Werbung

Werbung

Werbung

Viele Fragen zur „Sattelzeit“

Peter Burkes Schelling-Vorlesung über die „Neuordnung der Wissensarten“

© Die Berliner Literaturkritik, 09.02.09

 

Manchmal genügt es, eine simple Frage zu stellen, um ein Nachdenken loszutreten, das einen Leser (oder Hörer) sehr verwirrt. Der Kulturwissenschaftler Peter Burke ist auf Fragen abonniert wie die, die er einem hochmögenden Publikum aus Anlass der Zweihundertjahrfeier der bayerischen Akademie der Künste 2008 stellte. Sie lautet: „Warum sollte sich ein bedeutender Philosoph wie Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-18549) an der Gründung einer Kunsthochschule beteiligen? Dass dem so war, ist bekannt, aber es besteht stets die Gefahr, etwas für selbstverständlich zu halten, nur weil wir wissen, dass es geschah. Wie so oft in der Geschichtsforschung könnte es aufschlussreich sein, das was tatsächlich passierte als unerwartet oder gar sonderbar zu betrachten.“ Denn, so Burke weiter, „Die Jahre um 1808 oder allgemeiner gesagt, jene um die Jahrhundertwende, stellen nicht nur in der politischen, sondern ebenso in der geistigen und kulturellen Geschichte Europas einen Wendepunkt, beziehungsweise eine Sattelzeit dar.“

Klar ist, dass diese Wende sich der nicht weit zurückliegenden Französischen Revolution und dem Aufstieg Napoleons verdankt, dass also die europäischen Kriege den politischen Rahmen bilden, aber auch, dass das, was den Umbruch in der geistigen Landschaft des Kontinents hervorrief, das Werk sehr junger Leute war, ob sie nun Dichter, Philosophen, Theologen oder Staatsbeamte waren. „So waren die Brüder Humboldt, geboren 1767 und 1769, im Jahr der Revolution 22 und 20 Jahre alt; August Wilhelm Schlegel war 22-jährig; Hegel und Hölderlin waren 19 Jahre; Friedrich Schleiermacher 17 Jahre; Schelling war damals erst 14 Jahre – doch er war so etwas wie ein Wunderkind.“

Vom erstaunlichen Einfluss dieser Youngster nur wenige Jahre entfernt geht Burke aus, um seinen Fragenkatalog um die – leichtfertigerweise – so genannte „Gegen-Aufklärung“ wenigstens anzudeuten. Natürlich, es gab neue „Schlüsselwörter“, die die Geister bewegten und zu heftigem Streit veranlassten. Das Wort „Nation“ zum Beispiel, das sich nun, nach dem Ende des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“, vor allem in „verspäteten Nationen“ wie Italien und Deutschland auch als territoriale Größe und Kampfparole zeigte. Andere deutsche Schlüsselbegriffe der Zeit, die der Redner aufzählt, waren: „Volk, Geist, Organismus, Kultur, Bildung und Entwicklung“ – in der Aufklärung waren sie allesamt allenfalls einer beiläufigen Betrachtung wert, viele wurden als kulturelle Termini gar neu „erfunden“.

Burke zählt auf, wo und von wem die neuen Schlagworte (in jedem Sinn) verwendet wurden. Kultur und Kulturgeschichte wurden in diesem neuen Bezugsrahmen als etwas verstanden, das Wandlungen untersuchen sollte. Alle zusammen bildeten Koordinaten in einem neuen „Herrschaftssystem des Wissens.“ Denn ohne Herrschaft, freilich eine andere als die vorige, ging es natürlich nicht. Ordnung musste sein. In Burkes Skizze – es handelt sich schließlich nur um einen Festvortrag, der vom Deutschen Kunstverlag im englischen Original und in deutscher Übersetzung publiziert wurde und der mitsamt aller Anmerkungen gerade einmal ein Bändchen von wenig über sechzig Seiten ergibt – werden wir nachhaltig verwirrt.

Denn diese neuen Koordinaten, mit denen er elegant spielt, sind dialektisch, nicht einfach als positiv (oder negativ) zu begreifen, sie bringen die alten Traditionen der Wissenschaften vielmehr zum Tanzen, verflüssigen Gewissheiten, führen die Revolution weiter, indem sie sie anders instrumentieren oder rundweg ablehnen. Burke macht das schlagend klar am plötzlichen massenhaften Auftreten von Museen und Bibliotheken, die auf einmal „öffentlich“ sind, das heißt der Bevölkerung zugänglich gemacht werden, an Kunstakademien(!), die überall aus dem Boden schießen und in denen die Eleven nicht in Werkstätten ausgebildet, sondern mit gezielten Lehrplänen traktiert werden, die neben der Erlernung von Fertigkeiten auch den Einblick in die Geschichte der Kunst verlangten (und die getreue Kopie ihrer kanonisierten Erzeugnisse).

In den Wissenschaften setzte sich eine vorher nie gekannte Spezialisierung durch, das neue Wissen verlangte Arbeitsteilung, der Polyhistor starb aus. Die neue Wissensgesellschaft, national verfasst und erst in zweiter Linie an mehr als der eigenen Nation interessiert, setzte sich durch und blieb zweihundert Jahre lang gültig. Erst im Zwanzigsten Jahrhundert beginnt sich diese bald gefundene Herrschaft (und Kategorisierung) aufzulösen: das beginnt in den Künsten, setzt sich fort in fast allen Wissenschaftszweigen, wobei eine „neue Ordnung“ erst noch gefunden muss.

Jede von Burkes Fragen und seinen notwendigerweise nur eben skizzierten Antwortversuchen bedürften genauerer Untersuchung. Vieles davon ist bereits im strittigen Gespräch, anderes harrt noch der Wissenschaftler, die die Dialektik von Fortschritt und Beharren gleichsam neu erfinden müssen. Oft sind neue Paradigmen nur erst in Ansätzen erkennbar.

Darum hat Schelling in einer Kunstakademie gesprochen. Ein Philosoph, der mit Recht über den Zaun fraß. Burkes Hörer (und Leser) sind aufgefordert, all die einfachen und bodenlosen Fragen, die ihnen der Festredner vortrug, ihrerseits zu bedenken.

Literaturangaben:
BURKE, PETER: Um 1808. Neuordnung der Wissensarten. Schelling Vorlesung an der Münchener Akademie der Künste. Deutscher Kunstbuchverlag, München/Berlin 2008. 63 S., 14,90 €.

Verlag

Mehr von Rezensent Roland H. Wiegenstein


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: