Tübingen (BLK) – Einen Partner habe sie in ihrem Ehemann längst nicht mehr, erzählt Inge Jens, die Frau des Tübinger Rhetorik-Professors Walter Jens. „Ich bin für ihn wie ein Möbelstück.“ Fast nichts habe der Gedächtnisverlust von dem großen Denker und Redner übrig gelassen, sagt die 82-Jährige am Sonntag beim „Tagblatt“-Gespräch in Tübingen. Andererseits erfreue er sich jetzt an Kleinigkeiten: an Schokolade zum Beispiel oder an Tieren, gegen die Walter Jens immer eine tiefe Abneigung hegte. „Jetzt geht er zu den Kaninchenställen und gibt ihnen eine Mohrrübe.“ Vorbei sind die Zeiten, als Walter Jens seine Lebensfreude vor allem aus der angesammelten Weltliteratur in seiner Bibliothek zu schöpfen schien.
Inge Jens jammert nicht über ihre Situation, sie betont in der Diskussionsrunde des „Schwäbischen Tagblatts“ sogar immer wieder, wie gut sie und ihr Mann es letztlich noch getroffen hätten. Eine Pflegerin ist fast rund um die Uhr für den 86-Jährigen da – so kann seine Frau sich noch ein kleines eigenes Leben bewahren.
Der Umgang mit ihrem Mann sei dennoch schwierig geworden, sagt Inge Jens. Die tiefschürfenden Diskussionen, die jahrzehntelang der Dreh- und Angelpunkt in der Ehe der beiden Hochgebildeten waren, sind längst Vergangenheit. „Mein Mann kann nicht mehr lesen, nicht mehr sprechen, er versteht auch keine Fragen oder auffordernden Gesten“, sagt Inge Jens. Wenn sie ihm Wasser in ein Glas schütte und hinstelle, wisse er nicht, was er damit anfangen solle. Und wenn er in einem wachen Moment doch einen Schluck nehme, habe er keine Ahnung wohin er das Glas stellen solle: Auf den Teller, neben den Teller oder ganz woanders hin?
Mitteilen könne er sich kaum noch. „Er weint viel. Aber ich kann immer nur ahnen: Ist er verzweifelt oder ist er gerührt“, erzählt Inge Jens. „Vor allem nachts merke ich dann, wie allein man sich fühlen kann.“
Vor dem Ausbruch der Demenz hatte sich Walter Jens gemeinsam mit dem Tübinger Theologen Hans Küng massiv für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe für Schwerkranke ausgesprochen und diese auch für sich selbst eingefordert. Doch als es soweit war, habe er doch an den schönen Momenten des Lebens gehangen, erzählt Inge Jens. „Manchmal bekommt mein Mann einen Halbsatz raus und sagt: ‚Ich kann nicht mehr’, oder ‚Es geht nicht mehr’. Und im nächsten Moment kommt ein Stück Schokolade, und er isst es mit Genuss.“ Die Pflege ihres Mannes verlange ihr alles ab, betont die 82-Jährige. „Aber ich bin nicht unglücklich in der Gegenwart.“ (dpa)
Von Marc Herwig