MÜNCHEN (BLK) – Am 30. Juli 2008 erscheint der 10. Band der Gesamtwerkausgabe von Jorge Luis Borges im beim Carl Hanser Verlag. Darin enthalten sind die Titel „Handbuch der phantastischen Zoologie“, „Das Buch von Himmel und Hölle“ und „Buch der Träume“.
Klappentext: Sein Name steht stellvertretend für die moderne Literatur in Lateinamerika: Jorge Luis Borges. In diesen Anthologien fesselt er den Leser mit einer fremden Welt jenseits unserer Alltagserfahrungen. Nicht weniger als 120 Phantasiewesen hat der aus Argentinien stammende Autor in den jahrtausendealten Vorstellungen der Menschen entdeckt oder selbst erfunden: vom Behemoth der Bibel, den Chimären der Griechen und den Dämonen der Juden bis zu den Drachen des Fernen Ostens und dem Einhorn des Mittelalters. Ein einzigartiges Museum des Phantastischen, Beklemmenden und Absonderlichen. (vol/wip)
Leseprobe:
© Carl Hanser ©
Die Mutter der Schildkröten
Zweiundzwanzig Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung durchmaß der gerechte Kaiser Yü der Große mit seinen Schritten die Neun Berge, die Neun Flüsse und die Neun Sümpfe und teilte das Land in Neun Regionen, auf daß sie der Tugend und der Landwirtschaft dienlich seien. So bändigte er die Wasser, die Himmel und Erde zu überschwemmen drohten; die Geschichtsschreiber berichten, daß die Teilung, die er der Welt der Menschen auferlegte, ihm von einer übernatürlichen oder engelsgleichen Schildkröte, die einem Bach entstieg, enthüllt worden sei. Manche behaupten, dieses Reptil, Mutter aller Schildkröten, sei aus Wasser und Feuer gewesen; andere schreiben ihm eine kaum weniger ungewöhnliche Substanz zu: das Licht der Sterne, welche das Sternbild des Schützen bilden. Auf dem Rücken der Schildkröte befand sich entweder eine kosmische Abhandlung mit dem Titel Hong Fan (Allgemeine Regel) oder ein aus schwarzen und weißen Punkten verfertigtes Diagramm der Neun Unterteilungen dieser Abhandlungen.
Für die Chinesen ist der Himmel halbkugelförmig und die Erde viereckig; daher sehen sie in den Schildkröten das Abbild oder Modell des Universums. Die Schildkröten haben außerdem teil an der Langlebigkeit des Kosmischen; es ist nur natürlich, daß man sie zu den Tieren des Geistes zählt (zusammen mit dem Einhorn, dem Drachen, dem Phönix und dem Tiger), und daß die Auguren Vorzeichen in ihrem Knochenpanzer suchen.
Than-Qui (Schildkröten-Geist) ist der Name derjenigen, die dem Kaiser das Hong Fan enthüllte.
Der Myrmekoleon
Ein unfaßbares Tier ist der Myrmekoleon, den Flaubert folgendermaßen beschreibt: „Löwe von vorn, Ameise von hinten, dessen Gemächte umgekehrt ist“. Dieses Monstrum hat eine seltsame Geschichte. In der Heiligen Schrift steht zu lesen: „Der Löwe ist umgekommen, daß er nicht mehr raubet …“ (Hiob, 4:11). Der hebräische Text bringt das Wort layish für „Löwe“, dieses absonderliche Wort schien eine gleichermaßen absonderliche Übersetzung zu erfordern; die Verfasser der Septuaginta erinnerten sich des arabischen Löwen, den Aelianus und Strabon Myrmex nennen, und bildeten das Wort „Myrmekoleon“.
Nach einigen Jahrhunderten verlor sich diese Ableitung. Myrmex bedeutet im Griechischen „Ameise“; aus den rätselhaften Worten, „Der Löwe-Ameise ist umgekommen, daß er nicht mehr raubet“, entstand ein Phantasiegebilde, das von den mittelalterlichen Bestiarien vervielfältigt wurde: „Der Physiologe beschäftigt sich mit dem Löwe-Ameise; der Vater hat die Gestalt des Löwen, die Mutter die der Ameise; der Vater ernährt sich von Fleisch und die Mutter von Kräutern. Und diese beiden zeugen den Löwe-Ameise, der eine Mischung von beiden ist und beiden ähnelt, denn der vordere Teil ist eines Löwen und der hintere der einer Ameise. So geschaffen, kann er weder Fleisch fressen wie der Vater, noch Kräuter wie die Mutter; infolgedessen stirbt er.“
Die Nagas
Die Nagas gehören der indischen Mythologie an. Es handelt sich um Schlangen, die jedoch hin und wieder menschliche Gestalt annehmen.
Arjuna wird in einem der Bücher des Mahabharata von Ulupi, der Tochter eines Nagakönigs, begehrt; er versucht, seinen Keuschheitsschwur geltend zu machen, aber das Mädchen erinnert ihn an seine Pflicht, den Unglücklichen beizustehen, und so gewährt der Held ihr eine Nacht. Buddha, der meditierend unter einem Feigenbaum sitzt, wird von Sturm und Regen gepeinigt; ein mitleidiger Naga windet sich siebenmal um ihn herum und breitet seine sieben Köpfe wie ein Dach über ihm aus. Buddha bekehrt ihn zu seinem Glauben.
In seinem Handbuch des indischen Buddhismus beschreibt Kern die Nagas als Schlangen, die Wolken gleichen. Sie leben in großen Palästen tief unter der Erde. Die Sektierer des Großen Gefährtes berichten, daß Buddha ein Gesetz für die Menschen und ein anderes für die Götter gepredigt habe, und daß dieses – das esoterische – in den Himmeln und in den Palästen der Schlangen bewahrt wurde, die es Jahrhunderte später dem Mönch Nagarjuna aushändigten.
Eine Legende, die der Pilger Fa Hsien zu Beginn des 5. Jahrhunderts in Indien vernahm, besagt folgendes:
„König Asoka kam zu einem See, in dessen Nähe sich ein Turm befand. Er gedachte, diesen niederreißen zu lassen, um einen anderen, höheren zu bauen. Ein Brahmane forderte ihn auf, den Turm zu betreten, und als er darinnen war, sagte er ihm:
‚Meine menschliche Gestalt ist eine Täuschung; ich bin in Wirklichkeit ein Naga, ein Drache. Meine Sünden haben mich dazu verdammt, in diesem schrecklichen Körper zu wohnen, aber ich befolge das von Buddha befohlene Gesetz und hoffe, mich zu erlösen. Du darfst dieses Heiligtum zerstören, wenn du dich fähig wähnst, ein besseres zu errichten.’
Er zeigte ihm die Kultgefäße. Der König betrachtete sie mit Staunen, denn sie waren gänzlich anders als diejenigen, welche die Menschen herstellen, und so sah er von seinem Vorhaben ab.“
Die Nisnas
Unter den Ungeheuern der Versuchung finden wir die Nisnas, die „nur ein Auge, eine Wange, eine Hand, ein Bein, einen halben Körper und ein halbes Herz“ haben. Ein Kommentator, Jean-Claude Margolin, schreibt, sie seien ein Phantasiegebilde Flauberts, aber der erste Band von Tausendundeiner Nacht von Lane (1839) schreibt sie dem Verkehr der Menschen mit den Dämonen zu. Der Nesnas, wie Lane ihn schreibt, ist ein „halbes Menschenwesen; er hat einen halben Kopf, einen halben Rumpf, einen Arm und ein Bein; er ist äußerst behände“ und haust in den Einöden des Jemen und von Hadramaut. Die Nisnas sind einer artikulierten Sprache fähig; einige von ihnen tragen – ebenso wie die Blemmyer – das Gesicht auf der Brust, und ihr Schwanz ähnelt dem eines Schafes; ihr Fleisch ist süßlich und sehr begehrt. Eine Abart des Nisnas, mit fledermausartigen Flügeln, lebt auf der Insel Raïj (wahrscheinlich Borneo), südlich von China; aber – setzt der skeptische Berichterstatter hinzu – Allah weiß alles.
Die Nornen
In der mittelalterlichen nordischen Mythologie entsprechen die Nornen den Parzen oder Faten. Snorri Sturluson, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts diese verstreuten Mythen ordnete, berichtet uns, es gebe drei Nornen, und ihre Namen seien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man kann wahrscheinlich vermuten, daß die Namen eine Verfeinerung oder Beifügung theologischer Natur darstellen; die alten germanischen Völker neigten derartigen Abstraktionen nicht sonderlich zu. Snorri zeigt uns drei Mädchen bei einer Quelle am Fuße der Weltesche Yggdrasil. Unerbittlich weben sie unsere Geschicke.
Die Zeit (aus der sie bestehen) hatte sie vergessen, aber gegen 1606 schrieb William Shakespeare die Tragödie Macbeth, in deren erster Szene sie erscheinen. Sie sind die drei Hexen, die den Kriegern das Schicksal voraussagen, das ihrer harrt. Shakespeare nennt sie die weird sisters, die unheimlichen bzw. unheilverheißenden Schwestern, die Parzen. Bei den Angelsachsen war Wyrd die schweigsame Göttin, die das Schicksal der Unsterblichen und der Sterblichen bestimmte.
Die Nymphen
Paracelsus beschränkte die Welt der Nymphen auf die Gewässer, aber im Altertum unterschied man zwischen Wassernymphen und Landnymphen. Einige der letzteren herrschten über die Wälder. Die Hamadryaden weilten unsichtbar in den Bäumen und vergingen mit ihnen; von anderen nahm man an, sie seien unsterblich oder lebten Tausende von Jahren. Die Meeresnymphen nannte man Okeaninen oder Nereiden; die Nymphen der Flüsse Naiaden. Ihre genaue Anzahl ist unbekannt; Hesiod schlug die Zahl dreitausend vor. Sie waren ernsthafte und schöne Mädchen; sie zu sehen konnte Wahnsinn bewirken und, wenn sie nackt waren, Tod. Eine Zeile bei Propertius stellt dies fest.
Die Menschen der Antike boten ihnen Honig, Olivenöl und Milch dar. Sie waren kleinere Gottheiten; Tempel wurden zu ihren Ehren nicht errichtet.
Der Odradek
„Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen, und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.
Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor, und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.
Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.
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Literaturangaben:
BORGES, JORGE LUIS: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 10: Die Anthologien. Handbuch der phantastischen Zoologie / Das Buch von Himmel und Hölle / Buch der Träume. Übersetzt von Gisbert Haefs, Maria Bamberg, Ulla de Herrera, Edith Aron. Herausgegeben von Gisbert Haefs, Fritz Arnold. Carl Hanser Verlag, München 2008. 664 S., 27,90 €.
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