MÜNCHEN (BLK) – Nach „Die Geschichte der Schönheit“ hat Umberto Eco nun „Die Geschichte der Häßlichkeit“ geschrieben. Der Hanser Verlag meint, er habe dazu ein „wunderbares Panoptikum versammelt“.
Klappentext: Zu allen Zeiten haben Philosophen und Künstler Definitionen des Schönen gesucht. Das Hässliche dagegen ist meist nur als Gegensatz zum Schönen verstanden worden, fast nie wurde es für sich selbst betrachtet. Umberto Eco hat nun in seiner Geschichte der Häßlichkeit ein wunderbares Panoptikum versammelt: von Hölle und Teufel zu Monstern und Märtyrern, von den Hexen zu den Satanisten, vom Grotesken zur Obszönität, von der Apokalypse bis zum modernen Kitsch. Ein phänomenales Buch, das mit einem überwältigenden Reichtum an Abbildungen und Textstellen die faszinierende Nachtseite jener Schönheit zeigt, in welcher sich die abendländische Kultur so gerne sonnt.
Leseprobe:
© Carl Hanser Verlag ©
1. Eine von der Schönheit beherrschte Welt?
Von der griechischen Welt hegen wir gewöhnlich das stereotype Bild, das von der Idealisierung des Griechentums durch den Klassizismus herrührt. Wir bewundern an den blendend weißen Marmorstatuen von Aphrodite und Apollo in unseren Museen eine idealisierte Schönheit. Im 4. vorchristlichen Jahrhundert hatte Polyklet eine später als Kanon bezeichnete Figur geschaffen, in der alle Regeln für die idealen Proportionen verwirklicht waren. Im 1. Jahrhundert v. Chr. legte Vitruv die richtigen Proportionen als Teile des ganzen Körpers fest: Das Gesicht sollte ein Zehntel der Größe ausmachen, der Kopf ein Achtel, der Oberkörper ein Viertel usw. Im Lichte dieses Schönheitsideals wurden alle Menschen, die nicht diesen Proportionen entsprachen, als häßlich betrachtet. Hat die Antike die Schönheit idealisiert, so hat der Klassizismus die Antike idealisiert und dabei vergessen, daß sie (vom Orient beeinflußt) der abendländischen Tradition auch Bilder von Gestalten hinterlassen hat, in denen sich die Unproportioniertheit, die Negation jedes Kanons verkörpert.
Das griechische Ideal war im Begriff der kalokagathía enthalten, der Verbindung von kalós (normalerweise als »schön« übersetzt) und agathos (meist als „gut“ übersetzt, umfaßt aber eine ganze Reihe von positiven Werten).Man hat behauptet, daß kalos und agathos zu sein in etwa das bezeichnete, was man unter einem Gentleman versteht, eine Person von würdigem Aussehen, Mut, Stil, Gewandtheit und sportlichen, militärischen und moralischen Tugenden. Ausgehend von diesem Ideal haben die Griechen zahlreiche Werke über den Zusammenhang von körperlicher und moralischer Häßlichkeit verfaßt.
Dennoch bleibt unklar, ob die Antike als »schön« all das verstanden hat, was gefällt, Bewunderung erregt, den Blick auf sich zieht und durch seine Form die Sinne berührt, oder eine „geistige“ Schönheit, eine Eigenschaft der Seele, die manchmal nicht mit der Schönheit des Körpers übereinstimmt. Der Krieg gegen Troja wird im Grunde durch die außergewöhnliche Schönheit Helenas ausgelöst, und Gorgias hat über Helenas Schönheit eigenartigerweise ein Enkomion geschrieben. Dabei konnte Helena als untreue Gattin des Menelaos gewiß nicht als ein Vorbild an Tugend betrachtet werden.
Wenn für Platon nur die Welt der Ideen wirklich und unsere materielle Welt lediglich Schatten und Abbild von ihr ist, dann müßte das Häßliche das Nicht-Existente sein, denn im Parmenides wird verneint, daß es Ideen von unreinen und verwerflichen Dingen geben kann wie „Haar, Kot, Schmutz“. Das Hässliche käme demnach nur in der Welt der Sinneswahrnehmungen vor, als Ausdruck der Unvollkommenheit der Welt der Körper gegenüber der Welt der Ideen. Später setzt Plotin, der die Materie grundsätzlich als Übel und Irrtum definiert, das Häßliche mit der materiellen Welt gleich.
Doch es genügt, das Gastmahl zu lesen, den platonischen Dialog über Eros (als Liebe) und Schönheit, um viele Nuancen festzustellen. In diesem und in den anderen platonischen Dialogen wie auch allgemein in fast allen philosophischen Erörterungen über das Schöne und Häßliche werden diese Werte zwar genannt, aber nie durch Beispiele erläutert (weshalb wir, wie in der Einführung erwähnt, gezwungen sind, die philosophischen Aussagen mit konkreten künstlerischen Darstellungen zu vergleichen). Schwer zu sagen, was die Schönheit der Dinge ausmacht, die unser Begehren erregen. In bezug auf den Begriff des Guten beinhaltet der Dialog vor allem ein Lob der päderastia im ursprünglichen Wortsinn von Liebe, die ein weiser und reifer Mann der Schönheit eines Jugendlichen entgegenbringt. Diese Knabenliebe war in der griechischen Gesellschaft allgemein akzeptiert, aber in dem Dialog wird ein großer Unterschied deutlich zwischen der von Pausanias gelobten Päderastie (nämlich dem physischen Begehren der Schönheit des jungen Mannes) und der sublimierten Päderastie (die wir heute „platonisch“ nennen würden) des Sokrates.
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Literaturangaben:
ECO, UMBERTO: Die Geschichte der Hässlichkeit. Übersetzt aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser, Sigrid Vagt. Carl Hanser Verlag, München 2007. 456 S. mit vielen Abbildungen, 39,90 €.
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