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Verwirrstück mit zwei Einstiegen

Benjamin Steins „Die Leinwand“

© Die Berliner Literaturkritik, 15.02.10

Von Julian Mieth

Ein Roman, den man von vorne wie von hinten lesen kann: Hinter jedem Buchdeckel verbirgt sich eine eigene Geschichte. Die eine beginnt mit dem Analytiker Amnon Zichroni, die andere mit dem Journalisten Jan Wechsler. Die gemeinsame Geschichte beginnt, als der Hochstapler Minsky auftaucht und das Leben beider schlagartig verändert. In „Die Leinwand“ lässt der Autor Benjamin Stein zwei Männer an der Frage nach Identität, Erinnerung und Schicksal grandios scheitern.

Der streng jüdisch erzogene Zichroni besitzt die Fähigkeit, die Erinnerungen anderer Menschen nachzuempfinden. Er wird Psychoanalytiker und lässt sich in Zürich nieder. Hier begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Doch dann erscheint ein Buch, in dem der Journalist Wechsler behauptet, die ganze Geschichte sei erfunden. Plötzlich steht die Existenz von Zichroni und Minsky auf dem Spiel.

Zehn Jahre später erhält Wechsler einen Koffer, den er angeblich bei einer Reise nach Israel verloren hat - doch der Journalist kann sich weder an den Koffer noch an die Reise erinnern. Offenbar hat es eine Verwechselung gegeben. Als er jedoch in dem Koffer das Enthüllungsbuch zum Fall Minsky findet, dass er geschrieben haben soll, steht seine Welt Kopf. Als er nach Israel reist und in ein Verhör gerät, stellt sich heraus, dass er schon einmal dort war. Sein damaliger Gastgeber Zichroni gilt seitdem als vermisst.

In seinem zweiten Roman „Die Leinwand“ greift der 39-jährige Stein den spektakulären Fall des Binjamin Wilkomirskis auf, der 1995 als vermeintlich lettischer Shoah-Überlebender seine Erinnerungen an das Rigaer Ghetto veröffentlichte. „Bruchstücke“ erregte international Aufsehen und wurde mit etlichen Literaturpreisen bedacht. Drei Jahre später entlarvte der Autor Daniel Ganzfried die Geschichte als Schwindel: Er fand heraus, dass Wilkomirski eigentlich Bruno Dössekker heißt und weder Holocaustopfer noch Jude ist.

Stein interessiert sich jedoch nicht für den Betrüger, sondern für die Nebenfiguren des Skandals. Voller Freude am Detail schildert er den Autor, der den Betrug aufdeckte, und den Analytiker, der bei der Aufarbeitung der Erinnerungen half. Die Raffinesse von Steins bravourös konstruiertem Verwirrstück liegt jedoch in der Einbeziehung des Lesers, der die Leserichtung selbst bestimmen kann. Der experimentelle Stil fordert zum Wenden, Blättern und Vergleichen der beiden Erzählperspektiven auf. Damit ist „Die Leinwand“ auch eine Liebeserklärung an das Medium Buch.

 

Literaturangabe:

STEIN, BENJAMIN: Die Leinwand. Verlag C.H. Beck, München 2010. 416 S., 19,95 €.

Weblink:

Verlag C.H. Beck

 

 


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