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Tagebuch eines Erziehers

Das Leben und Werk des Janusz Korczak

© Die Berliner Literaturkritik, 23.01.12

GÜTERSLOH (BLK) – Am 22. Juni 2011 erscheint Friedhelm Beiners „Janusz Korczak – Themen seines Lebens beim Gütersloher Verlagshaus. Beiner, der ehemalige Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Wuppertal, gilt als international anerkannter Experte im Bezug auf Werk und Schaffen Korczaks.

Klappentext: Das umfangreiche publizistische und literarische Werk Janusz Korczaks ist ohne Kenntnis der biografischen Hintergründe, vor denen es entstanden ist, nur schwer zu verstehen. Hier zeichnet Friedhelm Beiner nach, in welchen Lebensabschnitten und unter welchen Eindrücken der Arzt, Literat und Pädagoge seine Themen entwickelte. In der Entfaltung der Lebensthemen Korczaks entsteht so eine einzigartige Werk-Biografie. Sie reicht von den Erinnerungen Korczaks an seine Kinder- und Jugendzeit bis zum Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto, das Korczak am 4. August 1942 abbrechen muss, weil die Nazi-Schergen ihn und seine Kinder in die Todeswaggons nach Treblinka trieben.

Der 1939 geborene Friedhelm Beiner, ehemals Professor für Erziehungswissenschaften, hatte langjährig den Vorsitz in sowohl der deutschen als auch der internationalen Korczak-Gesellschaft. Bereits zuvor publizierte er über das Leben und Werk Janusz Korczaks und gilt auf dem Gebiet als einer der führenden Experten.

Leseprobe:

©Gütersloher Verlagshaus©

 

Geburt und Herkunft: 1878 (79?)

Aufgrund der fast vollständigen Vernichtung des polnischen Judentums und der Niederbrennung und Zerstörung von Korczaks Geburtsstadt Warschau durch die Nazis gibt es keine Dokumente über die Geburt und Namensgebung des Henryk Goldszmit; es gibt lediglich einige Selbstzeugnisse in seinen Schriften, die den Anfang des Lebensweges des späteren Arztes, Erziehers und Poeten ein wenig erhellen: So findet sich in seinem letzten Typoskript, dem Pamiętnik, was mit „Tage- oder Erinnerungsbuch“1 übersetzt werden kann, unter dem Datum 21. Juli 1942 die Notiz: „Morgen werde ich dreiundsechzig oder vierundsechzig. Mein Vater ließ für mich mehrere Jahre keine Geburtsurkunde ausstellen.“ Korczaks Geburtstag ist demnach der 22. Juli des Jahres 1878 oder 1879. Und zu seinem Vornamen erläutert er im selben Text: „Ich bin nach meinem Großvater benannt, und Großvater hieß mit Vornamen Hersz (Hirsz). Mein Vater hatte das Recht, mich Henryk2 zu nennen, denn selbst hatte er den Namen Józef3 erhalten.“4 Und dank der Recherchen der Warschauer Korczak-Forscherin Maria Falkowska5 wissen wir auch etwas über seine Herkunft: Henryks Vater, Józef Goldszmit (1846–1896), ist ein angesehener, gut verdienender Rechtsanwalt. Mit einer Arbeit zum Scheidungsrecht, einigen literarischen Texten sowie Appellen an polnische Juden trat er öffentlich in Erscheinung. Obwohl selbst als Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft aufgewachsen, fördert er als Anhänger der Aufklärungsbewegung „Haskala“ die Integration der jüdischen Bevölkerung in die polnische Kultur und Gesellschaft; so plädierte er beispielsweise an die orthodoxen Juden, ihre Kinder verstärkt in weltliche Bildungsinstitutionen (Kindergärten u. ä.) zu schicken.6 Henryks Mutter, Cecylia Goldszmit (1857–1920), ist eine gebürtige Gębicka. Sie steht dem Familienhaushalt vor, in welchem es eine Köchin, eine Putzfrau und ein Kindermädchen gibt. Henryk hat eine vier Jahre ältere Schwester; sie heißt Anna. Henryks Großvater, Hersz Goldszmit (1804–1872), war Chirurg. Er und seine Frau Chana Goldszmit (1806–1867) lebten als sozialpolitisch engagierte Bürger in Hrubieszów (unweit Lublin). Während ihr ältester Sohn Ludwik 18jährig zum Christentum konvertierte, setzten ihre beiden anderen Söhne, Jakub und Józef (Henryks Vater), die Bestrebungen ihrer Eltern für eine Verständigung zwischen dem christlichen und dem jüdischen Teil der polnischen Gesellschaft fort. Urgroßvater Goldszmit war Glaser. Henryks Großvater, Józef Adolf Gębicki (1826–1877), war erfolgreicher und angesehener Kaufmann in Kalisz. Seine Frau Emilia (Mina) Gębicka (geb. 1830) lebt seit dem Tod ihres Mannes in der Familie ihrer Tochter Cecylia, Henryks Mutter. Sie und ihr Enkel Henryk haben ein herzliches Verhältnis miteinander. Urgroßvater Gębicki promovierte 1808 an der Erfurter medizinischen Fakultät.

 

1. Das Pamiętnik ist sowohl ein Tage- als auch ein Erinnerungsbuch. Es wurde als Typoskript von Korczaks engstem, nicht-jüdischen Mitarbeiter Igor Newerly aus dem Warschauer Ghetto „geschmuggelt“, im Waisenhaus für nicht-jüdische Kinder in Bielany eingemauert und nach dem Krieg aus dem Versteck geholt und veröffentlicht.

2. Henryk ist die polnische Namensvariante zum jiddischen Hersz, Diminutivform: Hirsz.

3. Józef ist die polnische Variante zum jiddischen Josef.

4. Zitiert nach: Korczak, Janusz: Sämtliche Werke (künftig abgekürzt mit: SW). Nähere bibliographische Angaben zu allen Bänden der Sämtlichen Werke: s. S. 288.

5. Vgl. Falkowska, Maria: Kalendarz życia, działalności i twórczości Janusza Korczaka (Kalendarium über Leben, Werk und Tätigkeiten Janusz Korczaks), Warszawa 1989, S. 25ff.

6. Vgl. Goldszmit, Józef: O koniecznej potrzebie ochrony dla chlopców mojzeszowego wyzanania w Warszawie (Über die unbedingte Notwendigkeit des Schutzes für die Jungen mosaischer Konfession in Warschau). In: Izraelita 1866, Nr. 24, S. 206. In derselben Zeitschrift ruft er 1869 (Nr. 34, S. 285) dazu auf, „weltliche Kinderhorte“ einzurichten.

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1. Erinnerungen an die Kindheit: 1878–1890

Vorschulzeit (1878–1885)

 

 

In einem Glückwunschbrief des erwachsenen Korczaks an einen neuen Erdenbürger lesen wir: „So viele Papiere sind mir abhanden gekommen, aber den Brief eines Rabbiners, der mich gesegnet hat, als ich geboren wurde, den habe ich noch.“1 Und in dem schon erwähnten Pamiętnik finden wir seine Erinnerungen an die Kindheit: „Nicht umsonst hat mich Vater in meiner Kindheit eine Schlafmütze und einen Trottel genannt und in stürmischen Augenblicken sogar einen Esel und Idioten. Allein die Großmutter hat an meinen Stern geglaubt. Sonst aber – war ich ein Faulpelz, eine Heulsuse, ein Tölpel … und zu nichts zu gebrauchen. … Großmutter gab mir Rosinen und sagte: ‚Du Philosoph’. Angeblich gestand ich dem Großmütterchen schon damals in einem vertrauten Gespräch meinen kühnen Plan zur Umgestaltung der Welt. … Ich war damals fünf und das Problem beschämend schwer: Was tun, damit es keine schmutzigen, zerlumpten und hungrigen Kinder mehr gibt, mit denen ich nicht spielen darf, im Hof, wo unterm Kastanienbaum, in einer blechernen Bonbonbüchse, in Watte eingepackt, mein erster mir nahe stehender und geliebter Toter beerdigt liegt, wenn auch nur ein Kanarienvogel. Sein Tod warf die geheimnisvolle Frage nach der Konfession auf. Ich wollte ein Kreuz auf sein Grab stellen. Das Dienstmädchen sagte, nein, das sei ein Vogel, etwas sehr viel Niedrigeres als ein Mensch. Sogar zu weinen sei Sünde. Soweit das Dienstmädchen. Schlimmer freilich war, dass der Sohn des Hausmeisters befand, der Kanarienvogel sei Jude. Und ich. Ich sei auch Jude, er aber sei Pole, Katholik. Er im Paradies, ich hingegen würde, sofern ich keine unanständigen Ausdrücke gebrauchte und daheim Zucker stähle, den ich ihm gehorsam brächte – nach meinem Tod in etwas kommen, das zwar nicht die Hölle sei, aber es sei dort finster. Und ich hatte Angst in einem dunklen Zimmer. Der Tod. – Der Jude. – Die Hölle. Das schwarze jüdische Paradies. – Übergenug, um mir Gedanken zu machen.“2 Wie andere über ihn denken, ergibt sich aus Unterhaltungen der Erwachsenen: „Ich war ein Kind, das ‚sich stundenlang mit sich allein beschäftigen kann’, bei dem ‚man nicht merkt, dass ein Kind im Hause ist’. Klötze (Bausteinchen) bekam ich mit sechs Jahren; ich hörte auf, damit zu spielen, als ich vierzehn war.

1. Brief an Dan Golding, in: SW, Bd. 15, S.31.

2. Ebd., S. 301f.

©Gütersloher Verlagshaus©

 

Literaturangabe: BEINER, FRIEDHELM: „Janusz Korczak – Themen seines Lebens“. Eine Werkbiografie. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. 288 S., 19,99 €.

 

Weblink Gütersloher Verlagshaus


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