Von Ulrike Weymann
Der neue Roman von Paul Auster spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen und setzt im Frühjahr 1967 ein. Adam Walker, ein 20-jähriger Literaturwissenschaftsstudent und angehender Dichter, lernt auf einer Party in New York den wortgewandten Gastprofessor Rudolf Born und dessen verführerische Freundin Margot kennen. Keine drei Tage später trifft er Born zufällig in einem Café wieder, wo ihm dieser überraschend die Redaktion einer Literaturzeitschrift anträgt. Während eines gemeinsamen Abendessens offeriert ihm der betrunkene Born zudem eine Affäre mit seiner Freundin. Und kaum muss der mephistohafte Gönner aufgrund von Familienangelegenheiten verreisen, meldet sich Margot tatsächlich und Adam beginnt mit ihr eine mehrtägige und rauschhafte Amour fou. Die Dreiecksbeziehung hört sich also problematisch an, zumal als Adam den dandyhaften Zyniker von seiner brutalen Seite kennen lernen muss. Als sie nachts gemeinsam auf dem Riverside Drive unterwegs sind, werden sie von einem jungen Farbigen überfallen. Born fackelt nicht lange, sticht den Jungen eiskalt nieder und weigert sich den Notarzt zu rufen. Erst Tage später traut sich der völlig verstörte Adam zur Polizei, doch Born hat das Land bereits verlassen und kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Hier bricht die Ich-Erzählung abrupt ab. Sie stellt sich als Manuskript des mittlerweile an Leukämie erkrankten Adam Walker heraus, das dieser vierzig Jahre später seinem ehemaligen Collegefreund Jim Freeman schickt. Dieser ist selbst erfolgreicher Romanautor, der nun um die Herausgeberschaft des autobiographischen Romans ersucht wird.
Die beiden ehemaligen Freunde vereinbaren ein Treffen. Doch bis es dazu kommt, schickt Walker bereits das zweite, mit Sommer überschriebene Kapitel seiner Lebenserinnerungen. In der zweiten Person Singular schildert es die von Selbstzweifeln und Depressionen bestimmten Monate nach dem Mordfall. Neben der Faustgeschichte eines Teufelspakts, der Liebesgeschichte mit Margot und der Kriminalgeschichte um den Mord an Sedrick Williams, eröffnet Auster hier mit der Geschichte eines Inzests einen weiteren Topos und Erzählstrang.
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Der Sex zwischen Adam und seiner Schwester Gwyn wird freizügig und unzensiert erzählt, denn zumindest bei seinen beiden Protagonisten löst er keinerlei moralische Skrupel aus. Irritierend ist dabei die ungewöhnliche Du-Form, durch die der Rezipient – zumal beim Hören – beständig angesprochen und intensiver in die Geschehnisse einbezogen wird, als dies aus der Perspektive der ersten oder dritten Person der Fall ist. Doch auch diese Amour fou währt nicht lange, denn Adam hat sich zu einem Auslandsjahr in Paris entschlossen. Das dritte, mit Herbst überschriebene Kapitel berichtet – nun in der distanzierten Form der dritten Person – von dieser Zeit. Adam trifft in Paris nicht nur Margot, sondern zufällig auch Born wieder. Nach der Trennung von der unkonventionellen und lustbetonten Margot ist dieser im Begriff, nun die gutbürgerliche Hélène Juin zu heiraten. Als Adam davon erfährt, fasst er seinerseits einen teuflischen Plan. Er will Born zur Verantwortung ziehen, indem er dessen Lebensglück beschädigt und die Ehe zu verhindern sucht. Dabei verstrickt er sich jedoch erneut in undurchsichtige Machenschaften, um sich letztlich den Racheplänen Borns auszuliefern.
Spätestens mit dem Herbst-Kapitel verschwimmen nicht nur die Erzähl- und Zeitebenen, sondern auch die Autorschaften. Das Manuskript dieses Kapitels erhält der Studienfreund nämlich erst nach dem Tod Adams. Es ist lediglich in Stichworten verfasst und wird von Jim in flüssige Prosa „übersetzt“. Und weil dieser – genau wie der Rezipient – mittlerweile Wahrheit, Phantasie, Lüge und Fiktion nicht mehr auseinander halten kann, macht sich Jim auf die Suche nach den Hinterbliebenen und nach möglichen Zeugnissen oder Dokumenten. Während eines Parisbesuchs trifft er Cécile, die Tochter Hélène Juins, die zum Zeitpunkt der Geschehnisse gerade volljährig und unsterblich in Adam verliebt war. Das vierte Kapitel bildet den Epilog des Romans und besteht aus einem Tagebucheintrag Céciles, in dem sie ihre Begegnung mit dem gealterten Born nach dem Tod ihrer Mutter schildert. Bei diesem Treffen entpuppt sich der mutmaßliche Professor für Politologie als Regierungsmitarbeiter in geheimer Mission, der mittlerweile ebenfalls seine Memoiren verfasst hat. Um die Wahrheit über seine, der Schweigepflicht unterworfenen Erlebnisse erzählen zu können, muss er sie als Roman und damit als Fiktion ausweisen. Und um diese etwas spannender zu gestalten, denkt er sich anstelle des Doppellebens eines Geheimagenten ein Dreifachleben als Doppelagent in den Diensten sowohl der französischen als auch der sowjetischen Regierung aus...
In „Unsichtbar“ potenziert Auster unaufhörlich die Erzählebenen und -perspektiven. Wie bereits in seiner New York-Trilogie treibt er auch in seinem neuen Roman ein facettenreiches Spiel mit Identitäten, verschachtelten Perspektiven, Autorschaften, Realitäts- und Zeitebenen. Was wie eine Kriminalgeschichte um einen faustischen Verführer beginnt, wird in einen Spionagethriller überführt, der zudem den Entwicklungs- und Familienroman als Genre integriert. Den verschachtelten Text als Hörbuch umzusetzen, ist einerseits aufgrund seiner Komplexität gewagt. Andererseits liegt die Vertonung gerade bei einem Roman nahe, der wie dieser den Vorgang des Erzählens in den Vordergrund rückt. Der Schauspieler Burghart Klaußner ist ein verlässlicher Führer durch das Labyrinth der Figuren und Perspektiven, indem er den verschiedenen Stimmen je unterschiedliche Klangnuancen verleiht. Lediglich die rauchige und versoffen klingende Stimme Borns ruft zu sehr die klischeehafte Assoziation eines mürrischen Film Noir-Helden auf. Je länger man Klaußner zuhört, desto mehr entwickelt seine Lesung jedoch einen eigenen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Immer wieder füttert man das Abspielgerät mit einer neuen CD, um endlich Klarheit über die verwickelten Ereignisse zu bekommen. Letzten Endes und wie in den meisten Büchern Austers werden die Ungewissheiten jedoch nicht geklärt, gibt es letztlich gar keine Lösung. Ob der Mord an dem jungen Farbigen tatsächlich von Born verübt wurde, der geschwisterliche Inzest stattgefunden hat, oder – wie die Schwester im Nachhinein behauptet – eine Wunschphantasie Adams war und wer oder was der rätselhafte Professor nun tatsächlich war: Der mehr und mehr sich in die Rolle des Detektivs begebende Schriftsteller Jim und die Zuhörerin scheitern gleichermaßen daran, das literarische Versteckspiel aufzuklären. Wer Paul Auster aufgrund des postmodernen Spiels mit Perspektiven, Textsorten, Genres und Erzählebenen schätzt, kommt auch dieses Mal auf seine Kosten und wird mit der Lesung von „Unsichtbar“ gute sieben Stunden auf hohem Niveau unterhalten. Wer hingegen etwas Neues erwartet, wird enttäuscht, denn: Wo Paul Auster draufsteht, ist auch Paul Auster drin. Der Meister der Realitätsverunsicherung und der Spiegelungen bleibt sich und seinen Erzählstrategien auch in seinem siebzehnten Roman treu.
Literaturangabe:
AUSTER, PAUL: Unsichtbar. Der Audio Verlag, Berlin 2010. Sprecher: Burghart Klaußner. Gekürzte Lesung, 6 CDs. 440 Min. 24,99 €.
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