Eine Jugend in Deutschland: Gerhard Henschels „Jugendroman“
Gebannt verfolgten viele Leser die Kindheit vom Beamtensohn Martin Schlosser in den 1960er Jahren in Gerhard Henschels „Kindheitsroman“. Mit ebenso viel Hingabe und Liebe zum Detail schreibt der Autor im „Jugendroman“ die Geschichte seines Helden fort: In den wilden 1970er Jahren will der schwierige Außenseiter Martin so gar nicht zum Zeitgeist passen - zumal er auch in der niedersächsischen Provinz in Meppen wohnt. Martin erlebt diese Jahre als ein einziges Scheitern: Er findet in der Schule keine Freunde, ist mit einer kleinen nervigen Schwester geschlagen, der Traum von einer Zukunft als Fußball-Nationalspieler platzt frühzeitig, er verbringt seine Tage zwischen Glotze, Gartenarbeit und Klavierspielen. Kurz: Seine Jugend ist ein Alptraum. Henschel hat seine eigene Adoleszenzkrise beschrieben, das macht das Buch so authentisch und berührend. Er selbst hat in einem Interview gesagt, dass er um nichts in der Welt noch einmal 13 sein wollte. Präzise, fast akribisch schildert er Alltagsbegebenheiten aus der deutschen Provinz, in denen sich viele Leser wiedererkennen dürften.
Beziehungsdrama „Nacht für drei Hunde“
Seit seinem Debütroman „Maestro“gilt Peter Goldsworthy als einer der wichtigsten australischen Autoren. „Nacht für drei Hunde“ schildert in intensiver Sprache eine dramatische Dreiecksgeschichte. Der Psychiater Martin kehrt nach zehn Jahren in England mit seiner Frau Lucy in seine Heimat Australien zurück. Er freut sich vor allem auf ein Wiedersehen mit seinem Jugendfreund Felix, doch ihn erwartet eine Enttäuschung: Während die anderen Freunde von Lucy hingerissen sind, benimmt sich Felix unfreundlich bis an die Grenze der Beleidigung. Als das Paar erfährt, dass Felix unheilbar krank ist, wird ihnen sein Benehmen klar. In ihrem Schock stimmt das Paar dem ungewöhnlichen Wunsch von Felix zu: Er will seine letzte Zeit mit Lucy verbringen, mit ihr zu den Aborigines reisen, mit denen ihn eine unheilvolle Erinnerung aus früheren Tagen verbindet. Diese Reise wird für Martin zur Tortur. Aus Mitleid hatte er sich dazu hinreißen lassen, seine Frau quasi zu verleihen. Zerfressen von Eifersucht muss er nun hilflos zusehen, wie sie ihm entgleitet
Geschichte einer Leidenschaft: „Das Schönste was ich sah“
Asta Scheib hat das ungewöhnliche Leben des italienischen Malers Giovanni Segantini (1858-1899) mit der hinreißenden Liebesgeschichte zu Luigia Bugatti verknüpft. Daraus ist ein in mehrfacher Hinsicht leidenschaftlicher Roman entstanden. Der Maler, dessen Gemälde in den großen Museen dieser Welt hängen und der schon zu Lebzeiten berühmt wurde, stammte aus einfachsten Verhältnissen. Er blieb Zeit seines Lebens Analphabet und verbrachte als Waise Jahre seiner Kindheit in einer Besserungsanstalt. Umso mehr erstaunt es, dass dieser zum Scheitern Verurteilte Aufnahme in die Mailänder Akademie fand, wo sein Genie erkannt und gefördert wurde. Ebenso wunderbar die fast lebenslange Liebe zu Luigia, der wohl der Titel des Buches „Das Schönste was ich sah“ gewidmet ist. Segantini lernte die Schwester eines Freundes kennen, als diese noch ein Kind war, malte sie, lebte mir ihr ohne Trauschein zusammen und gründete mit ihr eine große Familie. Der Autorin gelingt es, ein spannendes, weil genau recherchiertes Stück Kunstgeschichte zu Papier und dem Leser lebendig nahe zu bringen. Wie in so manchem Künstlerleben ist es eine Frau, die in ihrem unerschütterlichen Glauben an den Geliebten, nicht unwesentlich zu dessen Erfolg beigetragen haben dürfte. Auch ihr hat Asta Scheib mit ihrem Buch ein kleines Denkmal gesetzt.
US-Autorin schreibt Dschidda-Krimi „Totenverse“
Dschidda, Saudi-Arabien: Am Strand wird die grausam zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden. So beginnt der schon wegen des Tatortes ungewöhnliche Krimi „Totenverse“ der amerikanischen Autorin Zoe Ferraris. Die Tote war Filmemacherin, die an einem Projekt arbeitete, das die Doppelmoral der arabischen Welt anprangern sollte. Damit haben die Pathologin Katya und der Wüstenführer Nayir, die sich - wie schon in Ferraris vorangegangenem Buch „Die letzte Sure“ um die Aufklärung der Tat bemühen, schon ein treffliches Mordmotiv. Aber der Fall geht tiefer: Die Tote hatte Streit mit ihrem Bruder, der die Schwester den Verlockungen des Westens erliegen sah, und bei der Leiche finden sich Fotos einer alten, verbotenen Version des Korans, die die Wurzeln des islamischen Glaubens infrage stellen. Die Autorin hat selbst mehr als ein Jahr in einer strenggläubigen Gemeinde in Dschidda gelebt, ihr Buch zeigt, wie schwierig der Spagat zwischen dem Leben in der modernen Großstadt und dem nach den strengen Regeln des Islam ist.
Literaturangaben:
HENSCHEL, GERHARD: Jugendroman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. 541 S., 23 €.
GOLDSWORTHY, PETER: Nacht für drei Hunde. Deuticke Verlag, Wien 2009. 352 S., 21,50 €.
SCHEIB, ASTA: Das Schönste was ich sah. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. 360 S., 22 €.
FERRARIS, ZOE: Totenverse. Piper Verlag, München 2009. 422 S., 18,95 €.
Weblinks: