Wann ist ein Mord ein Mord?

Der philosophische Krimi „Der Tod des Diogenes“ von Jörg Seidel

© Die Berliner Literaturkritik, 11.03.09

 

Der Philosoph und Essayist Jörg Seidel betritt mit seinem Krimi „Der Tod des Diogenes“ literarisches Neuland. Zum ersten Mal nimmt er sich der Kunst belletristischen Erzählens an. Seidel hat sich bisher einen Namen durch literaturwissenschaftliche Detailstudien wie z.B. „Spielen wir eigentlich Schach oder Krieg?“, zur Bedeutung des Schachspiels im Werk des Schriftstellers Arnold Zweig, gemacht. Auch im Bereich philosophischer Essayistik hat er Meriten erworben, sein bekanntestes Buch widmet sich unter dem Titel „’Guten Tach!’“ den philosophischen Implikationen des Werkes von Helge Schneider. Das Romandebüt des umtriebigen Auerbacher Autors und früheren Wahl-Briten Seidel bestimmen folgerichtig erkenntniskritische Fragestellungen, der Zusammenhang von Sein und Wahrnehmung, und auch dessen Passion, das Spiel der Könige, spielt in diesem phänomenologischen Kammerspiel eine nicht unwesentliche Rolle.

Bernhard Tattersfield, der ungewöhnliche Protagonist der Kriminalgeschichte, blickt auf ein wahrlich ereignisreiches und bewegtes Leben zurück. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Militärdolmetscher für den britischen Geheimdienst, bei welchem er schließlich, nach einer langen Phase bürgerlichen Lebens als Student der Philosophie und Psychologie, wieder als Ermittler landen sollte. Seine wissenschaftlichen Erfahrungen, neben der geschulten Beobachtungsgabe des Psychologen die messerscharfe Kombinatorik des philosophischen Denkers, kamen ihm in diesem längst vergessenen Leben zu Gute. Mittlerweile im neunten Lebensjahrzehnt angekommen widmet sich Tattersfield freilich nur noch der Zeitungslektüre und den Spaziergängen mit seinem Hund. „Nur wer glaubt noch Zukunft zu haben, will noch wissen“ lässt ihn Seidel lakonisch denken – sich selbst wähnt Tattersfield freilich am Ende seines Weges. Sein Wissensdurst ist gestillt und gedanklich nimmt er langsam Abschied von dieser Welt. Doch dann ereilt ihn ein unerwarteter Ruf aus der Vergangenheit.

Bei seiner routinierten Zeitungslektüre stößt er plötzlich auf die Todesanzeige seines alten Freundes Prof. Carl Richmond, welchen er einst im Philosophischen Seminar kennen gelernt hatte und der eine sensationelle Karriere als medizinischer Wissenschaftler gemacht hatte. Die Freundschaft zu dem weltfremden Genie Carl Richmond war trotz ihrer Intensität nur von begrenzter Dauer, hatte Carl ihn doch dereinst in kompromittierender Situation mit der wohl einzigen Frau erwischt, die dieser lieben konnte. Trotz der Tatsache, dass ihre Freundschaft Jahre zurück liegt, beschließt Tattersfield, dem hingeschiedenen ehemaligen Weggefährten, dessen glanzvolles Leben durch einen banalen Herztod sein Ende gefunden haben soll, die letzte Ehre zu erweisen und reist zur Beisetzung nach London.

Die Konfrontation mit der ungewohnten Umgebung des großstädtischen Lebens und die Trauerfeier des früheren Freundes, bei welcher auch der Grund ihrer Entfremdung namens Hannah anwesend ist, versetzen den alten Mann in ein Gefühl der Vergeblichkeit und der Eindruck eigener Entbehrlichkeit lässt in Tattersfield den Entschluss zur Abreise und zur Absenz bei den weitergehenden Offizien im Familienkreis reifen. Doch überraschend spricht ihn Carl Richmonds junge Haushälterin Emily Nurse an, die ihn aus den Erzählungen des Verstorbenen als dessen einzigen Freund wiedererkannt hat und um seine Geheimdienstvergangenheit weiß. Von dieser unerwarteten Wertschätzung beeindruckt leiht er der Unbekannten sein Ohr und diese offenbart ihm ihren Verdacht, der Professor sei ermordet worden. Obzwar die offizielle Sterbeurkunde auf Herzversagen ausgestellt ist – der Tod des Wissenschaftlers ereilte diesen bei der Selbstbehandlung mit der eigenen Sauerstofftherapie – und auch die Polizei zu keinem anderen Ergebnis gekommen ist, verspricht der greise Ex-Polizist sich des vermeintlichen „Falls“ anzunehmen – und bricht kurzerhand am Abend vor der Einäscherung in das Krematorium ein, um die sterblichen Überreste in Augenschein zu nehmen.

Die aufgerissenen und ungläubigen Augen des Toten lassen Tattersfield schließlich nicht mehr los. Er beginnt die Mordtheorie scheinbar wider alle Vernunft zu verfolgen. An Hinweisen steht ihm zunächst nichts offen, was nicht für jedermann sichtbar gewesen wäre: Der Tote weist Hämatome an beiden Knien auf, – welche durch einen Sturz, der in keinem Zusammenhang zum Tod des alten Mannes stehe, zu erklären wären, und trotz seines fortgeschrittenen Alters erfreute sich dieser bester Gesundheit. Doch Tattersfield bleibt in London und fühlt sich zunehmend herausgefordert, dem alten Freund im Tode noch einen Dienst zu erweisen und sich selbst die Ehre eines letzten großen Auftritts zu geben.

Tattersfield wird im Zuge seiner Ermittlungen, die Jörg Seidel in der Form eines klassischen Kammerspiels im Stil platonischer Dialoge darbietet, mit dem familiären Umfeld des Verstorbenen vertraut. Es stellt sich alsbald heraus, dass sich hinter der ehrwürdigen Fassade der ruhmreichen Familie eine wahre Mördergrube im doppelten Wortsinne verbirgt. Potentiell jeder der Angehörigen hätte ein Motiv zum Mord an Carl Richmond gehabt. Der Fall krankt nur an einem wesentlichen Umstand: Es gibt keinen Mord ohne Opfer. Alle Fakten scheinen gesichtet und analysiert, nichts weist mit Beweiskraft auf einen Mord hin. Doch während Tattersfield immer tiefer in die eigene Vergangenheit und die der Familie des vermeintlichen Opfers hinabsteigt, erscheint die Wahrheit zunehmend als eine Frage der Perspektive. Der alte Mann rekapituliert immer wieder den früheren Streit mit dem Freund über Berkeleys berühmtes erkenntniskritisches Axiom: „Esse est percipi“ – Sein ist Wahrgenommenwerden – wird zum Leitmotiv seiner Ermittlungen.

Mit philosophischem Scharfsinn versucht er den Tod des Freundes in der Wahrnehmung der Familie in einen Mord zu verwandeln, denn es bleibt ihm nur die Hoffnung auf ein Geständnis. Den zweiten Kampf führt er gegen die eigene Skepsis, die ihn an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Tattersfield droht an diesem Konflikt zu zerbrechen. Die Ermittlungen werden für ihn zu einem letzten Kapitel des wirklichen Lebens, an das er sich mit verzweifelter Inbrunst klammert. Schließlich kommt es zum furiosen Finale, in dem sich entscheidet, ob aus Moral Recht werden kann und aus einem Verdacht ein Mord. Auf dem Weg dahin stellen sich Tattersfield noch einige verzwickte Rätsel, die die Wahrheit unterhalb des Sichtbaren betreffen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Tagebucheintrag des Opfers „Der Tod des Diogenes“ mit Molekularbiologie und inwieweit kann der Schachweltmeisterschaftskampf zwischen Botwinnik und Bronstein aus dem Jahre 1951 ein Beweis in diesem umstrittenen Mordfall sein?

Jörg Seidel präsentiert eine ungewöhnliche Krimi-Premiere, die voller überraschender Wendungen steckt und den Leser und Protagonisten gleichermaßen in ein Verwirrspiel um Wahrheit und Schein verwickelt. Die blanken Fakten sind in diesem „Mordfall“ von Beginn an offensichtlich, wie ein Vexierbild allerdings springen sie je nach Perspektive um und zeigen dem Betrachter nur was er sehen will. Reich an philosophischen Implikationen und in Form platonischer Dialoge entworfen, erscheint „Der Tod des Diogenes“ als dramatischer Dreiakter, der herkömmliche Krimistrukturen gekonnt ironisiert.

Literaturangaben:
SEIDEL, JÖRG: Der Tod des Diogenes. RomanVerlag, Riesa 2008. 216 S., 12,90€.

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