Von Chris Melzer
Dritter Platz klingt unspektakulär – es sei denn, die ersten beiden Plätze belegen „Der Herr der Ringe“ und die Bibel. Vor gut drei Jahren wählten die Deutschen den Welterfolg „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett in einer ZDF-Sendung zum drittbesten Buch aller Zeiten. Der Historienwälzer hat sich auf Deutsch seit seinem Erscheinen 1990 mehr als 3,8 Millionen Mal verkauft, in den USA gehen jedes Jahr noch immer 100.000 Exemplare über den Ladentisch. Eine gute Grundlage für einen Nachfolger. Den hat der Waliser Follett jetzt vorgelegt. „Die Tore der Welt“ folgt weiten Strecken allzu sehr dem Erfolgsrezept des Bestsellers, ist aber dennoch über fast 1300 Seiten eine spannende Lektüre.
Follett hat die Handlung wieder im fiktiven Städtchen Kingsbridge angesiedelt, allerdings im 14. Jahrhundert und somit 200 Jahre nach dem Bau der großen Kathedrale, der in „Die Säulen der Erde“ beschrieben wurde. Dieses Mal geht es um den Bau einer Brücke und einer neuen Turmspitze, doch unheimlicher Hauptdarsteller ist eigentlich die Pest. Und es sind wieder Liebschaften und Intrigen, die Gier nach Macht und Geld und nicht zuletzt die Auseinandersetzung zwischen Adel, Klerus und Bürgertum, die Stoff für den Großroman bieten.
Die Hauptfiguren sind der junge Baumeister Merthin, die Kaufmannstochter Caris, die intriganten Kleriker Godwyn und Philemon und der machtgierige Ralph. Und so wie Merthin beim Bau der neuen Kirchturmspitze auf die Kathedrale aus dem ersten Band vertraut, so verlässt sich Follett auf das Konzept seines Welterfolgs von 1990: Die Protagonisten von damals haben ihr genaues Gegenstück im neuen Band, das ihnen zum Teil sogar in der Beschreibung des Äußeren gleicht. Dabei wirken die Figuren zuweilen hölzern, die Guten zu gut und die Bösen zu böse. Auch passen die beiden Hauptdarsteller Merthin und Caris mit ihrer weltläufigen, unabhängigen, unreligiösen Haltung viel besser ins 21. als ins klerikale, unaufgeklärte 14. Jahrhundert.
Und trotzdem zeichnet der Autor wieder ein interessantes Sittengemälde der Zeit. „Es kommt für mich nicht infrage, etwas im Manuskript zu lassen, von dem ein Historiker sagt, dass es so nicht passiert sein kann“, hat Follett in einem Interview gesagt. Alles andere wäre „Betrug am Leser“. In der Tat kann man Follett Nachlässigkeit nicht nachsagen. Die Entwicklung der Städte im späten Mittelalter, die Pest, der Hundertjährige Krieg – alles ist gut recherchiert und mit nur wenig künstlerischer Freiheit aufgeschrieben. In der deutschen Ausgabe stören diverse sprachliche und grammatikalische Fehler, der Leser wird aber durch die schöne Aufmachung des 1,3-Kilo-Bandes entschädigt.
Lebendig bleibt das Buch immer und auch leicht zu lesen. Follett ist ein Dienstleister: Trotz der zahlreichen Figuren – die im Wesentlichen aus nur drei Familien stammen – bleibt die Handlung übersichtlich. Das liegt an einem Follettschen Kunstgriff: Er zaubert keine Figuren aus dem Hut oder mutet dem Leser zu, sich an hunderte Seiten zurückliegende Nebendarsteller zu erinnern. Stattdessen stattet er jede Figur mit ein, zwei charakteristischen Eigenschaften aus, die jedes Mal beiläufig erwähnt werden und so für das „Ach ja“- Erlebnis beim Leser sorgen.
Faszinierend ist wieder einmal die Intrigenwelt, die Ken Follett auf den fast 1300 Seiten ausbreitet. Immer wenn man die Kabale überwunden glaubt, kommt die dunkle Seite der Macht mit einem neuerlich, noch perfideren Angriff. Zuweilen fragt sich der Leser, woher Follett die Anregungen für die Vielzahl von Intrigen hat. Dann mag man gar nicht daran denken, dass er seit mehr als 20 Jahren mit einer Labour-Abgeordneten verheiratet ist, die im derzeitigen Kabinett Ministerin ist.
Wer die „Säulen“ gelesen hat, wird die Parallelen zu den „Toren“ nicht übersehen. Aber man kann den Nachfolger lesen, ohne das Original zu kennen und wem „Die Tore der Welt“ gefallen haben, kann hinterher noch problemlos „Die Säulen der Erde“ nachschieben. Nach einer viertel Stunde ahnt man dann zwar, wie es gut 1000 Seiten später ausgeht, doch die Verwicklungen dazwischen lohnen das Lesen allemal. Und noch eine Parallele gibt es zum ersten Buch: „Die Tore der Welt“ kosten mit knapp 25 Euro genauso viel wie 18 Jahre zuvor „Die Säulen der Erde“ mit 48 Mark.
Literaturangaben:
FOLLETT, KEN: Die Tore der Welt. Historischer Roman. Übersetzung aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2008. 1294 S., 24,95 €.
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