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Theatermann Pavel Kohout: Europas Geschichte in einer Person

Kohouts Leben sei interessanter als sein Werk, schrieb eine tschechische Zeitung über den Autor

© Die Berliner Literaturkritik, 18.07.08

 

Von Jakob Lemke

PRAG (BLK) – Vor öffentlichen Konflikten hat der große tschechische Dramatiker Pavel Kohout („August, August, August“) nie zurückgeschreckt. Am Sonntag (20. Juli 2008) wird Kohout 80 Jahre alt. Die Strukturen der Macht und ihr Einfluss auf den Einzelnen ziehen sich durch die Prosa Kohouts. „Ich liebe das Leben, weil ich darin auftreten darf“, sagte der Theatermann einmal. Kohouts Leben sei interessanter als sein Werk, schrieb die tschechische Zeitung „Lidovny noviny“ über den 1928 in Prag geborenen Autor.

Der Zweite Weltkrieg war gerade zu Ende, als er Philosophie und Literatur in Prag zu studieren begann. Der junge Kohout engagiert sich in der Kommunistischen Partei (KP) und dichtet im Arbeiter-und-Bauern-Stil, etwa ein Loblied auf Traktoren. Politisch zuverlässig, darf er als tschechoslowakischer Kultur-Diplomat in die Botschaft nach Moskau. Zurückgekehrt wird Kohout in Prag bekannt als Chefredakteur des Satireblatts „Dikobraz“ (Stachelschwein). Mit dem Soldatendrama „Septembernächte“ (1955) und dem raffiniert konstruierten Werk „So eine Liebe“ (1958) stellen sich die ersten Bühnenerfolge ein.

Sein wohl berühmtestes Stück „August, August, August“, eine im Zirkus angesiedelte Parabel, veröffentlicht Kohout 1967 und nimmt darin die Ereignisse des Prager Frühlings voraus. Der Clown August will unbedingt die weißen Lipizzaner dressieren. Der Zirkusdirektor verspricht ihm dies unter Bedingungen. Clown August gelingt es mit Witz und Fantasie, alle Forderungen zu erfüllen – doch als er in der Manege auf die Pferde wartet, schickt der Direktor hungrige Tiger.

Ganz ähnlich erging es dem Teilzeit-Funktionär Kohout, der die Reformbewegung von Alexander Dubcek („Sozialismus mit menschlichen Gesicht“) unterstützte. Der Prager Frühling endet im August 1968, Sowjetpanzer machen den Träumen ein blutiges Ende. Kohout wird aus der Partei ausgeschlossen, mit Bühnen- und Publikationsverbot belegt, von der Geheimpolizei schikaniert. „Ich sah nicht voraus, dass es eine Allegorie auf das Schicksal meines Landes und meiner Partei werden würde“, setzt Kohout dem „August“ ein neues Vorwort.

Mit der von Vaclav Havel angeführten menschenrechtlichen „Charta 77“ gelingt es Kohout und anderen Dissidenten, den Eisernen Vorhang 1977 einmal mehr schriftlich zu durchdringen, um im Westen auf die sozialistische Realität aufmerksam zu machen. Es entwickelt sich der tschechische „Fall Biermann“: 1978 wird Kohout nach einer Österreich-Reise die Wiedereinfuhr in die Tschechoslowakei verwehrt. Offene Proteste bleiben erfolglos. Gegen seinen Willen ausgebürgert, nimmt er in Wien die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Rehabilitiert wird Kohout daheim erst nach 1989 mit der „sanften Revolution“; 1996 gründet er das „Prager Theaterfestival deutscher Sprache“. Als Kohouts jüngste Premiere „Eine kleine Machtmusik“ im Herbst 2007 erfolglos bleibt, gibt er die Festivalleitung an jüngere ab und verschwindet aus der Prager Öffentlichkeit. „Der Meister war böse auf die schlechten Kritiken“, hieß es zuletzt aus dem buntgemischten Freundeskreis. Auch in Deutschland wurden seine früher viel beachteten Bühnenstücke und Romane in den letzten Jahren selten wiederaufgelegt. Beiderorten wartet man auf die künstlerische Rückkehr – Kohout hat schon manche Krise bestanden.


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