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Unter der Sonne Mexikos

„I Am Airen Man“ versus „Rum Diary“

© Die Berliner Literaturkritik, 05.07.10

Von Kristoffer Cornils

San Juan, irgendwann Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ein Amerikaner versucht sich als Redakteur bei einer kleinen Zeitung durchzuschlagen. Mexico City, irgendwann Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Ein junger Mann aus der bayerischen Provinz versucht sich mit möglichst wenig Arbeit durchzuschlagen. Fast 400 Kilometer und 50 Jahre trennen die Geschichten des amerikanischen Journalisten Paul Kemp und des Berliner Bloggers Airen voneinander. Der Blumenbar Verlag bringt nun beide zeitgleich auf den Markt. Das eine Buch ist der erste Roman des Begründers des radikalen Gonzo-Journalismus, Hunter S. Thompsons „Rum Diary“. Es ist eine Geschichte, die davon handelt, wie „der amerikanische Traum einen seiner größten Anhänger vernichtet“. Die andere Geschichte ist das zweite Werk Airens („I am Airen man“), für den nach seiner drogen- und technosüchtigen Zeit in der deutschen Hauptstadt Mexico City „wie eine Erlösung“ daherkommt.

Paul Kemp, das Alter Ego Thompsons, reist von New York nach San Juan in Puerto Rico, um dort einen Job bei der San Juan Daily News anzutreten, einer Zeitung kurz vor ihrem Kollaps. Zwischen Schlägereien und Besäufnissen, Strand und Kneipe, reichen Investoren und heruntergekommenen Reportern verfolgt der Leser die unaufhaltsame Desillusionierung Kemps, der sich doch immer aufrecht zu halten versucht. Anders verhält es sich bei dem hedonistischen Protagonisten von Airens Zweitwerk: Sein Studium in Frankfurt/Oder interessiert ihn weit weniger als die Technoparties der Hauptstadt, in die es ihn verschlägt. Doch auch vom selbstzerstörerischen Leben Berlins hat er bald genug. Er geht nach Mexico, wo die versprochene Erlösung allem Optimismus zum Trotz lange nicht eintritt, bis eine Frau in Airens Leben tritt. Zwei scheinbar umgekehrte Entwicklungen im selben Setting sind es, die der Verlag seinen Lesern anbietet.

Sowohl Thompson als auch Airen fanden ihr Material im eigenen Leben. Radikal subjektive und zu großen Teilen autobiographische Geschichten sind es, die unmittelbar schildern, wie es ist, in einer unbekannten Umgebung anzukommen, Fuß zu fassen und immer wieder zu straucheln. Hier beginnen sich bereits die ersten größeren Unterschiede abzuzeichnen: Kemp steht trotz seiner zahlreichen Sauftouren weiter diszipliniert seinen Mann. Er liefert nach allen Eskapaden zuverlässig seine Arbeit ab. Es scheint ihm jedoch kaum etwas zu geben, das Leben in San Juan zusammen mit der labilen Redaktion der „Daily News“. Airen hingegen kümmert sich gar nicht erst um seinen Job, fälscht eine Menge Gutachten und konstruiert fast schon geniale Ausreden für sein Wegbleiben, das sich doch ganz einfach gestaltet: Airen schildert in den rund 60 Blog-Einträgen, die den Roman bilden, wie er sich die volle Ladung Koks, Techno und Sex gönnt und sich einen hedonistisch-exzessiven Zugang zur mexikanischen Hauptstadt schafft.

Die verschiedenen Behandlungen der ähnlichen Sujets schlagen sich vor allem in der Erzählstruktur nieder. Thompson ist ein stringenter, fast klassisch zu nennender Roman gelungen, der gekonnt von einem Höhepunkt auf den nächsten zusteuert. Er baut Spannungen auf und löst sie mit einem bemerkenswerten Timing, die Psychogramme der zahlreichen Nebenfiguren sind schlichtweg brillant – selten lag so viel Genie und so viel Wahnsinn in einer so klaren Struktur gebündelt vor. Airens Vorgehensweise ist eine andere. Die oft unzusammenhängend anmutenden Blog-.Einträge bilden kein erzählerisches Ganzes, sondern umreißen sehr punktuell die oftmals sehr verschwommene Wahrnehmung der Dinge seitens seines Protagonisten. Das ist zwar bei weitem nicht so mitreißend und fesselnd wie Thompsons Roman, verfehlt seine Wirkung aber bestimmt nicht. Denn neben den zahlreichen bemüht lässigen Hohlphrasen und Plattitüden wie „verkokst und zugenäht“ zeigt der junge Autor echte Stärken in der Formulierung seiner rauschhaften Erlebnisse. Seine Form, so wenig Struktur sie hat, erlaubt ihm die unmittelbare und eindringliche Schilderung einer strukturlos gewordenen Welt. Zwischen all dem „saugeil“ und „krass“ gelingt es Airen immer wieder, Momente zu schaffen, indem er dem Leser seine Welt erleben lässt.

Trotz dieser starken Passagen, die vor allem durch einen kräftigen und innovativen Umgang mit der Sprache überzeugen, bleibt der Roman bis zum Schluss zu anekdotenhaft, zu schemenhaft und assoziativ. Die großen Momente verlieren im Kontext dadurch leider an Stärke, die Vielzahl der stilistischen Fremdschämmomente wirkt sich negativ auf den Gesamttext aus. Ganz anders jedoch „Rum Diary“: Allein schon die der Ausgabe beigefügten Briefe Thompsons an Kollegen und Freunde beweisen, wie intensiv er sich der Arbeit an seinem Erstling widmete. So intensiv, dass er fast 40 Jahre immer wieder Änderungen daran vornahm, bevor er ihn schließlich 1998 zur Veröffentlichung freigab. Man merkt es dem Roman deutlich an. Es gibt nicht die ausufernden Schilderungen, die man aus Thompsons bekanntestem Werk „Fear And Loathing In Las Vegas“ kennt, die Gespräche driften nie ins Belanglose ab, die Handlung ist pointiert und fließt mit einer mitreißenden Leichtigkeit dahin. Thompson beschränkt sich auf unaufdringliches Erzählen und offeriert dem Leser erst nach und nach eine reflexive Ebene über dem Geschehen ohne jemals Partei zu ergreifen oder gar den moralischen Zeigefinger zu erheben.

Airens Ziel könnte das auch gewesen sein: Mit seinem Roman beziehungsweise mit seinem Blog-Projekt wollte er eine Aussage über die Welt treffen, mit der er sich konfrontiert sah. Aber daran hindert ihn schlussendlich seine Formlosigkeit: Die Passagen intensiven Drogengenusses reihen sich solange aneinander, bis sie zum hohlen Gestus verkommen, der Sex mit Transvestiten, die Technoparties oder das kosmopolitische Jet-Set-Leben, welches der Protagonist führt – so authentisch das alles aus Airens Leben gegriffen sein mag, so redundant und possenhaft kommt es in Erzählform daher. Und wird bitter kontrapunktiert vom Ende des Romans, welches Protagonist Airen in die deutsche Spießbürgerlichkeit samt Kind und Kegel katapultiert. Die literarische Form des Blogeintrags wird so zum zweischneidigen Schwert, einerseits lässt es sprachliche Freiheiten und schafft Unmittelbarkeit, ist aber andererseits zu roh, zu heterogen, um eine Wirkung als Ganzes zu entfalten ohne sich dabei selbst im Weg zu stehen.

Selbst wenn er Helene Hegemann mit seinem zweiten Werk schriftstellerisch weit hinter sich gelassen haben dürfte, so hat Airen ihr doch seine Bekanntheit zu verdanken. Jetzt aber liegt es an ihm, ob er sich weiterentwickeln oder doch in der Bedeutungslosigkeit der Blogosphäre versinken oder sogar sein Talent an die erlebnisarme Normativität verlieren wird. Man darf gespannt sein, was noch kommt.

Bei Hunter S. Thompson liegt der Fall anders: Der Schriftsteller und Journalist nahm sich 2005 das Leben und hinterließ ein umfangreiches Oeuvre, in welchem „Rum Diary“ einen der Höhepunkte darstellt. Mit seinem Schaffen hat er vieles möglich gemacht, die Türen bereits geöffnet, die junge Autoren wie Airen einrennen wollen. Thompsons langjähriger Freund Johnny Depp, der Ende 2010 in der seit langem geplanten Verfilmung des Romans zu sehen sein wird, konstatiert im Nachwort zum Roman: „Wir sind immer noch hier – ohne ihn. Doch wir sind nicht mit leeren Händen zurückgeblieben, keineswegs.“. Er behält unumstritten Recht.

Literaturangaben:

AIREN: I Am Airen Man. Blumenbar Verlag, Berlin 2010. 176 S., 17,90 €.

THOMPSON, HUNTER: Rum Diary. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Farkas. Blumenbar Verlag, Berlin 2010. 328 S., 15 €.

Weblinks:

Blumenbar Verlag „I am Airen man“

Blumenbar Verlag „Rum diary“


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