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Thomas Wolfe zeichnet sein Bild der Roaring Twenties

Den Roman "Die Party bei den Jacks" gibt es nun auch auf Deutsch

© Die Berliner Literaturkritik, 07.07.12

Diese Leseprobe erschien erstmals am 1. Juni 2011 in diesem Literaturmagazin.

MÜNCHEN (BLK) – Im Manesse Verlag erscheint am 13. Juni 2011 der Roman „Die Party bei den Jacks“ von Thomas Wolfe. Das Nachwort stammt von Kurt Darsow. Susanne Höbel hat das Buch aus dem Amerikanischen übersetzt.

Klappentext: Alles, was Rang und Namen hat, findet sich im Art-déco-Ambiente von Esther und Frederick Jack ein: sie eine gefeierte Broadway-Künstlerin, er ein aus Koblenz stammender Jude und Selfmade-Millionär. Die Roaring Twenties sind auf ihrem Höhepunkt angelangt, schon wirft die Große Depression ihre Schatten voraus. Doch vom drohenden Ende der Sause will man bei den Jacks noch lange nichts wissen … Mit seiner Innenansicht einer New Yorker Luxusadresse – von der Dachterrasse bis hinab in den Untergrund, von wo die Subway feine Vibrationen durchs Gebäude schickt – zeichnet Wolfe das Panoptikum einer faszinierenden Stadt und einer faszinierenden Epoche.

Thomas Wolfe wurde 1900 als letztes von acht Kindern in Asheville, North Carolina, geboren. Er studierte an der University of North Carolina at Chapel Hill, später ging er nach Harvard. Seinen literarischen Durchbruch feierte er 1929 mit „Look Homeward, Angel“ (2009 bei Manesse in Neuübersetzung). Der notorische Vielschreiber verfasste noch vier weitere Romane, von denen zwei erst nach seinem Tod publiziert wurden. Wolfe bereiste mehrmals Europa. 1938 starb er an Tuberkolose.

Leseprobe:

 ©Manesse©

AM MORGEN

„Hartmann!“

„Hier, Herr Professor.“

„Das Wort für ‹Garten›.“

„Hortus, Herr Professor.“

„Deklination?“

„Zweite.“

„Geschlecht?“

„Maskulinum, Herr Professor.“

„Deklinieren!“*

  Hartmann straffte kaum merklich die Schultern, atmete tief ein und sagte, mit verstocktem Ausdruck vor sich hin starrend, in monotonem Singsang: „Hortus, horti, horto, hortum, horte, horto; horti, hortorum, hortis, hortos, horti, hortis.“

  „So. Setzen, Hartmann.“

  Hartmann setzte sich und stieß die Luft seitwärts zwischen den dicken Lippen hervor. Einen Moment lang verharrte er in steifer Pose, dann entspannte er sich, blieb aber wachsam und warf seinen Klassenkameraden aus kleinen, listig hin und her springenden Augen verstohlene Blicke des Triumphs und der Genugtuung zu.

  Seinem Alter nach war er ein Kind, aber seine Gliedmaßen und Gesichtszüge ließen in verkleinerter Form schon das Aussehen des erwachsenen Mannes erahnen. Anscheinend war er niemals jugendlich oder kindlich gewesen: Sein Gesicht war grobschlächtig, fahl, farblos: Die Haut wirkte dick und grobporig wie die eines Mannes und war unansehnlich von einem dichten weißen Flaum überzogen, den man erst aus der Nähe sah. Er hatte kleine gerötete, wässrige Augen, und seine Wimpern und Augenbrauen waren von der gleichen dünnen, unansehnlich weißen Beschaffenheit wie der Flaum auf seinem Gesicht. Seine Züge waren fl ach, stumpf und grob: Die flache, nach oben weisende Nase hatte eine abgeplattete Spitze, so dass die Nasenlöcher gebläht wirkten, der Mund war derb, konturlos, unbestimmt, und auch die Wangenknochen hatten ein stumpfes, abgeflachtes Aussehen.

  Hartmanns Schädel war geschoren und gleichmäßig von bläulichen Stoppeln bedeckt, die Kopfform hässlich, grotesk und irgendwie abstoßend: Vom Scheitel verlief die Schädeldecke schräg nach vorn und verjüngte sich nach unten zu einer schmalen Stirn. Schließlich sein Körper: Er war dünn und sehnig, dabei ungeheuer zäh, und die überproportional großen geröteten Hände hingen klobig und ungeschlacht seitlich am Körper herab. Brutal von Geist wie Gestalt, hatte er weder äußerlich noch in seinem Wesen irgendetwas Anziehendes, und Frederick verabscheute ihn zutiefst. Diesen Abscheu erwiderte Hartmann aus vollem Herzen.

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  „Jack!“

  Frederick hörte das im harschen Befehlston gesprochene Wort nicht. Seine dunklen Augen blickten versonnen ins Leere, seine Gedanken waren Lichtjahre entfernt, sein Geist schweifte in unendlichen Weiten, hinweg über die blaue Brandung, über den unermesslichen, schimmernd blinkenden Ozean, der alle Küsten der Welt umspülte. Und ein heller Wasserlauf führte ihn unmittelbar zum Ziel seiner Träume. An Deck der sauberen weißen Flussdampfer fuhr er rheinabwärts, von Koblenz nach Bonn, von Bonn nach Köln, von Köln nach Düsseldorf, weiter durch Holland und bis zum Meer. Dann stach er auf einem anderen, viel gewaltigeren Schiff in See. Das Meer schimmerte blau, aber auch Gold tanzte darauf, niemals war es grau. Das mächtige Schiff gischtete und hob sich tänzelnd mit herrschaftlicher Würde, wie ein Pferd; er spürte die Dünung, das unendliche Auf und Ab der Wellen unter dem schäumenden Kiel, während das große Schiff voranstampfte, Tag für Tag, in Richtung Westen.

  Und dann, nach vielen Tagen, sah Frederick geradewegs vor sich erste Vorposten des Festlands. Er roch das wackere, vertraute Aroma des Landes, den Spermageruch von Seetang und die Wärme der Erde, und er sah vor sich erste Sandbänke, eine flache Küste, dahinter mattes Grün, kleine Städte und Häuserzeilen. Jetzt passierte das Schiff die enge Einfahrt zum Hafen, und Frederick sah vor sich den großen Hafen mit dem Gewimmel von Tausenden Schiffen. Und er sah vor sich, auf Höhe des Hafens, eine märchenhafte Stadt, erbaut auf einer Insel. Sie schwebte auf einer schillernden Wolke, aus der sie herauszuwachsen schien und von der sie emporgehoben wurde, magisch wie eine Vision, dabei ganz und gar wirklich und fest umrissen, so fest wie der Fels, auf dem sie errichtet war. Und nahe der Stadt fl oss ein Fluss – „ein Fluss viel schöner als der Rhein“* – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, und doch musste es so sein, denn Onkel Max hatte den Fluss gesehen und erst am Vorabend geschworen, dass es so sei. Jenseits der Stadt erstreckte sich ein unermesslich weites, fruchtbares und verwunschenes Land – „ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten“*, hatte Onkel Max behauptet, und Onkel Max musste es wissen, denn er war aus jenem Land zurückgekehrt und sprach mit dessen seltsam näselnden Akzent, trug dessen seltsame Kleidung, war reich geworden von den Gewinnen aus dessen unermesslichen Schätzen. Und er hatte gesagt, dass er eines Tages kommen und Frederick nachholen werde, und Frederick träumte von dem Reichtum, dem Gold, dem Ruhm und der Magie dieser fernen, schimmernden Stadt, die von ihrer Nebelwolke aus emporschwebte, und er hoffte darauf mehr als auf alles andere in der Welt.

  „Jack! Jack! Ist Friedrich Jack hier?“*

 Völlig verdattert schreckte er hoch, als die harsche, cholerische Stimme in seinen Tagtraum einbrach, und die Schüler, die ihre Aufmerksamkeit ein paar Sekunden auf sein verträumtes Gesicht gerichtet hatten, brachen jetzt in wildes, jähes Gejohle aus, als er sich hastig erhob, die Schultern straffte und verwirrt stammelte: „Hier, bitte. Ja. Ich bin hier.“

  Das hagere, hassenswerte Gesicht, haarlos, einem Totenschädel gleich, mit runzliger, dürrer Pergamenthaut, die eine Wange hässlich entstellt von einem Gefl echt grellroter Mensurwunden, die dünnen, zuckenden Lippen über einer Reihe großer gelber Zähne zurückgezogen, sah ihn jetzt über den Brillenrand hinweg mit kaltem Ingrimm an. Im nächsten Moment spannten sich die vorstehenden Halssehnen grässlich über dem steifen Kragen, und die heisere Stimme bebte vor Zorn, als sich Kugels stocksteife Gestalt in der rabenschwarzen Montur eines Gehrocks mit ironischer Höflichkeit vor ihm verneigte.

  „Wenn Sie fertig sind, Exzellenz“, sagte er.

  „Ja … ja … fertig“, stammelte Frederick dümmlich und sinnlos und fragte sich verzweifelt, was die Frage sein mochte und ob sie schon gestellt worden war. Die Schüler feixten erwartungsvoll, und Frederick, ohnehin schon ganz fahrig vor Schreck und Verwirrung, platzte heraus, ohne zu wissen, was er da sagte: „Ich meine … ich bin fertig … Onkel!“*

  Eine schauerliche Welle von Scham und Schande rollte über ihn hinweg, kaum dass er das Wort ausgesprochen hatte und das Losprusten der Klasse ihm seinen schrecklichen Patzer bewusst machte. Onkel! Das würden sie ihn nie vergessen lassen! Wie hatte er nur so dumm sein und selbst in einem Augenblick der Geistesabwesenheit diesen grausamen, hässlichen alten Affen für die noble, heldenhafte Gestalt seines Onkels Max halten können? Tränen der Scham stiegen ihm in die Augen, sinnlos stammelte er Entschuldigungen und Erklärungen, die in dem wilden Gegröle der Klasse untergingen; am liebsten hätte er sich vor Zorn und Scham die Zunge ausgerissen.

  Und Kugel – der stand versteinert da und starrte fassungslos vor sich hin wie jemand, den gerade der Schlag getroffen hat. Im nächsten Moment, als er seine Stimme wiedergefunden hatte, griff er, hin- und hergerissen in seiner Wut auf die brüllende Klasse und auf den vorlauten Schüler, der zitternd vor ihm stand, nach einem schweren Buch, hob es mit seinen dürren, fl eckigen Händen über den Kopf und knallte es mit entsetzlicher Wucht auf den Tisch. „Schweig!“, brüllte er. „Schweigen Sie!“*, ein unnötiger Befehl, da sich sofort eine betretene, duckmäuserische Stille auf die Klasse herabsenkte.

  Er wollte sprechen, fand aber die Worte nicht, nach denen er suchte. Dann zeigte er mit dürrem, zittrigem Finger auf Frederick und sagte in ersticktem Flüsterton: „Das Wort – das Wort – für ‹Bauer›.“ Ruckartig reckte er den Hals über dem Kragen, so als

würde er gewürgt.

  Frederick schluckte, öffnete den Mund und sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an.

  „Was?“, schrie Kugel und machte einen Schritt auf ihn zu.

  „Ag-ag-ag!“, stotterte Frederick erbärmlich wie ein Idiot.

  „Was?“*

  Eben noch hatte er das Wort gewusst – er wusste es auch jetzt noch, er versuchte krampfhaft, es sich in Erinnerung zu rufen, doch inzwischen waren Angst und Scham und Verwirrung so groß, dass er das Wort nicht über die Lippen gebracht hätte, selbst wenn er es auf einem Stück Papier schwarz auf weiß vor sich gehabt hätte.

  Verzweifelt machte er einen neuerlichen Versuch. „Ag-ag-ag“, aber als er das in der Klasse sich ausbreitende Kichern hörte, gab er hilfl os auf, ganz durcheinander und außerstande weiterzusprechen.

  Kugel fixierte ihn über die Ränder seiner dicken Brille hinweg, seine gelblichen glupschigen Augäpfel voller Hass und Verachtung starr auf ihn gerichtet.

  „Ag-ag-ag“, höhnte er in hassenswerter Nachäffung. „Erst war es der Onkel – und jetzt muss er einen Schluckauf haben!“

  Einen kurzen Moment noch betrachtete er Frederick mit kaltem Hass, dann ließ er von ihm ab. „Schafskopf! Setzen!“*, sagte er.

  Frederick setzte sich.

 ©Manesse©

Literaturangabe:

WOLFE, THOMAS: Die Party bei den Jacks. Mit Nachwort von Kurt Darsow. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Manesse Verlag. München 2011. 352 S., 24,95 €.

Weblink:

Manesse


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