So kurz vor der Fußball-Europameisterschaft rechnete der interessierte Rezensent eigentlich mit einer Flut neuer Bücher – wie bei der WM 2006, als wirklich jeder Klein- und Kleinstverlag mindestens einen Fußballtitel im Programm hatte. Aber 2008? Wenig bis nichts. Passend zum Fehlen jeglicher EM-Euphorie.
Vielleicht liegt es daran, dass vor zwei Jahren nicht jedes der eilfertig zusammengeschusterten Machwerke zum erhofften Verkaufsschlager wurde. Die, die funktionierten, legen die Verlage deshalb gerade lieber noch einmal neu auf, statt weitere Flops zu riskieren. Nicht so der Suhrkamp Verlag, der mit einem Sammelband von Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft eine der wenigen Neuerscheinungen präsentiert.
Darin finden sich Porträts, Kurzgeschichten, Gedichte, Protokolle und Analysen. Einige der Geschichten, wie Moritz Rinkes „Pool-Novellen“, die noch vom „Sommermärchen“ 2006 künden, sind bereits an anderer Stelle erschienen. Doch das Meiste ist bislang unveröffentlicht. Manche der Erzählungen haben nur ganz lose mit Fußball zu tun. Der Rest ist ganz nah an der Realität des Amateurkickers und leidenschaftlichen Fans. Fußball wird hier als Männerbastion verstanden, wo „Rammer“ und „Brecher“ unterwegs sind. Wie in den Sonetten von Ror Wolf, die jedem Kapitel vorangestellt sind.
Immer wieder Pfützen, knöcheltiefe Schlammlöcher, eisgefrorene Böden, aufgeschürfte Knie, harter Kampf und unbändiger Wille. Das kennt Mann. Als ich noch Fußball im Verein spielte, war ich eisenharter Manndecker, später Libero. Und ich kann mich noch gut an den immergleichen Spruch meines damaligen Jugendtrainers erinnern: „Du deckst die Nummer 9“ (meistens war es die Nummer 9), bläute er mir in der Kabine ein, „und wenn der auf Toilette geht, dann gehst Du mit!“ Ein weiterer Tipp: Ich solle dem gegnerischen Stürmer gleich in den ersten Minuten „ordentlich einen mitgeben“, damit der Respekt bekomme. Ich weiß noch, wie ich das hinterher stets stolz meiner Mutter erzählte, die das alles natürlich ganz abscheulich fand.
Das Fußballspiel ist eine schöne Mischung aus Regression und Aggression. Und so drehen sich die Geschichten hier um Trainer, die „Wir werden sie ficken!“ rufen, um die Jungs heiß zu machen, und Treter, die schon in der Jugendmannschaft gezielt die gegnerischen Leistungsträger verletzen. Dankenswerterweise unternehmen die Autoren nur selten den Versuch, das Fußballspiel philosophisch zu verbrämen. Zumeist erzählen sie ehrliche Geschichten von kantigen Jungs, kurzen Glücksmomenten und zerplatzten Träumen auf oder abseits des Feldes, das für so viele Projektionen herhalten muss – ob nun für den kommenden Superstar oder den Fan eines ewigen Tabellenletzten.
Und das macht wirklich Spaß zu lesen. Eine Geschichte wie die vom Fußball spielenden Durchschnittstypen, der sich – natürlich unglücklich – in das – natürlich Fußball hassende – schönste Mädchen der Schule verliebt, hat man zwar schon oft gelesen. Macht aber nichts, wenn sie so liebevoll erzählt ist wie in Christoph Nußbaumeders „Das wichtigste Spiel“. Ganz anders dagegen das raffinierte Pathos in „Das erträumte Tor“ des ehemaligen argentinischen Nationalspielers Jorge Valdano. Der kann nach gewonnenem Weltmeistertitel 1986 einfach nicht weinen. Erst Jahre später, als er die fulminante Schilderung seines Finaltores durch einen Radioreporter hört, fließen die Tränen in Strömen: „Plötzlich verstand ich, wie sehr für Menschen meiner Generation der Fußball durch das Wort lebt“, schreibt Valdano.
So viel Emotion ist in dem Band selten. Gehuldigt wird ansonsten eher den Arbeitern auf dem Grün, dem Vorstopper Georg „Katsche“ Schwarzenbeck, dem „Anti-Beckenbauer“ Gerd Müller oder Fabio Cannavaro, dem langweiligsten und perfektesten Defensivstrategen der italienischen Nationalmannschaft. Ein bisschen Wehmut nach der guten alten Zeit schwingt im Falle Schwarzenbecks und Müllers schon mit. „Später wurde der Vorstopper abgeschafft, er fand seine Bleibe in einem Kiosk unweit des Flusses“, bemerkt Friedrich Ani lakonisch. Die Welt des Fußballs ist eine „Welt in Moll“, wie Hans Ulrich Gumbrecht im Nachwort schreibt. Im Zeitalter der modernen Raumdeckung haben taktisch limitierte Vorstopper genauso ausgesorgt wie lauffaule Diven à la Beckenbauer oder Pelé.
Deren elegantes, körperloses Spiel finden Kommentatoren heute ironischerweise bei den früher stets belächelten Frauen. Männer loben dann gönnerhaft das „technisch hohe Niveau“ des Frauenfußballs. Deshalb wird in diesem Band Renate Lingor porträtiert, die elegante Spielmacherin, und nicht etwa Birgit Prinz, das weibliche Pendant Gerd Müllers.
Doch wie sollte man Prinz auch nennen ohne ungalant zu werden? „Bomberin der Nation“ und „Brecherin“ scheiden wohl aus. Wo ist bloß die Gender-Beauftragte, wenn Mann sie braucht? Immerhin, der Autor Wolfram Eilenberger deutet auch die Homophobie beim Mannschaftssport aus: als „Eigensinn des männlichen Geschlechtsorgans“ – Erektionen der vermeintlichen Heteros unter der Dusche inklusive. Arme Schweine, die Männer.
Die Vielfalt des Buches sei damit hier nur angedeutet. Ein Blick hinein lohnt in jedem Fall. Das, was die Jungs der deutschen Autorennationalmannschaft unter dem schön doppeldeutigen Titel „Titelkampf“ zusammengetragen haben, taugt ganz gewiss zur Einstimmung. Auf die Fußball-EM – oder das nächste Abstiegsendspiel in der Kreisliga B.
Literaturangaben:
BÖNT, RALF / OSTERMAIER, ALBERT / RINKE, MORITZ (Hrsg.): Titelkampf. Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008. 284 S., 8,90 €.
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