Tony Judts sozialliberales Vermächtnis

Politische Analysen des 2010 verstorbenen Historikers

© Die Berliner Literaturkritik, 08.09.11

JUDT, TONY: „Dem land geht es schlecht – Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit“. Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser Verlag, München 2011. 192 S., 18,90 €.

Von Roland H. Wiegenstein

Politische Vermächtnisse, die im Angesicht des eigenen Todes entstehen, haben eine besondere Würde. Sie halten in einer von der Krankheit des Autors erzwungenen Kürze die Quintessenz seines Denkens fest: zum Nachdenken für die Nachlebenden. So verhält es sich auch mit dem Vermächtnis des englischen Historikers und Sozialwissenschaftlers Tony Judt, der 2010, kurz vor seinem Tod, noch ein Buch mit der lapidaren Feststellung überschrieb: „Dem Land geht es schlecht“. In der Tat weist er ohne großen Anmerkungsapparat nach, wie richtig seine These war. Die besagt nämlich, dass in den vergangenen etwa zehn Jahren in der westlichen Welt all das infrage gestellt worden ist, was frühere Generationen in unterschiedlicher Ausformung zuwege gebracht haben. Das Ziel war es, das Leben der Menschen sicherer und gerechter zu machen. Vor allem um Gerechtigkeit geht es dem Autor, einem „Linken“, der sich als „Sozialdemokraten“ bezeichnet. Dies meint jedoch nicht eine deutsche Parteimitgliedschaft, sondern die Überzeugungen von jemandem, der zwischen dem durch die Sowjetunion diskreditierten Sozialismus und einer allein auf den Profit orientierten Gesellschaft steht. Eben auf der Basis eines linken Reformismus, den er für den Ausweg aus den immer gefährlicher werdenden Widersprüchen dieser Jahre ansieht. Es geht ihm um nicht weniger als eine neue Definition des Staates, gleich weit entfernt von der neoliberalen Vorstellung eines „Nachtwächterstaats“. Dieser ist nur dazu gut, die Reichen, in „gated communities“ verbunkert, noch reicher und die Armen ärmer zu machen. Ebenso der Omnipotenz einer „Planwirtschaft“, die von oben alles bestimmt und die 1989 mit der Sowjetunion zusammengebrochen ist.

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Judt weist darauf hin, dass in den Jahren nach 1919 in allen westlichen Staaten (selbst in den USA) Anstrengungen gemacht wurden, Ungerechtigkeiten nicht zu groß werden zu lassen, und dass die dabei entstehenden Reibungen (und Fehler) nichts an dem Fortschritt geändert haben. Erst die neoliberalen Vordenker wie Hayek, Schumpeter, von Mises haben den Primat der „Wirtschaft“ entwickelt und die von den „Chicago-Boys“ dann banalisierte Idee in die Welt gesetzt, dass man nur die Ökonomie, den „Markt“,  ohne staatliche Bevormundung machen lassen müsse, und alles werde gut. Sie waren allesamt verschreckt von den kontinentaleuropäischen totalitären Exzessen, dem Zweiten Weltkrieg und der tödlichen „Planung“ faschistischer und sowjetischer Staaten mit ihrem ins Extreme ausgedehntem Gewaltmonopol. Das Resultat dieser neoliberalen „Revolution“, die mit der Mäßigung und Würde des alten Liberalismus und Konservatismus nichts zu tun hat, ist vor aller Augen: Finanz- und Banken-Crash infolge schamloser Bereicherung eines kleinen Teils der Weltbevölkerung sind in ihren Folgen noch kaum richtig sichtbar geworden. Doch wer kann das hemmungslose Bereicherungsstreben, das auf das mittlere Bürgertum übergegriffen hat, steuern? Judt sagt: der Staat, der die Rahmenbedingungen setzt – und durchsetzt. Judts Analysen und Ratschläge sind durchaus moralischer Natur, sie bestehen in dem Nachweis, dass die Rücknahme all jener (staatlichen) Grenzziehungen am Ende auch die Wirtschaft selbst ruiniert. „Es hat seinen Grund, weshalb Kindersterblichkeit, Lebenserwartung, Kriminalität, Zahl der Gefängnisinsassen, psychische Erkrankungen, Arbeitslosigkeit, Fettleibigkeit, Mangelernährung, Teenagerschwangerschaften, Drogenkonsum, wirtschaftliche Unsicherheit, Privatverschuldung und Angst in Amerika und England so viel ausgeprägter sind als in Europa. Je größer die Kluft zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen, desto größer die sozialen Probleme. Entscheidend ist nicht, wie reich ein Land ist, sondern wie die Einkommensverteilung aussieht. So weisen Schweden und Finnland, zwei der reichsten Länder der Welt, einen sehr geringen Abstand zwischen den Reichsten und den Ärmsten auf – diese beiden Länder stehen bei den Indikatoren von messbarem Wohlbefinden regelmäßig an der Spitze.“

Solche Tatsachenbehauptungen mögen Menschen, die im Banne des Schlachtrufs „Bereichert Euch!" stehen, nicht recht einleuchten – sie sind gleichwohl plausibel für diejenigen am unteren Ende der Skala. Judt zeigt, wo in den einzelnen Ländern die Fortschritte eines Wohlfahrtsstaates lagen, der derzeit in vielen dieser Länder (vor allem in den angelsächsischen, aber nicht nur) abgebaut werden. Er weist aber auch auf die gefährliche Erbschaft der Achtundsechziger hin, deren revolutionäre Rhetorik nur der „Dritten Welt“ galt, während gleichzeitig in ihren Reihen ein egozentrischer Hedonismus grassierte. Auch sie haben zur Staatsverdrossenheit der Bevölkerung beigetragen, ihre sichtbare „Befreiung“ betraf nur sie selbst. Der Staat aber (und Judt meint den Nationalstaat als den einzigen, den wir haben) war weiter dafür zuständig, dass es „klappte“. Nicht nur mit der Eisenbahn. (Judts Kapitel über die Privatisierung der englischen Staatsbahnen ist paradigmatisch!)

Vieles, was der Autor in seinem kurzen Buch nur eben erwähnt, ist einer genaueren Untersuchung wert. Das „gute Leben“ wird einem nicht geschenkt. Es ist die Frucht von heftigen Diskursen über den richtigen Weg und es braucht die Besinnung auf die Geschichte, die schon einmal in eine andere Richtung ging, als die von Hedgefonds und Swaps. Judt hat ein moralisches Buch geschrieben, an uns wäre es, daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen, die allemal in den Mühen der Ebene bestehen. Das „sozialdemokratische Narrativ“, wie er es nennt, kann dabei hilfreich sein.

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