Die Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt gehören zur Schweiz wie Schokolade und Berge. Der ebenfalls gebürtige Schweizer Adolf Muschg erlangte vor allem mit seinen Kurzgeschichten und Romanen rund um menschliche Beziehungen Berühmtheit. Unlängst befasste sich Muschg, ähnlich wie sein deutscher Altersgenosse Martin Walser, mit „Goethe“ und lässt sich demzufolge in keine Schublade einsortieren. Doch nun wechselt er ins kriminologische Lager. Bleibt er den Leidenschaften zwischenmenschlicher Intermezzi treu?
Alles beginnt ganz klassisch mit einem Mord. Inspektor Isele steht vor dem Opfer und wird alsbald wegen Befangenheit vom Tatort abberufen. Etwa zeitgleich beschließen Klaus und Manon in Istanbul ihre Ehe zu beenden. Sie, die erfolgreiche Juristin, hat sich in eine Frau verliebt. Noch-Ehemann Klaus, der Historiker auf Umwegen, krempelt daraufhin sein Leben um. Ihre Scheidung zieht sich hin und deshalb findet Klaus auf verschlungenen Wegen Zeit, sich um den Eingangsmord zu kümmern. Sämtliche Erzählstränge laufen in einem vergilbten Foto aus dem Jahre 1949 zusammen, auf dem eine Kinderhochzeit zu sehen ist. Kurze Zeit später hat Klaus alle Laiendarsteller von einst ausfindig gemacht. Sie alle bekleiden einschlägige Ämter in Nieburg, Ort des Geschehens. Zwei Personen fehlen jedoch aus der illustren Runde: Kinderbräutigam- und Braut von damals. Iring und Imogen hatten später tatsächlich geheiratet, doch stand ihre Ehe unter einem unglücklichen Stern. Klaus spürt, dass der Schein von Normalität trügt und die Kinder von einst heute Erwachsene mit einem gemeinsamen Geheimnis sind.
Adolf Muschg gelingt ein Zusammenspiel kriminalistischer und emotionaler Elemente, die sich nicht nur um ein Stück Nachkriegsgeschichte und NS-Verbrechen drehen, sondern vor allem die Wirkungsgrade von Liebe und Hass sowie Freund- und Feind-Konstellationen in ungewöhnlichen Mustern entfalten. Muschg ging sogar soweit, Nieburg am Rhein mit der ostdeutschen Grenzstadt Görlitz zu verbinden, ohne ein klassisches Flüchtlingsdrama zu verfassen. Dass unsere Wege unergründlich sind, musste Adolf Muschg dort am eigenen Leib erfahren, als er zum Auftakt seiner Lesereise in Görlitz erfuhr, dass damals tatsächlich ein Bibliothekar mit gleichem Namen existierte.
Von Stephanie Tölle
Literaturangaben:
MUSCHG, ADOLF: Kinderhochzeit. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 580 S., 24,80 €.
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