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Uwe Tellkamps lyrische Reise

„Reise zur blauen Stadt“ ist ein Gedicht in vierzig Kapiteln

© Die Berliner Literaturkritik, 07.10.09

Von Katrin Börner

Mit seinem großen Roman „Der Turm“ über Dresdner Bildungsbürger in einer schwindenden DDR landete Uwe Tellkamp in den Bestsellerlisten. Das wird ihm mit dem amüsanten kleinen Gedicht- Bändchen „Reise zur blauen Stadt“ wohl kaum passieren. Und doch, wer „Der Turm“ gelesen hat, der wird sich in der blauen Stadt heimisch fühlen, die im Irgendwo von Fantasie- und Traumbildern zwischen Dresden und Venedig schwingt.

Die Bewohner stellt Tellkamp in 40 Kapiteln vor, die Aquarell- Miniaturen gleichen, wie sanfte Skizzen für das festere Bauwerk des Turmes. „Ich kenne Dresden. Das ist auch eine von unseren Städten am Meer“, sagt Libussa Federspiel, Lehrerin an der Nautischen Akademie, zu dem Besucher, den sie zu Kaffee und Mohnkuchen eingeladen hat. Magister Grundtvig, Philosoph im Uhrenturm, nimmt den Gast mit auf einen Rundgang. „Der Turm ruht auf antiken Fundamenten“, erklärt er.

Die Fundamente reichen tief - bis zu Gilgamesch, dem Helden des ältesten bekannten Epos der Menschheit. Und von da ab ist in der blauen Stadt wohl ein Stein aus jeder Epoche der Dichtung dabei. Sogar Reime gibt es. Sie werden von der Putzfrau produziert. Und Dr. Spiro Spero erzählt im Kaffeehaus eine gereimte Moritat von der unglücklich endenden Liebe zwischen Selim und der schönen Sharareh.

Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren, leistete seinen Wehrdienst in der NVA, verlor seinen Medizinstudienplatz wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ und wurde zur Wendezeit 1989 inhaftiert. Später setzte er sein Studium in Leipzig, New York und Dresden fort und arbeitete nach dem Examen als Arzt in einer unfallchirurgischen Klinik seiner Heimatstadt.

In seinem Roman, der 2008 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und der Anfang November den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung bekommt, beschrieb Tellkamp eine bildungsbürgerliche Schicht, die es in der DDR eigentlich gar nicht geben sollte. Das Gedicht in 40 Kapiteln schließt nun noch enger an Vorbilder einer bildungsbürgerlichen Literatur an. Die Textbilder lassen an Gottfried Benn denken, an Hugo v. Hofmannsthal, E.T.A. Hoffmann oder an Rainer-Maria Rilke, das Übermaß an Blau führt zwangsweise auch zu Romantikern wie Novalis.

Doch blau ist nicht nur die Blume der Romantik, sondern auch die Melancholie. Gegen die trübe Stimmung treibt Tellkamp sprachlichen Unfug. Nervend ist das Übermaß an Spontisprüchen wie „Die Librettisten? Manche scheitern fort von Tag zu Tag“ im Kapitel der Sobeide Kuckuck, der möglicherweise blonden Primadonna des Serapionstheaters.

Wie dicht die blaue Stadt an der alten DDR liegt, beweist Jensen, der Kommissar der Hafenquästur. Er beobachtet zwar die Bewohner, legt Dossiers an und berichtet von einer Geheimabteilung, in der Dinge liegen, „die so geheim sind, dass niemand weiß, ob man überhaupt wissen darf, dass man das gar nicht wissen darf“. Doch eine gestohlene Uhr kann er nicht wiederbeschaffen.

Identifizieren kann sich Tellkamp wohl am besten mit Münchenhausen, der mit seinem Tagebuch in der Mitte der Sammlung zu Wort kommt und sein Leben mit originellen Metaphern beschreibt. Münchhausen ist bei der Obrigkeit nicht wohlgelitten. Ein paar Seiten vorher ist sein Antrag auf Förderung abgelehnt worden. Doch ihn wird sicher Tellkamps Überzeugung retten, die bei Jensen allerdings zur Warnung wird: „Aber nicht nur die Dummen, auch die Klugen sterben nicht aus.“

Literaturangabe:

TELLKAMP, UWE: Reise zur blauen Stadt. Insel Verlag, Frankfurt/Main 2009. 109 S., 12,80 €.

Weblink:

Insel Verlag


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