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Über die Qual, Teil einer Familie zu sein

Anne Enrights Roman „Das Familientreffen“

© Die Berliner Literaturkritik, 22.12.08

 

„Sie erwachen. Sie kommen wieder nach Hause. Bea, Ernest, Ita, Mossie, Kitty, vielleicht Alice und ganz bestimmt die Zwillinge, Ivor und Jem. Sie werden über die Köpfe hinwegdonnern, in riesigen Bäuchen von Flugzeugen.“ Bea, Ernest, Ita, Mossie, Kitty, Alice, Ivor und Jem, das sind Familienmitglieder des weitverzweigten Hegarty-Clans aus Dublin. Brüder und Schwestern, an der Zahl einst zwölf, dann elf, dann zehn und nun ein weiteres Familienmitglied einbüßend, nur noch neun. Denn Liam, das „schwarze Schaf“ der Familie, muss beerdigt werden. Zu Grabe getragen von den noch verbliebenen Hegartys. Umgebracht hat er sich – ins Meer gestürzt, mit Steinen in den Hosentaschen.

Veronica Hegarty, diejenige aus der Familie, die ihrem Bruder Liam am nächsten stand, muss die traurige Nachricht überbringen und die Formalitäten der Leichenüberführung und Beerdigung übernehmen. Während der Vorbereitungen im Elternhaus wird sie von Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit überwältigt. Von Erinnerungen an ihren Bruder Liam, an ihre Mutter und Großmutter, den gesamten Hegarty-Clan, aber vor allem an die Ungeheuerlichkeit, die ihrem Bruder Liam mit neun Jahren im Haus der Großmutter widerfahren ist.

„Man könnte es ein Verbrechen des Fleisches bezeichnen ...“, schreibt Veronica in ihren Aufzeichnungen, die jetzt endlich, viele Jahre danach, Zeugnis über das Geschehene ablegen sollen. Sie will die Wahrheit, das lange Verdrängte und Verschwiegene an die Oberfläche befördern und eine Erklärung für den Selbstmord ihres Bruders liefern. Für die Familie, für sich, für Liam.

Anne Enrights Erzählerin beginnt dabei ganz am Anfang. „Die Saat für den Tod meines Bruders war vor vielen Jahren gesät worden“, schreibt sie. Gewissermaßen in dem Moment, in dem ihre Großmutter Ada den Grundstein für die Zukunft der Familie Hegarty legte – bei der Wahl ihres Ehemannes. 1925 sahen sich Ada Merriman und Lambert Nugent zum ersten Mal in einem Hotelfoyer. Liebe auf den ersten Blick könnte man es wohl nennen. „Da also steht Nugent und bleibt in Ada Merriman haften (...). Und sie in ihm.“ Doch das Schicksal sieht einen anderen Weg für Ada und Lambert Nugent vor. Nicht Nugent, sondern dessen Freund Charlie Spillane soll der künftige Ehemann Adas werden. Eine Entscheidung gegen die Liebe ihres Lebens und für die Vernunft. Und gleichzeitig die Besiegelung des tragisch-traurigen Schicksals Liams.

So oder zumindest so ähnlich stellt es sich Veronica in ihren Geschichten über Ada, Nugent, Charlie und die Hegartys vor. Dergleichen Geschichten und Wachträume ziehen sich durch den gesamten Roman. Zu unterscheiden, was wahr ist und was erdacht, fällt bis zur Seite 190 schwer. Da ist es an der Zeit, „keine weiteren Geschichten mehr zu erzählen (...). Es ist an der Zeit einen Schlussstrich unter die Liebesaffären zu setzen und endlich auszusprechen, was in dem Jahr, als ich acht war und mein Bruder Liam gerade neun, in Adas Haus geschah.“ Und sie erzählt dem Leser von dem Missbrauch Liams durch Lambert Nugent und der Ungeheuerlichkeit des Schweigens darüber. Das Schweigen einer ganzen Familie.

Bisweilen ungeheuerlich und konsequent schonungslos direkt fällt auch der Blick der Erzählerin auf ihr eigenes Leben, ihre Ehe und Familie, jetzt nach dem Tod des geliebten Bruders, aus. Sie scheut sich nicht die Risse und Brüche in dem fragilen Familiengefüge offen zu legen. Über ihre Ehe schreibt sie „manchmal spielen wir Unglücklichsein, drehen uns endlos im Kreis. Ding dong. Immer enger. Immer länger. Ein Geziehe und Gezerre. Komm her, und ich sag dir, wie sehr ich dich hasse. Nun warte doch, bis ich dich verlasse.“

Genau und bis ins kleinste Detail lässt sie den Leser Teil an ihren zuweilen brachial ehrlichen Gedanken haben. Darüber, dass sie mit ihrem Ehemann nicht mehr in einem Raum schlafen kann, geschweige denn Lust empfindet mit ihm zu schlafen. Sie erzählt, wie es ist nichts mehr zu empfinden, außer Leere, Trauer und dem Verlust von etwas kostbarem und von dem Drang vor der eigenen Familie – dem Ehemann und den Kindern – weglaufen zu wollen. Sei es mit Hilfe von Alkohol oder gelegentlicher nächtlicher, mitunter auch tagelanger Ausflüge Gott weiß wohin.

Anne Enright skizziert auf intelligente Art und Weise das Bild einer Frau, die aus ihrem bisherigen Leben in die tosenden Gewässer von Verlust, Trauer und Schmerz katapultiert wird. Einer Frau, die droht in ihnen zu ertrinken und sich selbst zu verlieren.

Der Roman „Das Familientreffen“ der irischen Autorin Anne Enright wurde 2007 mit dem britischen „Booker-Preis“ ausgezeichnet. Was sich in der Geschichte Enrights entspinnt, ist ein ehrliches und schonungsloses Familienportrait. Das Portrait einer Familie, die Schuld auf sich geladen hat. Deren Blutbande ihren Mitgliedern zugleich größtes Glück und schwerste Last im Leben sind. Die Formel nach Enright bzw. ihrer Erzählerin ist schließlich die: Jeder auf der Welt liebe irgendwen. Und auch wenn es einem als eine gewaltige Energieverschwendung vorkommen muss, lasse sich daran freilich nichts verändern. Wir alle tun es, wir alle lieben jemanden, obwohl dieser jemand unausweichlich sterben wird. Und wir lieben ihn auch dann noch, wenn er nicht mehr da ist, um sich lieben zu lassen. Wenig verwunderlich kommen einem da Sätze von Enrights Erzählerin vor, wenn sie sagt: „Gott, ich hasse meine Familie, diese Menschen, die zu lieben ich mir nie ausgesucht habe und die ich dennoch liebe.“ Weniger ein Hauch, denn eine starke Brise des Gefühls der Ohnmacht gegenüber der Liebe und ihren Qualen weht durch die Seiten des gesamten Romans. Eine wuchtige und überzeugende Sprache zeichnet die Autorin dabei aus.

Am Ende hätte es Anne Enrights Erzählerin nicht treffender formulieren können, als sie sagt: „... in genau diesem Augenblick stelle ich fest, dass Teil einer Familie zu sein die qualvollste Art ist, am Leben zu sein.“

Von Jennifer Riehn

Literaturangaben:
ENRIGHT, ANNE: Das Familientreffen. Aus dem Englisch von Hans-Christian Oeser. DVA, München 2008. 352 S., 19,95 €.

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