DRESDEN (BLK) - Mit seinem Leben schrieb er Geschichte: Die 1995 erschienenen Tagebücher „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ von Victor Klemperer gelten als eine der eindrücklichsten Schilderungen des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. In den Aufzeichnungen, die sich in der Sächsischen Landesbibliothek befinden, schilderte er seine Verfolgung als Jude. Seine zweite Frau Hadwig hatte die schwer lesbare Handschrift ihres Mannes entziffert. „Die Tagebücher zeugen von der Demontage einer bürgerlichen Existenz“, sagt der Professor für Neueste deutsche Literatur und Didaktik an der TU Dresden, Klaus Schuhmacher. An diesem Donnerstag (11.2.) jährt sich Klemperers Todestag zum 50. Mal.
Victor Klemperer kam am 9. Oktober 1881 als achtes Kind eines Rabbiners in Landsberg (Warthe) zur Welt. Das Gymnasium brach er ab und machte nach dem Willen der Eltern eine kaufmännische Ausbildung. Mit 20 holte Klemperer das Abitur nach, studierte dann Philosophie, Germanistik und Romanistik in München, Genf, Paris und Berlin. 1906 heiratete er die ein Jahr jüngere Pianistin Eva Schlemmer, 1912 konvertierte er und wurde Protestant. Nach Promotion (1912) und Habilitation (1914) wurde er Lektor in Neapel, 1915 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. 1920 ging er nach Dresden und übernahm den Lehrstuhl für Romanistik an der Technischen Hochschule.
Die Nazis jagten ihn 1935 jedoch aus dem Amt, wenig später konnte er auch nicht mehr wissenschaftlich arbeiten. Emigrationsversuche scheiterten. Seine „arische“ Frau durchlitt mit ihm zwölf Jahre Erniedrigung, Angst, Demütigung und Ausgrenzung, Elend und Not. 1940 mussten sie ihr Haus verlassen und ins „Judenhaus“, Klemperer leistete Zwangsarbeit. Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 rettete den Publizisten vor der bevorstehenden Deportation. Das Ehepaar konnte nach Bayern flüchten.
Nach Kriegsende kehrte das Paar nach Dresden zurück, wo Klemperer wieder lehrte. „Ich möchte gar zu gerne am Auspumpen der Jauchengrube Deutschlands mitarbeiten, dass wieder etwas Anständiges aus diesem Lande werde“, schrieb er 1946 an Freunde. 1945 war er in die Kommunistische Partei eingetreten. Nach Evas Tod 1951 lehrte er an der Berliner Humboldt-Universität, heiratete eine Studentin. 1953 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften Berlin und setzte sich für die Erneuerung humanistischen Denkens ein.
Penibel, unermüdlich und ehrlich beschrieb er die Details der Verfolgung und wie er später in der sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 in der DDR alles daransetzte, seinen beruflichen und persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Als „Vorzeige-Wissenschaftler und –Jude“ wollte er endlich zu beruflicher Anerkennung, Ruhm und Wohlstand kommen. Ein Weggang in den Westen kam für ihn niemals in Betracht. „Ich habe allen Glauben an Wirkungsmöglichkeiten verloren. Allen Glauben an Rechts und Links. Ich lebe und sterbe als einsamer Feuilletonist“, notierte er jedoch enttäuscht kurz vor seinem Tod. Am 11. Februar 1960 erlag er in Dresden einem Herzinfarkt.
Mit insgesamt 6746 Tagebuch-Seiten hinterließ Klemperer eine umfassende persönliche Chronik erlebter deutscher Geschichte zwischen 1881 und 1959. Wichtig seien vor allem die Aufzeichnungen über die Nazizeit, sagt Prof. Schuhmacher. „Er beschreibt einen Prozess, wie aus einem Mitbürger der Gegenmensch, der Feind und am Ende der staatlich verordnete Unmensch wird.“ Mehr als viele andere Publikationen sagt ein sprachkritisches Werk Klemperers etwas über diese Zeit. In „LTI - Notizbuch eines Philologen“ demaskiert er die „Lingua Tertii Imperii“, die Sprache des Dritten Reiches. (dpa/kör)