Von Christian Jung
MANNHEIM (BLK) - Sprachpoesie, Humor und starke Schauspieler: Das neue Stück „Herrenbestatter“ der Dramatikerin Theresia Walser (42) ist am Freitagabend (18.12.) am Mannheimer Nationaltheater mit großem Beifall aufgenommen worden. Das zeitkritische und kurzweilige Stück über ein Kaufhaus in Zeiten der Wirtschaftskrise überzeugte mit Aktualität und einem für die Autorin ungewöhnlichen Wortwitz.
Die Dramatikerin ist die Tochter des Autors Martin Walser (82). Sie wendet sich mit ihren oft schwer zu verstehenden Stücken gegen den Realismus des zeitgenössischen Sprechtheaters. Ihr neues Werk nimmt die gefräßige Warenwelt aufs Korn.
In einer realistisch nachgebauten mondänen Herrenabteilung eines Kaufhauses verbringt „Herr Ellenbeck“ (Peter Rühring) samt anheimelnder Verkaufsmusik seinen letzten Arbeitstag. Nach 20 Jahren wurde ihm überraschend gekündigt. Anspielungen und der Name des neuen Investors „Herr Fürth“ (Reinhard Mahlberg), der den Einkaufstempel in der Wirtschaftskrise sanieren will, lassen rasch Parallelen zur Karstadt-Krise ziehen.
An Ellenbecks Seite steht nun ein junger Superverkäufer namens Lenz (Sven Prietz), der keine Ahnung hat und die Korrektheit seines Vorgängers belächelt. Er will alles besser machen und schreckt mit seiner Penetranz („Kann ich Ihnen helfen?“) permanent Kunden ab.
Theresia Walser muss sich tagelang in Kaufhäusern versteckt haben, um ihre mit Wortwitz gespickten, aber manchmal auch sehr banalen Dialoge zu kreieren: „Mit einem Kragen beginnt die Menschheit.“ Sie schafft es dennoch, dem Zuschauer trotz aller tragischen Komik einen Spiegel vorzuhalten sowie den Konsumrausch auch in Krisenzeiten aufs Korn zu nehmen - frei nach dem Motto: „Wir tanzen auf dem Vulkan“.
In dem Stück mutieren während des letzten Arbeitstages scheinbar harmlose Kunden zu Psychopathen oder zu sensiblen Dandys, die sich Korbstühle, die sie nicht brauchen, oder kanariengelbe Anzüge vom „Superverkäufer“ Lenz aufschwatzen lassen.
Stoisch erträgt dagegen der ältere Verkäufer Ellenbeck all die Durchgeknallten. Auch in seinen letzten Serviceminuten ist er zuvorkommend. Einem jungen Mädchen schenkt er sogar für deren gestorbenen Vater einen teuren Anzug, damit der Mann würdig beerdigt werden kann. Doch nach 90 kurzweiligen Minuten verliert der alte Verkäufer den Verstand. Die gute alte Kaufhauswelt scheint sich mit seinem Berufsende ebenfalls für immer zu verabschieden.