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„von Jandl weg zu Jandl hin“

47 Begegnungen mit Ernst Jandls Gedichten

© Die Berliner Literaturkritik, 29.01.10

Von Kristoffer Cornils

Ernst Jandl brachte seine Leser zum Nachdenken. Vom ungläubigen „Und was will er uns damit nun sagen?“ über das kritische „Warum schreibt der so?“ bis zum unwilligen „Ist das denn überhaupt noch ein Gedicht?“: Jandls Lyrik führte sein Publikum an die Grundfragen der Literatur. Denn was ist Literatur überhaupt, was macht die Sprache in der Literatur, was ist überhaupt Sprache und was machen die bloßen Buchstaben aus ihr? Jandl wusste eben diese Diskurse meisterhaft in seinen experimentellen Stücken einzufangen. Und dabei war er vor allem umwerfend komisch – Werke wie Laut und Luise und Lechts und Rinks begeisterten selbst die kritischsten Leser mit ihrem Wortwitz, ihrem Charme und ihrer mal feinen, mal brachialen Ironie ebenso sehr, wie sie zeitweise auch ernste Töne dort anschlugen, wo man es eher weniger erwartet hätte. Zweifellos: Der Österreicher stellte für die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts eine der wichtigsten Figuren dar, seine Arbeit übte großen Einfluss auf viele seiner Kollegen aus.

Deswegen sollte Ernst Jandl, der im Jahr 2000 im Alter von 74 Jahren verstarb, auch gedacht werden. 2001 wurde der Ernst-Jandl-Preis initiiert, der mittlerweile alle zwei Jahre verliehen wird. 2009 wurden alle beim Preis lesenden Autorinnen und Autoren sowie die Jurymitglieder gebeten, sich künstlerisch mit einem Jandl-Gedicht auseinanderzusetzen. Das Ergebnis dieser Arbeiten liegt nun in Buchform vor: von Jandl weg auf Jandl zu ist beim Czernin Verlag erschienen, herausgegeben von Reinhard Urbach. Vertreten sind namenhafte Schriftsteller wie Jandls langjährige Freundin Friederike Mayröcker, der mittlerweile ebenfalls verstorbene Thomas Kling, selbst Ernst-Jandl-Preisträger von 2001, und die Nobelpreisträgerin des Jahres 2009, Herta Müller. Aber auch unbekannte und vor allem junge Autoren finden sich in der Anthologie versammelt. Und alle gedenken sie Ernst Jandl auf vollkommen verschiedene Weise. Kurze Essays, mosaikartige Gedankenbilder, Antwortgedichte, von Jandls Gedichten inspirierte Gedichte, Bilder, Collagen – die Formenvielfalt dieser 47 Begegnungen und Überlegungen, wie es im Untertitel heißt, ist groß. Fortsetzen solle man Jandls Gedichte, hat Helmut Heißenbüttel gefordert.  Doch was heißt das?

Dem Alter nach geordnet, von der gerade einmal 26jährigen Sonja Hartler bis zur 85-jährigen Mayröcker setzen sich die Schriftsteller mit Jandl auseinander. Doch schon Hartler beweist dem Leser, das hier schonungslos vorgegangen wird: Radikal kürzt sie bis auf nur sechs Worte Jandls „weißes blatt“ und gibt dem ganzen Gedicht damit eine neue Wendung. Weiter dann Stefan Schmitzer, der dezent in die Graphie eines anderen Jandl-Gedichts eingreift – und so geht es immer weiter, mit immer anderen Bearbeitungen des Materials. Raphael Urweider überträgt „das stürmische doch…“ in ein Englisch, das sich nur am Klang des deutschsprachigen Originals orientiert, Aleš Šteger antwortet auf Slowenisch, Monika Rinck versieht „kommentar“ mit einer Zeichnung und Ulf Stolterfoht gar verreißt Jandls „riese und berg“. Fortgesetzt im Sinne Heißenbüttels wird hier also nicht unbedingt, vielmehr wird jede Menge gedacht: Es wird weitergedacht, es wird gegengedacht, es wird dichtend hinzugedacht und erklärend nachgedacht, es wird erinnernd zurückgedacht, immer von Jandl weg zu Jandl hin. Es ist eine Freude, das mit zu verfolgen.

Selbstverständlich sind nicht alle in der Anthologie versammelten Reflexionen und ihre jeweiligen Umsetzungen gelungen. Manches hat auf den ersten Blick wenig mit Jandl zu tun, manches hat sich gar eines der weniger guten Jandl-Stücke als Vorlage gewählt, manches scheint einem schlecht umgesetzt. Insbesondere die großen Namen enttäuschen eher. Müller, Kling und Mayröcker hätten sicherlich mehr gekonnt, sicherlich wertvollere Gedanken zu Jandls Werken abliefern können. Doch im Großen und Ganzen weiß die Sammlung zu überzeugen. Sie ist genauso bunt und abwechslungsreich, genauso brachial komisch und impulsiv, genauso überraschend ernst und subjektiv an manchen Stellen wie Jandls Gedichte selbst. Es ist ein Kaleidoskop der Auseinandersetzung mit den Originalen, welches in seinen stärksten Momenten seinem Vorbild fast den Rang abläuft. Aber selbst dann, und so konstatiert es Stolterfoht in seiner harschen Kritik an „riese und berg“, selbst dann sind die Gedanken zu Jandl noch immer voller Ehrfurcht für ihn – und wissen das dem Leser gut zu vermitteln.

Denn wenn Herausgeber Reinhard Urbach Jandls Lyrik „Verstörungspotenzial für ein ganzes Leben“ attestiert, so kann man Ähnliches sicherlich auch von seiner Reproduktion durch die 47 Künstler sagen. Denn sie haben Arbeiten zu Jandl abgeliefert, die man sich mit der Zeit vielleicht noch einmal zuführen wird wollen, mit veränderter Sicht, mit neuen Fragen und Gedanken zu Jandl, die von Mal zu Mal einen immer wieder anderen Zugang zu seinem Werk schaffen dürften.

 

Literaturangabe:

URBACH, REINHARD (HG.): von Jandl weg zu Jandl hin. 47 Begegnungen und Überlegungen. Czernin Verlag, Wien 2009. 108 S., 17€.

Weblink:

Czernin Verlag

 

 


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