Der in Berlin lebende Autor Patrick Findeis hat im Sommer 2009 seinen Debütroman „Kein schöner Land“ veröffentlicht. Dass es sich um einen Autor handelt, dessen Debüt mit Spannung erwartet wurde, deutete sich bereits an, als er 2007/08 an der Lesung der Stipendiaten der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin teilnahm. Es folgte ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats. Als Findeis vergangenes Jahr auf den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt einen Auszug aus dem Manuskript las, wurde er mit dem 3-Sat-Preis ausgezeichnet.
Patrick Findeis wurde 1975 in Heidenheim an der Brenz geboren – wenn er also in „Kein schöner Land“ vom Leben in der süddeutschen Provinz berichtet, darf man ihm Glauben schenken. Er machte eine Lehre und zog nach Köln, wo er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholte. Anschließend folgte ein kurzes Studium in Bonn, bevor er nach Leipzig ging und von 2003 bis 2006 am Literaturinstitut studierte. Die Zeit in Leipzig war ihm dabei behilflich, seine Entwicklung als Autor zu beschleunigen und eine eigene Sprache zu finden.
Ein Mann steht in einer Telefonzelle. Er blickt in sein Notizbuch, in dem nur zwei Nummern stehen: die seiner Eltern und die seines ehemals besten Freundes Uwe. „Er hatte ständig an seine Eltern und seinen Bruder gedacht, er hatte bis heute nicht mehr an Uwe gedacht.“ Der Mann, der schließlich seine Eltern anrufen wird, heißt Olaf. Zehn Jahre ist es her, dass er Friedberg verlassen musste. Er ging, nachdem der Schlosserbetrieb seines Vaters, den er übernehmen sollte, in Flammen aufging. In der Zeit danach, als Olaf in der Fremdenlegion diente, blieben seine Eltern in Ungewissheit zurück. Sein jüngerer Bruder Jürgen brachte es in Köln immerhin bis zur Promotion, wenn ihm die Stelle bei der Denkmalbehörde auch versagt blieb.
Als Jürgen von Olafs Rückkehr erfährt, muss er sofort an den Anruf seines Bruders denken, den er drei Tage nach dem Brand erhalten hatte: „Und der einzige Satz, mit dem er ihnen hätte helfen können: Das war alles keine Absicht, und mir tuts leid, und mir gehts gut! den hatte er für sich behalten, und wie er vielleicht sogar gehofft hatte: für immer.“ Als Olaf tatsächlich zurückkehrt und Fragen stellt, werden noch andere Ereignisse aus der Vergangenheit aufgeworfen. So trifft er auch auf Angelika, die Mutter seines ehemals besten Freundes Uwe. Mit ihr möchte er darüber reden, warum Uwe eines Tages mit einer Spritze in der Leiste im elterlichen Badezimmer aufgefunden wurde.
Angelika ist Wirtin des Gasthauses Gambrinus in Rottensol, einem kleinen Ort bei Friedberg. Obwohl sich die Wirtschaft nicht mehr rentiert, steht sie trotzdem mit schmerzenden Gelenken hinter dem Ausschank. Zuerst verließ sie ihr Sohn Uwe, später auch ihr Mann Alfons. Angelika lebt in der Vergangenheit: „Immer wenn sie dachte, dachte sie an ihre Toten.“ Aber alle sagen, sie wäre eine gute Mutter und Ehefrau gewesen. Auch dann noch, als sie ihren Sohn Uwe unter einem Vorwand von der Walz nach Hause lockte und damit scheinbar sein Unglück besiegelte.
Uwes Kindheit spielte sich entweder in der dunklen Wohnung über der Schankstube oder bei der Oma in Friedberg ab. Dort verbrachte er mit seinem Freund Olaf die glücklicheren Tage. Aber als sich ihre Schulwege trennten und die Freundschaft abbrach, wurde Uwes Leben wieder trostlos. Die Liebe zu seiner adoptieren Cousine Nicki blieb unerwidert. Einen Neuanfang sollte die Walz nach seiner Ausbildung zum Zimmermann bringen – Uwe wollte bis nach Afrika kommen. Doch es kommt alles anders und schließlich sitzt er wieder in Rottensol neben Nickis dogenabhängigem Freund in einem baufälligen Haus. Der Traum scheint zu Ende, aber Uwe versucht noch ein letztes Mal, das Leben zu leben, das er sich gewünscht hat.
Schon von Beginn an konnte Uwes Vater Alfons den Anblick des blonden Schopfes seines Sohnes nicht ertragen. Er, der Dunkelhaarige, hielt stets den Nachbarn Späth für Uwes leiblichen Vater. Nur noch Späths Hände erinnern an die harte Arbeit als Bauer, Vieh und Felder hat er schon längst verkauft – auf seinem Grund befindet sich nun eine Neubausiedlung. Er brach mit der Tradition und hat doch keinen, an den er sie hätte weitergeben können, denn sein einziger Sohn ist schwul und wurde von ihm und seiner Frau verstoßen. Seine Zeit verbringt er nun damit Zigarettenschatullen herzustellen und die Wirtin Angelika anzuhimmeln. Seinen Ruf in der Gemeinde versucht er wiederherzustellen, indem er die Restaurierung der Kapelle bezahlt.
Für das Kapitel über Bauer Späth wurde Patrick Findeis beim Bachmann-Preis ausgezeichnet. Die vorangegangene Diskussion der Juroren führte zu kontroversen Beurteilungen: Die Literaturkritikerin Daniela Strigl warf Findeis beispielsweise vor, dass er einen Roman geschrieben habe, mit dem er im Trend liegen wolle und der sich in die Tradition der Blut-und-Boden-Literatur einreihe. Ijoma Mangold, der gemeinsam mit Amelie Fried die ZDF-Literatursendung „Die Vorleser“ moderiert, hielt das Soapformat „Bauer sucht Frau“ für ein zeitgemäßeres Spiegelbild des bäuerlichen Lebens. Stets wurde jedoch der von Findeis verwendete Ton gewürdigt, so auch von Burkhard Spinnen: „In diesem Ton ist alles, alle Figuren, alles Denken, die ganze Katastrophe und Tragödie aufgehoben. Und das ist, nach meinem Dafürhalten, eine ganz große literarische Leistung.“
Patrick Findeis hat, vor allem im ersten Teil des Buches, ein stimmiges Panoptikum über das Leben in der Provinz geschaffen: über die Menschen und ihre Tragödien. Sein Roman „Kein schöner Land“ ist gerade deshalb so zeitlos, da sich die geschilderten Konflikte von Generation zu Generation wiederholen – sei es der Umgang mit der Vergangenheit und ihre Verdrängung oder das Festhalten an Konventionen. Findeis hat eine ganz eigene Sprache gefunden, mit der er auch die erdrückende Sprachlosigkeit seiner Figuren zum Ausdruck bringen kann. Außerdem gelingt ihm eine authentisch-greifbare Schilderung des Innenlebens seiner Protagonisten – so bei Uwes Kindheitserinnerungen oder bei Angelikas Schicksalsergebenheit. Findeis zeigt Abgründe auf, ohne den Leser dabei ein allzu düsteres Terrain betreten zu lassen. Patrick Findeis hat mit „Kein schöner Land“ ein beeindruckendes Debüt vorgelegt, in dem er das Schicksal einer Generation schildert, deren Herkunft sie nicht los lässt.
Literaturangabe:
FINDEIS, PATRICK: Kein schöner Land. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 208 S., 18,95 €.
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