeit der Wölfe“. Er erschien im Berliner Czernik Verlag, der mit der Reihe Edition L Lyrik bekannter und unbekannter Autoren den ihr gebührenden Platz bietet. Die Lyrikbände sind laut Verlag „ähnlich musikalischer Kompositionen mit einer Symphonie vergleichbar, enthalten eine Ouvertüre, das Geleitwort, das auf den Inhalt einstimmt, haben einzelne Sätze, Themen voller Melodien, Gedichte, deren Zauber man nur erfährt, wenn man Lyrik, bzw. Musik liebt“. „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ ist eine weitere Wort-Symphonie, lebensnahe Lyrik, nicht artifiziell, sondern natürlich künstlerisch, die ihre Kraft im Moment des Lesens entfaltet und den Leser augenblicklich in tiefe Schichten vordringen lässt. Eine Sogwirkung entsteht, wie wir sie kennen, wenn da ein Klang ist, der uns aus dem Hier und Jetzt reißt.
„Prélude und Nocturnes für einen Tänzer“ lautet der Untertitel, der sowohl auf musikalische Formgebung als auch auf freie impressionistische Lautmalerei hinweist. Romantisch wie Chopinsche Nocturnes sind die verspielten und getupften, wortgewordenen Sehnsüchte und Zweifel. Nicht jedoch das Gewand, in das sie gekleidet sind; die Wort-Tupfen erinnern an atonale, kurze Klavierstücke der klassischen Moderne, die erst im Gesamten einen Ausschnitt der Gefühlswelt widerspiegeln – hochemotionale Augenblicke, mit dem Verstand manchmal schwer zu begreifen, nicht jedoch durch die Empfindung. Den Einband zieren Georgia O’Keeffes „Orientalische Mohnblumen“ (1927). Der Schlafmohn, das einschläfernde Gift Morphin enthaltend, ist Sinnbild des Traums. Die Flucht vor der Ambivalenz des Lebens, den unerreichbaren Dingen, nach denen wir greifen. Dies verkörpert Ikarus – durch die Gedichte zieht sich der rote Faden von mythologischen Figuren. Ikarus, der abstürzte, weil er sich über sein menschliches Schicksal erheben wollte, ist der Rahmen des „Sonnenflug durchs Mohnblumenmeer“: „Ikarus sieh’ / der Orkus gebettet / in die verwaisten Flügel / einer salomeschen Sonne /…/ Ikarus bleib’ / in ihre Flügel gesponnen / tanz / tanz den Flug der Sonne“ Die Wechselseitigkeit des Lebens, das Annähren und Abstoßen, Verletzung und Hoffnung, stehen weder verklärend noch pessimistisch da: „betörend, der Atem der Linde / zeichnet mit Lieblichkeit die Luft / er, der die Liebe birgt / faltet dem Tod die Hände.“ (Hyaden, II)
Am Ende des Bandes sind Texte in deutsch und englisch zu finden. „ORION, omnipotence, omnivorous“ lässt bereits darauf schließen, dass Groh auch hier auf die griechische Mythologie zurückgreift um grundsätzlich Menschliches, das schon immer da war und immer da sein wird, in Worte zu fassen. Die wild assoziierende Sprache des Bewusstseinstroms erinnert an Experimentalfilme, die die Psyche und ihre wilden, verknoteten Gedanken ausleuchten und vor Abgründen nicht zurückschrecken.
Die Gedichte sind angefüllt mit Naturbildern – Himmel, Erde, Pflanzen, Licht, Luft, Feuer. Leben verschmilzt mit Kunst. Auf den teilweise fragmentarisch, teilweise formgenau komponierten Stücken liegt jedoch ein mystischer, verdüsternder Schleier. Bisweilen entsteht eine erdrückende Hoffnungslosigkeit, die sich in Erkenntnis und inneren Frieden auswachsen kann. „Da ich in Flammen aufgehe / in des Wassers abgöttischer Tiefe / deren Stimme mir prophezeit, / da ich Nacht war / ihr Mond und ihr beider / liebreizender Morgen, / hat er den Himmel entzweit, / daß Sterne zu Stein und Licht ihr Schrei.“ (Abendstern)
Bisweilen stehen die Textzeilen sperrig da, der Inhalt, so scheint es, will sich nicht erklären lassen. Er will nur aufgenommen werden, gleich Musik, die ausdrückt, was Worte manchmal nicht in dieser Weise können. Der ursprüngliche, authentische Rhythmus der Sprache ist dafür Fundament. Die Suite „Cruz – Kreuz des Südens“ ist schon der Form wegen ein Genuss zum Lesen, doch der Schatten der Zeilen lastet schwer. Hier wurde komponiert, so liest sich eine barock-moderne Suite. Die Wortneuschöpfungen fließen sensibel unaufdringlich in den Wortschwällen, kaum fallen sie auf, färben jedoch gewinnbringend, oszillierend, verfeinernd. Wie beim Hören von Musik ist das Erleben der Gedichte bei jedem Lesen anders; die Färbung variiert, nie wirken sie abgeschlossen, sie sind ein lebendiges Stück Klang, der vielleicht unbemerkt in uns eindringt und sich tief drinnen ausbreitet. In seinem Geleitwort schreibt Verleger Theo Czernik: „Gegen jedes bessere Wissen sagen wir, die Zeit heile Wunden.“ Möglicherweise steckt in dem Gedichtband viel von dem Streben, welches für den Menschen oft so schwer, so unerreichbar ist: Dinge sein lassen können, die in den Lauf der Zeit gehören.
Von Linda Wagner
Literaturangaben:
GROH, SIGRID MARIA: Die Zärtlichkeit der Wölfe. Prélude und Nocturnes für einen Tänzer. Czernik Verlag / Edition L, Berlin 2007. 64 S., 18 €.
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