Verdrängt – und doch stets anwesend

Viola Roggenkamps Buch über Erika Mann – eine jüdische Tochter

Von: ROLAND H. WIEGENSTEIN - © Die Berliner Literaturkritik, 30.09.05

 

Es war alles vorher besprochen: Das Kind des Paars, das da 1905 erwartet wurde, es sollte norddeutsch-germanisch Erik heißen, der „Traumsohn“ seiner Mutter werden, „das kühne, herrliche Kind“ des Vaters; doch es wurde ein Mädchen und aus Erik wurde: Erika Mann, erstes von sechs Kindern des Ehepaars Mann.

Der Vater Thomas war dreißig Jahre alt, ein Schriftsteller, der 1901 mit dem vom „Verfall einer Familie“ erzählenden Roman “Buddenbrooks“, sofort beträchtliche Aufmerksamkeit erregt hatte, die Mutter Katja, acht Jahre jünger als Thomas, war eine geborene Pringsheim, stammte aus einer reichen jüdischen Münchener Familie, ihr Vater war Mathematik-Professor, ihre Mutter Hedwig führte ein offenes Haus, brillierte dank ihrer Schönheit und ihres Witzes und war zudem die Tochter einer berühmten Frauenrechtlerin und Autorin: Hedwig Dohm.

Privatmythologie

Auch wenn orthodoxe Rabbiner wegen einiger Gojim im „Ahnenpass“ (so hieß der Stammbaum bei den Nazis) den Kopf geschüttelt hätten: Die Pringsheims waren Juden. Mindestens nach der von dem jüdischen Schriftsteller Amon Elon zitierten Definition Jean Paul Sartres: Juden seien die, die andere als solche betrachteten. Sartres Satz umgeht, philosophisch spitzfindig und zugleich praktisch, alle religiösen, „rassischen“, nationalen Zuordnungen, die 1934 nicht nur einem gewissen Globke Schwierigkeiten bereiteten, als er in der nazistischen Zoologie „Volljuden“, „Halbjuden“, „Geltungsjuden“ und noch ein paar andere Kategorien juristisch säuberlich zu unterscheiden versuchte, dabei lief am Ende alles auf dasselbe hinaus: „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“. Das lässt Lessing in „Nathan der Weise“ den christlichen Patriarchen von Jerusalem sagen – 1778. Der große Aufklärer hat seinen Titelhelden freilich überleben lassen; vermutlich ausgeschlossen von den „allseitigen Umarmungen.“

Alfred Pringsheim hatte das „Entréebillett“ verweigert, das Juden von Juden trennte, die einen in trügerischer (partieller) Gleichberechtigung in die deutschen Gesellschaft aufnahm (trotz aller Rück- und Nackenschläge eine viele Jahre dauernde „Erfolgs“-Geschichte, für die man das viel zu starke Wort Symbiose erfunden hat), die anderen, die später Gekommenen, die „Ostjuden“ stigmatisierte und ausschloss. Hedwig Dohm, Hedwig Pringsheim und ihre Tochter Katja bekamen es: Sie wurden getauft. Und haben davon, dass sie Juden seien, kein Wesens gemacht: Sie wollten es nicht sein. „Die Taufe soll das Jüdische auslöschen. Aber sie tut es nicht“, schreibt Roggenkamp.

Für Thomas Mann, den Lübecker Patriziersohn mit seinem tief in den eigenen Traditionen verankerten bürgerlichen Antisemitismus, galt die schöne, reiche Katja (die selbst auf die Frage nach ihrem Jüdischsein antwortete „Unsinn, alles Unsinn“) bald nicht mehr als „dies fremdartige, gütige und doch egoistische Judenmädchen“, sondern als „die Prinzessin des Ostens“, die „mit den Schultern von Flötenspielerinnen, Schultern des Niltals“. Er folgte Goethes orientalischen Vorlieben und konstatierte: „dass meine Kinder nun auch noch den goldenen Kuppel-Traum von Märchen-Osten und Morgenland im Blute hegen.“ Eine Privatmythologie, die ihn von keiner bösen antisemitischen Bemerkung (einige, als die Judenhatz in Deutschland längst begonnen hatte, sind von entsetzlicher, kalter Fühllosigkeit), von keiner antisemitisch kodierten Figur in seinen Büchern abgehalten hat. Er mochte die Juden nicht, auch nicht den Schwiegervater, der ihm viele Jahre den Lebensstil eines Großbürgers finanzierte, bevor ihn sein Ruhm (und die damit verbundenen Honorare) von dessen Zuwendungen unabhängig machte. Er, der Dichter, der „Zauberer“ bestimmte den Ton, hatten sich schon die Urgroßmutter und die Großmutter als Christinnen begriffen, so wollte Katja erst recht nichts davon wissen, eine Jüdin zu sein – und Erika schon gar nicht.

Identifikationsfigur

Sollte man es dabei belassen? Es allenfalls als einen, tief aus einer Verfolgungsgeschichte resultierenden, fatalen Irrtum der Frauen betrachten und als schnöden Hochmut bei Thomas Mann und seinesgleichen, den deutschen Bourgeois mit ihrem völkischen Stolz, zu den Akten legen? Für die meisten Biografen Thomas (wie Erika) Manns scheint es jedenfalls kein dringendes Thema zu sein. Wie weit können überhaupt lebensgeschichtliche Verwerfungen, Verirrungen, Verleugnungen, Verdrängungen etwas verdunkeln, was von der Zeit als großes Werk sanktioniert wurde, das alle Kontingenzen seines Autors (und derer, die mit ihm umgingen, ihn verehrten und schützten) überstrahlt? Wo schließlich steht geschrieben, dass große Künstler auch einen guten (mindestens erträglichen) Charakter haben müssten? Die meisten (seien wir gnädig: viele) hatten ihn nicht.

Wenn Viola Roggenkamp nun in ihrem Buch die Geschichte einer Verleugnung erzählt und das in einer Weise, die immer wieder an den Untertitel erinnert, den Thomas Bernhard einem seiner Bücher gab: „Eine Erregung“, so hängt das gewiss mit lebensgeschichtlichen Prägungen zusammen, die die Autorin in ihrem Roman „Familienleben“ ausgebreitet hat: Sie weiß, wovon sie redet, hat es am eigenen Leib, im eigenen Kopf erfahren. Aber eben nicht nur damit: Es ist keine private (wohl aber eine persönliche!) Auseinandersetzung zwischen der Nachgeborenen und der bewunderten Schriftstellerin, Schauspielerin, antifaschistischen Polemikerin Erika Mann, kein „Zickenkrieg“, der ja etwas verzweifelt Verspätetes hätte – Erika Mann ist 1969 gestorben, sie wurde nicht einmal fünfundsechzig Jahre alt – es ist ein hellsichtiger, zuweilen verzweifelter, zuweilen erboster Kampf gegen ein Tabu, das von Katja und ihrer Tochter Erika über die eigene Existenz verhängt wurde, das Tabu, eine jüdische Mutter, eine jüdische Tochter gewesen zu sein.

Erika Mann ist für Viola Roggenkamp eine Identifikationsfigur (wie Rahel Levin-Varnhagen es für die junge Hannah Arendt war). Sie trägt  mit ihr eine Art Geisterkampf aus – bewundert sie und hätte sie sich doch anders gewünscht. Sie sucht sie zu verstehen und beklagt ein oft unglückliches Leben, sieht sie nicht bloß als die, die sie sein will, sie will sie als eine, die die nicht war: die „jüdische Tochter“. Wenn sie darauf (wenige) Hinweise findet, ist sie glücklich.

Jüdisch-deutsche Epoche

Sie deckt das Verschwiegene auf, geduldig, kenntnisreich, bedient sich aller vorhandenen Quellen, zieht Schlüsse, stellt die Verbindung her zwischen den in der Familie Mann offen besprochenen homosexuellen Neigungen von Thomas, Erika, Golo und Klaus, dem Zweitgeborenen, dem männlichen Erben, der für das Linsengericht der eigenen, unabhängigen Existenz, die ihm eigentlich zustehende väterlichen Segnung aufgab wie Esau sie dem Jakob abtrat. Er verschmähte alle daraus resultierenden Prärogativen und zog am Ende den Selbstmord vor, nachdem er hatte einsehen müssen, dass sein Talent weit hinter dem des Vaters zurückblieb, sein politisches Engagement diesen störte. Die große Segnung bekam sie, Erika, die engste Mitarbeiterin des Zauberers, die energische Verwalterin seines Erbes, die alle eigenen Aspirationen aufgab und sich wie ihre Mutter Katja unter das Joch des Genies beugte.

Es ist eine traurige Geschichte, die die Autorin mit der gebotenen Ausführlichkeit  - und vielen bisher allenfalls Experten bekannten Details - ausbreitet, traurig, wie es jede Geschichte einer Verdrängung ist. (Sie nimmt psychoanalytische Kategorien sehr ernst und manche ihrer Ableitungen sind ohne Freuds Erkenntnisse nicht denkbar, bis hin zu Spitzfindigkeiten von rabbinischem Scharfsinn).

Und damit stößt man auf ein weiteres, ja entscheidendes Element des Buchs, das politische: Es betrifft nicht nur die Familie Mann, ihre inzwischen fernsehnotorisch gewordenen Leiden und Triumphe, sondern es betrifft uns, die Deutschen, die noch nicht gelernt haben, mit Juden anders als mit scheelem Blick umzugehen: überwältigt von dem Schrecken, den „wir“ immer noch verdrängen - als Täter wie als Nachgeborene von Tätern, die die Last nicht loswerden können, weil Geschichte über Generationen weg fortlebt und konditioniert – wir wollen diese Geschichte nicht wahrhaben, weil in ihr etwas zu Ende gegangen ist, was sich, allem guten Willen vieler zum Trotz, nicht mehr wieder herstellen lässt, ein unbefangenes, gleichberechtigtes Zusammenleben mit denen, die unter uns sind: den Juden, den jüdischen Deutschen. Amos Elon hat es in seinem „Porträt einer jüdisch-deutschen Epoche“ benannt, aber es kommt ganz zu Tage nur im englischen Originaltitel seines Buchs: „The pity of it all.“

... weil alles weitergeht!

Nein, Roggenkamps Buch ist kein Wühlen in den oft traurigen, manchmal großartigen, gelegentlich auch unappetitlichen Details aus dem Leben einer „deutschen“ Familie, die die eines der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts war, es ist eine kluge, scharfsinnige und unerbittliche Recherche in den Abgründen unserer Geschichte, die in Birkenau und Treblinka endete, und deren Fortgang – weil alles weitergeht – nur von diesem Ende aus gedacht und damit würdiger, humaner fortgesetzt werden kann.

Dazu gehört es, keine Tabus zuzulassen und genau hinzusehen.

Literaturangaben:
ROGGENKAMP, VIOLA: Erika Mann – Eine jüdische Tochter. Arche Verlag Zürich 2005. 251 S., 19,90 €.

Roland H. Wiegenstein arbeitet als freier Literatur- und Kunstkritiker für dieses Literaturmagazin. Er lebt in Berlin und Italien


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