Thomas Manns unvergängliches Werk

Zum 50. Todestag von Thomas Mann: Neue und neu aufgelegte Bücher

© Die Berliner Literaturkritik, 21.03.15

 

Dieser Artikel erschien erstmals im August 2005 in diesem Literatur-Magazin.

Von Klaus Hammer

Als Thomas Mann 1954 aus einer voluminösen amerikanischen Bibliographie ersah, wie oft sein Leben und Werk schon Gegenstand kritischer und literaturhistorischer Bemühungen gewesen war, hegte er die geheime Befürchtung, ob sich die Mitwelt nicht „zuviel“ mit ihm beschäftige und dadurch seinen „Nachruhm schreibend und redend aufgezehrt“ habe. Sein zweifelndes Wort bringt uns heute erst recht zu Bewusstsein, in welchem Maße dieser Schriftsteller im „Munde der Mitwelt“ war und bis ins 21. Jahrhundert eine noch ungleich größere Wirkung ausgeübt hat und auch weiterhin ausüben wird.

Neue Rundschau

Das jüngste Heft der 1890 von S. Fischer begründeten „Neuen Rundschau“, zu dessen berühmtesten Mitarbeitern einst Thomas Mann zählte,  ist dem Meister selbst gewidmet. Hier berichten sechs Autoren von ihren früheren oder jetzigen Begegnungen mit diesem Jahrhundertschriftsteller: Der einstige Programmierer und heutige Romanautor Richard Powell musste in den 1980er Jahren in den Bostoner Docks über die Rechner einer Datenverarbeitungsfirma wachen, und die nächtliche Thomas-Mann-Lektüre hat ihn veranlasst, Boston zu verlassen und sich ganz dem „Fieber der Widersprüche“ zu widmen, „das ich nicht einmal gekannt hatte, bevor Thomas Mann mich damit ansteckte“. Ein Lesetagebuch aus seiner Geburtsstadt Buenos Aires legt Alberto Manguel mit Erinnerungen an den „Zauberberg“, an das Reisen, an die Emigration vor. „Als Leser werde ich zum Lehrling des Autors und möchte den Zauber seiner Seiten in meine Gegenwart hin ausweiten.“ An den Lido des „Tod in Venedig“ ist Michael Cunningham zurückgekehrt und folgt in seinen Reflexionen Gustav Aschenbach und anderen Figuren der europäischen und amerikanischen Literatur. Nicht nur eine, sondern mehrere Übersetzungen etwa des „Todes in Venedig“ berücksichtigen „das grundsätzliche Wesen der Literatur als veränderlicher und niemals abgeschlossener Prozess“, in dem beide, Schriftsteller wie Leser, versuchen, „zum Kern der Sache vorzudringen, etwas zu vervollständigen, das nicht vervollständigt werden kann“. „Der Zauberberg stimmt nicht“, stellt Dieter Forte übereinstimmend mit den Davos-Besuchern, die auf den Spuren Thomas Manns wandeln wollen, in seiner Skizze „Roman und Realität“ fest. „Klagen wollten die Chefärzte der Sanatorien, obwohl sie doch als reale Person gar nicht gemeint waren“, „verleumdet fühlte sich Davos als Krankenort, der in der literarischen Verwandlungskunst Thomas Manns ja nur als Dekor erscheint, die Landschaft als Symbol…“ Michael Lentz dagegen geht dem Tod Thomas Manns am 12. August 1955 nach, dem Schwächeanfall, der Brille, nach der er verlangt, dem Kollaps am nächsten Morgen, den erfolglos bleibenden Bluttransfusionen. Dabei schlägt er eine Brücke vom „Riss, der das vegetative System schließlich außer Funktion setzt“, zur Sprache, die mit Manns Texten weiterlebt und ins „vegetative Nervensystem“ der deutschen Literatur eingedrungen ist.

Frankfurter Ausgabe

Seit Dezember vorigen Jahres liegen drei neue Bände der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA) bei S. Fischer vor: die frühen Erzählungen 1893-1912, der Roman „Königliche Hoheit“ (1909) und Briefe II 1914-1923. Terence J. Reed hat nicht nur einen spannend zu lesenden Kommentar zu den frühen Erzählungen zusammengestellt, sondern auch deren Textgrundlage einer Revision unterzogen. Da er oft nicht der Handschrift, sondern zeitnahen Druckversionen den Vorzug gibt, lesen sich Erzählungen wie „Der kleine Herr Friedemann“ und „Tonio Kröger“ etwas anders. Auch der Schluss der Novelle „Wälsungenblut“, in der Wagners Mythos in Form einer Parodie und Travestie auf das Milieu eines dekadenten bürgerlichen Ästhetizismus übertragen wird, klingt ungewohnt. Hier eröffnen sich für den Thomas-Mann-Spezialisten neue Zugänge und Interpretationsmöglichkeiten.

Der Thomas-Mann-Leser ohne ausgesprochen wissenschaftliche Ambitionen wird eher mit Freude auf eine limitierte Sonderauflage sämtlicher Erzählungen Thomas Manns in einem Band zurückgreifen, die der S. Fischer Verlag zu einem enorm günstigen Preis herausgebracht hat – von den Erstlingen „Vision“ (1893) und „Gefallen“ (1894) bis zur letzten großen Erzählung „Die Betrogene“ von 1953 ist hier alles enthalten. Die kleine Skizze „Vision“ ist noch eine Stilnachahmung des gerade in Mode gekommenen Impressionismus und wurde Hermann Bahr gewidmet, der gerade die „Überwindung des Impressionismus“ proklamiert hatte. Sie wie auch die Liebesnovelle „Gefallen“, die Richard Dehmel seinerzeit als „seelenvolle Prosa“ bezeichnet hatte, hat Thomas Mann in keine seiner Sammlungen aufgenommen. Der Nachdruck beider Texte erfolgte erst 1958 in dem im S. Fischer Verlag erschienenen Band „Erzählungen“. Dagegen enthielt das erste Novellenbändchen von 1898 die Titelerzählung „Der kleine Herr Friedemann“, „Der Tod“, „Der Wille zum Glück“, „Enttäuschung“, „Der Bajazzo“ und „Tobias Mindernickel“. Schon in dieser frühen Phase vermochte Thomas Mann alle spezifischen Elemente seines Erzählens in dem Roman „Die Buddenbrooks“ (1901) zu epischer Totalität zu fügen. In der Geschichte einer Patrizierfamilie durch vier Generationen wird das vollkommene Bild einer Welt abgesteckt, deren Grenzen der Erzählkunst Thomas Manns ein für allemal den weitesten Rahmen geben. Durch die Hereinnahme vergangener Zeitschichten, die aus intimster Detailkenntnis heraus erfolgt, transzendiert Thomas Mann spiegelbildlich das 19. Jahrhundert. Von turbulenten Grotesken wie der Beschreibung eines Schultages des kleinen Hanno bis zu ergreifenden Szenen des Sterbens spannt sich hier der Bogen.

Damit ist schon das Koordinatensystem gegeben, innerhalb dessen Thomas Mann bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein sein Lebenswerk entfalten kann. Es gestattet ihm, die verschiedensten Formen des Gleichgewichts zwischen den ihm verfügbaren Materialien und Stilen herzustellen. So wurde schon drei Novellen der Frühzeit unmittelbar nach Erscheinen klassischer Rang zugesprochen. In „Tristan“ (1903) erörtert Thomas Mann den Konflikt zwischen Bürger und Künstler, indem er die Repräsentanten beider Lebensformen, den hanseatischen Kaufmann Klöterjahn und den Schriftsteller Detlev Spinell, um die lebendige Mitte einer todgeweihten jungen Frau satirisch ins Gleichgewicht setzt und dabei der Figurenkonstellation durch Öffnung auf Richard Wagners „Tristan“ und das mittelalterliche Gedicht hin Verbindlichkeit und Tiefe verleiht. In „Tonio Kröger“ (1903) und „Der Tod in Venedig“ (1912) wird der Konflikt im Schicksal der Zentralgestalten personalisiert, verinnerlicht, subtilisiert: Tonio Kröger, Erbe beider Lebensformen, vermag den Konflikt in der Schwebe wechselseitiger Sehnsucht zu halten. Gustav Aschenbach, reifer, überreifer, todesnäher, geht, in die folgenlose Liebe zu dem schönen Knaben Tadzio, einer Inkarnation des Todesboten Hermes, verstrickt, an dem Konflikt zugrunde. Das Ende eines Individuums signalisiert hier das Ende einer Epoche. Wir schreiben den Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Wie alle seit 1918 geschriebenen Erzählungen ist auch die Geschichte von „Mario und der Zauberer“ stofflich im familiären Umkreis Thomas Manns angesiedelt. Die Familie steht diesmal aber nicht im Mittelpunkt, sondern spielt die Rolle von Zuschauern, die zwar von den Vorgängen im italienischen Badeort betroffen, aber nicht direkt an ihnen beteiligt sind. Die Novelle ist die erste künstlerische Arbeit Thomas Manns, in der seine nach dem Weltkrieg gewonnenen demokratischen Anschauungen ihren Niederschlag finden. Der „Zauberer“ Cipolla beherrscht den dirigierend-despotischen Stil des Magiers, er inszeniert sein entwürdigendes Spiel mit allen und lässt die Beleidigten sogar noch applaudieren. Der Schein der Illusion wird benötigt für das Spiel der Macht, die jede Scham verletzt und entwürdigende Unterwerfung zur Folge hat. Der Schluss mit der völlig unerwarteten Pointe ist wohl nur so zu erklären, dass Mann hier – er schrieb ja am Josephs-Roman – den Mythos ausgleichender Gerechtigkeit als „unerhörte Begebenheit“ erfindet. Mann hat zunächst auf den allgemein-ethischen Aspekt dieser Novelle hingewiesen, ehe er einige Zeit später immer mehr eine deutlich politische Deutung akzeptierte. Die Dämonisierung des Irrationalen, der geistfeindliche Wille zur Macht bei Cipolla geht einher mit der Erzählerperspektive des Wissenden, Erkennenden – und Mario wird am Schluss zum Gegenspieler des Zauberers.

Thomas Manns letzte vollendete Erzählung „Die Betrogene“ hat die Liebe einer alternden, von der Natur betrogenen Frau zu einem jungen Mann zum Zentralthema, eröffnet aber auch in vielen mythologischen Motiven Beziehungen zu „Tonio Kröger“ und zum „Tod in Venedig“. Als sich bei der Frau noch einmal die Menstruation einstellt, scheint „Liebesfrühling“ angesagt zu sein, „nachdem schon der Herbst eingefallen“, notiert Mann 1952 im Tagebuch. „Dann stellt sich heraus, dass die Blutung das Erzeugnis von Gebärmutterkrebs war“ – „furchtbare Vexation!“ Dennoch kann sich die Heldin letztlich mit der Natur, die sie so getäuscht hat, wieder versöhnen.

„Herr und Hund“

Um nach den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erst einmal wieder „das Handgelenk zu üben“, entstand die Geschichte von „Herr und Hund“ (1919), „deren Thema „das idyllische Zusammenleben mit der Kreatur ist“, schreibt Thomas Mann rückblickend 1940. Für die Einzelausgabe in der Reihe „Fischers Illustrierte Bücher“ (1925) schuf Georg Walter Rößner 15 köstliche Zeichnungen, und diesen bibliophilen Druck hat jetzt S. Fischer erneut aufgelegt. Der vierbeinige Held, von dem hier erzählt wird, war 1916 in den Besitz der Familie Mann gekommen. Mehrere Jahre war Bauschan – seinen Namen hatte Thomas Mann aus Fritz Reuters „Ut mine Stromtid“ entliehen – das Lieblingstier seines Herrn, bis er an einer Staupe einging. Der Kontrast zwischen der Form der Idylle und den politischen und existentiellen Bewegtheiten der Zeit wird von Thomas Manns eigenem Kommentar gestützt: Sie ist für ihn „eine seelische, idyllisch-menschliche Reaktion auf die Zeit, ein Ausdruck einer durch Leiden und Erschütterungen erzeugten weichen Stimmung, des Bedürfnisses nach Liebe, Zärtlichkeit, Güte, auch nach Ruhe und Sinnigkeit“. Thomas Manns liebevoll-ironisierenden Bemerkungen über die Hundepsychologie liegt die spielerische Freude über die Entdeckungen bei Bauschan zugrunde, der sich durch bäurische Tugend, Temperament und Intelligenz, aber auch durch Beharrlichkeit auszeichnet. Gleichzeitig wird immer die Idylle betont, die parkähnliche Landschaft als das Revier der erholsamen Spaziergänge, die Ruhe, die vertrauten, liebgewordenen Gewohnheiten – der Mensch lebt den Ordnungen des Tagesablaufs und der Natur entsprechend.

Thomas Manns letzte essayistische Bemühung galt Friedrich Schiller. Fünfzig Jahre nach der sehr subjektiven Schiller-Studie „Schwere Stunde“ (1905), in dem er zu dieser Zeit jenes Ideal eines Künstlers sah, der aus innerer Schwäche, trotz körperlicher Leiden und geistiger Skrupel sich zu wahrer Größe aufrichtet, griff er auf jene Studie zurück, um in dem „Versuch über Schiller“ (1955) dem Dichter noch einmal zu huldigen. An den Schiller-Stätten in Stuttgart und Weimar fand er treffliche Worte über die Sprache des „Wallenstein“-Dichters, seine Freundschaft mit Johann Wolfgang von Goethe, seine „realistische Unverschwärmtheit“ und die „klassische Popularität“, die in überraschender Weise das Problem des Romans „Doktor Faustus“ von der „Vereinigung des Volkstümlichen mit dem Hochkünstlerischen“ löste. Stärker als in den Goethe-Reden 1949 betonte Mann nun die nationale Sendung der Klassiker und das Zukunftselement ihres Erbes. Jetzt, zum Schillerjahr 2005, hat der Frankfurter Verlag S. Fischer diesen großen Essay erneut herausgebracht. Auch wenn der Autor 1955 bezweifelte, „ob nicht frischer, inniger, glücklicher, bleibender jene Knapp-Skizze von damals („Schwere Stunde“) war“, kehrt der Schiller-Versuch noch einmal zur Figur Schiller als Kontrastfigur zu Goethe und dessen „exakte und sinnliche Einbildungskraft“ zurück. In dem Maße, in dem Schiller und Goethe sowohl in „Schwere Stunde“ als auch in „Lotte in Weimar“ die beiden Extrempositionen lebbaren Künstlertums repräsentieren, hatte der Autor im „Tod in Venedig“ das Bild eines Daseins im Zeichen der Kunst gezeichnet, das letztlich an der großen Aporie von Leben und Geist zu scheitern bestimmt war.

Schopenhauers pessimistische Willenslehre und Nietzsches Kulturkritik bilden im Zusammenspiel mit Richard Wagners Musikdramen das künstlerische und intellektuelle Substrat, von dem Thomas Mann sein ganzes Leben lang zehrte. Und es war Wagner, der ihn dazu veranlasste, von Deutschland Abschied zu nehmen. Sein Festvortrag „Leiden und Größe Richard Wagners“, den er zum 50. Todestag des Komponisten im Februar 1933 in München hielt und der einer seiner berühmtesten Essays werden sollte, wurde als Majestätsbeleidigung empfunden und Thomas Mann zum Undeutschen erklärt, seine Entwicklung vom National-Konservativen hin zum liberalen Republikaner diffamiert. Unter dem Titel „Im Schatten Wagners“ hat Hans R. Vaget alle Äußerungen Thomas Manns über Richard Wagner aus Briefen, Tagebüchern, Essays und Romanen zusammengetragen und kommentiert. Hier eröffnet sich eine wahre Fundgrube an Erkenntnissen. Man muss in der Tat der musikalischen Leidenschaft Thomas Manns, die an Selbstaufgabe grenzt, romantische Züge attestieren. Sie sind nicht nur dem „Zauberberg“ eingeschrieben. Im Zeichen der Selbstüberwindung hat Mann dafür das Schicksal Nietzsches hergenommen und dessen Überwindung der sich in Richard Wagner manifestierenden Romantik exemplarisch eingeschrieben. Die an Richard Wagner geschulte Leitmotivtechnik, die er bereits in den „Buddenbrooks“ erfolgreich angewandt hatte, führte er im „Zauberberg“ zur Vollendung.

Im Spiegel des Historikers

Manfred Görtemakers soeben erschienenes Buch „Thomas Mann und die Politik“ ist ein Meilenstein  zu diesem immer wieder kontrovers behandelten Thema. Es dürfte, nimmt man die frühen Aufzeichnungen, die Tagebücher und Briefe hinzu, die der Historiker Görtemaker ausgewertet hat, kaum einen zweiten deutschen Autor geben, der sich öfter und engagierter politisch zu Wort gemeldet hat, als Thomas Mann. Und dennoch hielt er sich vom öffentlichen Leben fern, solange es ging. Und als es nicht mehr ging, während der beiden Weltkriege, die er erlebte, da meldete er sich entschlossen, aber immer unter dem Vorbehalt zu Wort, dass er oft genauso gut das Gegenteil hätte sagen können. In seiner 1950 erschienenen autobiographischen Schrift „Meine Zeit“ heißt es:

„Meine Zeit – ich habe, das darf ich sagen, nie ihren Liebediener und Schmeichler gemacht, weder im Künstlerischen noch im Politisch-Moralischen; indem ich sie ausdrückte, war ich ihr meistens entgegen.“

Der Erste Weltkrieg brachte ihn dazu, das zu tun, was er bislang nicht für nötig gehalten hatte: sich zur Politik zu äußern. Thomas Mann war Monarchist und setzte seine ganze Energie daran nachzuweisen, dass Deutschland den anderen Ländern kulturell und moralisch überlegen und dass so auch der Krieg ein gerechter war. Während sein Bruder Heinrich die Literatur als Spielart eines politischen Engagements sah, sie gesellschaftlich in die Pflicht nahm, behauptete Thomas genau das Gegenteil: Literatur hat mit Politik nichts zu tun, der geistige Mensch, der Literat, der Künstler soll nicht handeln, sondern wirken.

1922, anlässlich Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstag, rief der einstmals reaktionäre Spätromantiker „Es lebe die Republik!“ einem verblüfften Publikum im Berliner Beethovensaal zu. Mann war wohl selbst überrascht davon, dass er auf einmal anfing, nach vorne zu diskutieren, und aufhörte, der Zeitgeschichte ausschließlich mit Zitaten von Goethe, Schopenhauer, Wagner und Nietzsche zu begegnen. Die Rede hieß „Von deutscher Republik“ und hatte mit dem Jubilar nichts zu tun. Aber das Bekenntnis zur Demokratie war nun heraus und er selbst entschlossen, dabei zu bleiben.

Das Zögern hinsichtlich einer öffentlichen Stellungnahme gegen die Nationalsozialisten ist Thomas Mann nachteilig ausgelegt worden. Besonders seine Familie verübelte es ihm, dass er sich mit einem offenen Bruch mit Nazi-Deutschland Zeit ließ. Das entscheidende und sofort als Absage an den Nationalsozialismus wahrgenommene Schriftstück ist ein Offener Brief an den Feuilletonredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ Eduard Korrodi, der dort im Februar 1936 erscheint. Manns Schicksal war nun beschlossen. Die Wucht seines publizistischen Engagements aus dieser Zeit ist enorm. Dass er aber das politische Engagement nicht mit allerletzter Überzeugung, sondern wiederum recht ironisch betrieb, hat er sich selbst frühzeitig eingestanden. „Demokratischer Idealismus“, notiert er am 27. November 1937 im Tagebuch. „Glaube ich daran? Denke ich mich nicht nur hinein wie in eine Rolle?“ Thomas Mann hat es sicher auch seiner bezwingenden Formulierungskunst zu verdanken, dass er weithin als die große und von vielen gehörte Gegenfigur Adolf Hitlers wahrgenommen wurde.

Er war lange genug der Repräsentant des deutschen Geistes gewesen und wollte es auch weiterhin sein. „Wo ich bin, ist Deutschland“, soll er gesagt haben, als er amerikanischen Boden betrat. Er legte Wert darauf, nur für sich selbst zu sprechen. Auf Vereinnahmungsversuche reagierte er sehr empfindlich. Als Brecht ihn noch vor Kriegsende für einen kommunistisch unterwanderten, dabei tief patriotischen Aufruf an die Deutschen gewinnen wollte, machte er in letzter Minute einen Rückzieher. Anders als Brecht war Mann nach dem Krieg durchaus der Meinung, dass Deutschland schwer bestraft gehöre und auf lange Zeit hin unschädlich zu machen sei.

Görtemaker geht ein auf Thomas Manns Rundfunkbotschaften über den deutschen Sender der BBC nach Deutschland, auf die Auseinandersetzung mit dem Antikommunismus des Westens im beginnenden Kalten Krieg und die Skepsis gegenüber der „fragilen Republik“ Adenauers, mit der sich Thomas Mann bis zu seinem Tode 1955 nicht anzufreunden vermochte. Immer wieder habe Thomas Mann zwischen der Neigung zum Rückzug in die Sphäre des „reinen Künstlers“ und der Verpflichtung zur politischen Stellungnahme geschwankt. Auch wenn sich Görtemaker ausdrücklich allein dem politischen Wirken Thomas Manns widmen will, möchte man doch bedauern, dass nicht auch das erzählerische Werk, in das die politischen und zeitgeschichtlichen Reflexionen eingegangen sind, einbezogen wurde. Denn die Josephs-Romane, der Goethe-Roman „Lotte in Weimar“, die Moses-Erzählung „Das Gesetz“ und natürlich der „Doktor Faustus“ sind in diesem Sinne auch politische Werke.

Im Spiegel der Soziologin

Als Thomas Mann mit seiner Frau Katja im Mai 1949 auf Vortragsreise in Schweden war, erhielt er die Nachricht vom Tod seines Sohnes Klaus – eine Überdosis Morphium hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Der Vater notiert im Tagebuch: „Mein Mitleid innerlich mit dem Mutterherzen und mit E. Er hätte es ihnen nicht antun dürfen.“ Thomas Mann spricht wie von einer fremden Person. Von sich selbst und davon, was er empfindet, ist nicht die Rede. Daraus aber zu entnehmen, dass Thomas Mann nichts empfunden habe, als sein Sohn starb, ginge sicher zu weit. Aber der Legende, die aus ihm einen liebevollen Familienvater machen will, muss man nicht unbedingt folgen. „Komm heim, wenn du elend bist“, hat er angeblich einmal zu Klaus gesagt, und das wird oft zitiert, damit aus dem distanzierten und zuweilen kalt-teilnahmslosen Mann ein herzensguter Familienvater wird. Dass er das nicht war, wusste er selbst. Die Soziologin und Familienforscherin Marianne Krüll erzählt unter dem Titel „Im Netz der Zauberer“ eine ganz „andere“ Geschichte der Familie Mann, der Eltern Thomas Johann Heinrich und Julia Mann, der beiden Brüder Heinrich und Thomas und deren Geschwister, des Verhältnisses von Thomas Mann und „Frau Thomas Mann“, wie sich Katja, geborene Pringsheim, nannte, der Kinder der beiden und vieler anderer in diesem Umfeld. Nachdem neben den Werken nicht nur die Briefe und Tagebücher von Thomas, Heinrich, Erika und Klaus Mann sowie die Lebenserinnerungen anderer Familienmitglieder vorliegen, konnte das Netz der Beziehungen ausgebreitet werden. Thomas Mann war ein scheuer und – trotz seiner großen Familie – einsamer Mensch, der tief an sich und seiner Zeit litt und auf diese Weise ein repräsentatives Leben führte. Seine Homosexualität hatte er gut geschützt vor öffentlicher Entdeckung und das Nötige nur verklausuliert preisgegeben. Es war viel Kälte um diesen Autor, der Leidenschaft und Analyse durchaus miteinander zu vereinen wusste. Er hat unendlich gelitten, aber er begnügte sich damit, davon zu träumen oder die Abenteuer seines Herzens in die Galerie seiner literarischen Figuren zu überführen. „Die Geschichten dieser Familie – die erdachten und gedruckten, die ungeschriebenen und ‚nur’ gelebten – wirkten auch in den nächsten Generationen nach“, schreibt Marianne Krüll. Sie sind in die Literatur eingegangen – so in Thomas Manns „Betrogene“ als verschlüsselte Lebensbilanz – , sie haben die Schattenseiten ihrer Personen enthüllt wie auch gebannt, sie haben sich auch für einzelne Mitglieder der Familie als höchst bedrohlich erwiesen. Der Verfasserin geht es nicht um Skandale und sensationelle Enthüllungen; sie hat solide und gründlich recherchiert, und ihre Aufzeichnungen bieten eine fesselnde Lektüre.

Party People

Kein deutscher Autor des 20. Jahrhunderts kann sich einer so großen Zahl von Lesern und Kennern rühmen wie Thomas Mann. Die Lese-Erlebnisse sind längst Gegenstand von Familienzusammenkünften, geselligen Veranstaltungen, Parties, Talk-Shows und Medien-Ereignissen geworden. Angesichts der Widersprüchlichkeit Thomas Manns, der Kompliziertheit seines Werkes gab es bisher trotz vieler  Biographien und unzähliger Kommentare und Interpretationen noch kein Nachschlagewerk, das die immer wieder gestellten Fragen zusammenfasst und dabei auch auf die Klischee-Vorstellungen eingeht. Das hat Thomas Klugkist mit „49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann“ in ebenso kenntnisreicher wie vergnüglich-unterhaltsamer Weise unternommen.  Das Buch ist schon vor geraumer Zeit erschienen, aber es gehört mit zum Kanon jüngster Thomas-Mann-Begegnungen.

 

50 Jahre nach seinem Tode ist und bleibt Thomas Mann in aller Munde.

Literaturangaben:
Neue Rundschau, 116. Jahrgang 2005, Heft 2, 198 Seiten, 10 €.
Thomas Mann: Frühe Erzählungen, 1893 – 1912. Herausgegeben von Terence J. Reed unter Mitarbeit von Malte Herwig. S. Fischer, Frankfurt am Main 2004. 604 Seiten. 40 €.
Thomas Mann: Königliche Hoheit (1909). Herausgegeben von Heinrich Detering in Zusammenarbeit mit Stephan Stachorski. Text und Kommentar in einer Kassette. S. Fischer, Frankfurt am Main 2004. 1084 Seiten. 72,00 €.
Thomas Mann: Briefe II 1914-1923. Herausgegeben von Cornelia Bernini, Thomas Sprecher und Hans Rudolf Vaget. S. Fischer, Frankfurt am Main 2004. 1172 Seiten. 95 €.
Thomas Mann: Die Erzählungen. Einmalige Sonderausgabe. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 979 Seiten. 10 €.
Thomas Mann: Herr und Hund. Ein Idyll. Umschlagsentwurf und Illustrationen von Georg W. Rössner. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 139 Seiten. 10 €.
Thomas Mann: Versuch über Schiller. Mit einer beigefügten CD von Thomas Manns Stuttgarter Schiller-Rede 1955. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 88 Seiten. 16,90 €.
Hans R. Vaget (Hg.): Im Schatten Wagners. Thomas Mann über Richard Wagner. Texte und Zeugnisse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005. 14,90 €.
Manfred Görtemaker: Thomas Mann und die Politik. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 284 Seiten. 19,90 €.
Marianne Krüll: Im Netz der Zauberer. Eine andere Geschichte der Familie Mann. Durchgesehene und ergänzte Neuausgabe. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 527 Seiten. 15 €.
Thomas Klugkist: 49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann. S. Fischer, Frankfurt am Main 2003. 317 Seiten. 9,90 €.

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