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Uwe Timms Roman über Marga von Etzdorf

Für seinen Roman hat der Autor einen eigentümlichen Schauplatz ausgewählt: den Berliner Invalidenfriedhof

© Die Berliner Literaturkritik, 22.09.08

 

Von Ira Schaible

Bestseller-Autor Uwe Timm spürt in seinem neuen Roman dem Leben einer Legende nach. Marga von Etzdorf (1907-1933), eine der ersten deutschen Fliegerinnen, steht im Mittelpunkt von „Halbschatten“, das es auf die „Longlist“ der 20 Titel für die Wahl des Deutschen Buchpreises 2008 geschafft hat, bei der Auswahl für die „Shortlist“ der sechs Finalisten dann allerdings das Nachsehen hatte.

Warum nimmt sich die leidenschaftliche Pilotin nach einer Bruchlandung in Syrien mit nur 25 Jahren das Leben? Das ist der eine Ausgangspunkt der Geschichte. Der andere ist die Inschrift auf ihrem Grabstein: „Der Flug ist das Leben wert“. Mit Hilfe historischer Quellen entwirft Timm behutsam ein Porträt, ohne letztlich alle Fragen klären zu können. „So könnte es gewesen sein“, heißt es zum Schluss des Romans.

Wie zuvor schon in seinen autobiografisch geprägten Büchern über Benno Ohnesorg, die Ikone der Studentenbewegung („Der Freund und der Fremde“, 2005), und über seinen älteren Bruder, der sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision gemeldet hat („Am Beispiel meines Bruders“, 2003), skizziert Timm auch ein Stück deutsche Mentalitätsgeschichte.

Dafür hat der 68 Jahre alte Autor in „Halbschatten“ einen eigentümlichen Schauplatz gewählt: Den Berliner Invalidenfriedhof, an dem von Etzdorf, aber auch „die deutsche, die preußische Geschichte begraben liegt, jedenfalls die militärische“, wie er schreibt. Ein Besuch des Autors an dem denkmalgeschützten Ort, den einst die Berliner Mauer teilte, ist der Rahmen der Geschichte.

Von Etzdorfs Ruhestätte an einem Granitfelsen, einem Findling, befindet sich in unmittelbarer Nähe der Gräber bekannter Jagdflieger wie Manfred von Richthofen, Ernst Udet und Werner Mölders. Auch der Held der Befreiungskriege, der preußische General Gerhard Scharnhorst, liegt dort. Unter den zahlreichen bekannten Toten ist zudem der Organisator der Judenvernichtung, Reinhard Heydrich.

Timm bringt die Toten in seinem Roman zum Sprechen: Täter und Opfer des Nationalsozialismus, Teilnehmer der Befreiungskriege, die Fliegerasse der Weltkriege, Hingerichtete und Erschossene, Soldaten sowie die bei der letzten Schlacht um die Hauptstadt 1945 Getöteten, als auch der Friedhof zum Kampfgebiet wurde. In einem stellenweise beklemmenden Durcheinander von Geflüster, Gebrüll, Gemurmel und Geschrei erzählen sie, erklären sich, monologisieren, machen Sprüche.

Vor allem zwei Figuren bringen diesen vielstimmigen Chor zum Klingen. Die eine ist der „Graue“, ein Stadtführer, „der mir als Kenner dieses Ortes empfohlen worden war“ und der den Schriftsteller Timm über den Friedhof führt. Die andere ist ein Kabarettist und Schauspieler namens Anton Miller, der sich in Japan in von Etzdorf verliebt. Er ist einer der Hauptstränge zu der zarten und exotischen Liebesgeschichte des Romans, die in starkem Kontrast zu den Schrecken der Totengesänge steht.

Von Etzdorfs Liebe zu dem Diplomaten und Jagdflieger Christian von Dahlem bleibt letztlich aber unerfüllt und endet mit dem Selbstmord der 25-Jährigen. Ihre Motive erscheinen allerdings vielschichtig. Zu der verschmähten Liebe kommen eine Scham über den Anfangsfehler, mit dem Wind gelandet zu sein, und die Gewissheit als „Pechmarie“ lange an keine eigene Maschine mehr heranzukommen. Möglicherweise spielte auch die Furcht eine Rolle, den Fängen des NS-Machtapparats nicht entkommen zu können. Denn von Etzdorfs Pech mit ihren Flugzeugen und ihre unglückliche Liebe zu von Dahlem führen dazu, dass sie sich in Waffenschmuggel und Spionage für die Nazis verstrickt.

Timms Roman, der weder in Kapitel noch in Abschnitte gegliedert ist, liest sich wie ein Bühnenstück, oder die literarische Inszenierung eines Dramas. Dabei sind die Passagen, in denen über von Etzdorfs Leben erzählt wird, ein ruhiger Gegenpol zu den raschen Wechseln der Erzählerperspektiven und Fragmenten deutscher Geschichte von den Befreiungskriegen bis zur Nazi-Diktatur. Stellenweise nur mit höchster Konzentration zu lesen, ist „Halbschatten“ dennoch spannend und packend. Der Roman regt an vielen Stellen zum Nachdenken an, über deutsche Geschichte, über Lebensträume, über Liebe und über das ganz normale Leben.

Literaturangaben:
TIMM, UWE: Halbschatten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 267 S., 18,95 €.

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