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Weltliteratur aus Argentinien

Guillermo Martinez’ Erzählungen erstmals vollständig in einem Band

© Die Berliner Literaturkritik, 01.11.10

FRANKFURT/MAIN(BLK) – Im September 2010 ist im Eichborn Verlag der Erzählband „Gewaltige Hölle“ von Guillermo Martinez erschienen. Angelica Ammar hat die Geschichten aus dem Spanischen übersetzt.

Klappentext: In Guillermo Martínez’ Erzählung „Gewaltige Hölle“, einer Verarbeitung des Schicksals der vielen  „Verschwundenen“,  die der argentinischen Militärdiktatur zum Opfer fielen, wird die augenscheinliche Gefasstheit der Kleinstadt zur Metapher eines vergewaltigten Landes. Martínez erzählt aufwühlend und zugleich ungeheuer kontrolliert – der beißende Humor ist streng gezügelt, die Spannung grandios dosiert. Fast unmerklich entwickeln sich seine Erzählungen, die in diesem Band vollständig versammelt sind, auf den Irrsinn zu: auf das Absurde im Angesicht der oft grausamen Schrecken der Realität.

Guillermo Martínez wurde 1962 in Bahía Blanca geboren. Er studierte Mathematik und  lebt seit 1985 in Buenos Aires. Sein erster Roman, „Die Pythagoras-Morde“, wurde 2003 mit dem Premio Planeta ausgezeichnet, führte über Monate die  argentinische Bestsellerliste an und wurde mit John Hurt und Elijah Wood in den Hauptrollen verfilmt.

Leseprobe:

 ©Eichborn Verlag©

GEWALTIGE HÖLLE

Oft, wenn der Laden leer ist und nur das Summen der Fliegen zu hören ist, denke ich an den Jungen, dessen Namen wir nie erfuhren und den niemand im Dorf je wieder erwähnte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund stelle ich ihn mir immer so vor, wie wir ihn das erste Mal gesehen haben, mit staubiger Kleidung, Dreitagebart und vor allem dem langen, zerzausten Haar, das ihm fast bis in die Augen fiel.

Der Frühling hatte gerade begonnen, deshalb hielt ich ihn für einen Rucksacktouristen auf dem Weg in den Süden, als er den Laden betrat. Er kaufte Konserven und Matetee oder Kaffee; während ich alles zusammenrechnete, besah er sein Spiegelbild in der Scheibe, strich sich die Haare aus der Stirn und fragte mich nach einem Friseur. Damals gab es zwei Friseure in Puente Viejo; wäre er zu dem alten Melchor gegangen, denke ich mir heute, wäre er der Französin vielleicht nie begegnet und es hätte kein Gerede gegeben. Aber Melchors Friseurladen befand sich nun mal am anderen Ende des Dorfes, und was geschah, war wohl unvermeidlich.

Jedenfalls schickte ich ihn zu Cervino, und während Cervino ihm die Haare schnitt, tauchte offenbar die Französin auf. Und die Französin schaute den Jungen an, wie sie die  Männer immer anschaute. Damit fing die ganze verflixte Angelegenheit an, denn der Junge blieb im Dorf und wir dachten alle dasselbe: dass er wegen ihr blieb. Es war noch kein Jahr her, dass Cervino und seine Frau sich in Puente Viejo niedergelassen hatten, und wir wussten so gut wie nichts über die beiden. Sie verkehrten mit niemandem, wie man im Dorf spitz bemerkte. In Wirklichkeit lag das im Fall des armen Cervino einfach an seiner Schüchternheit, nur die Französin war vielleicht wirklich ein wenig arrogant. Sie waren im vorangegangenen Sommer zu Saisonbeginn aus der Stadt gekommen, und ich weiß noch, als Cervino seinen Friseurladen eröffnete, dachte ich, dass der alte Melchor wohl bald pleite gehen würde, denn Cervino besaß ein Friseurdiplom und hatte bei einem Haarschneidewettbewerb mit Messer einen Preis gewonnen, außerdem war er mit einem elektrischen Haarschneider, einem Haartrockner und einem Drehstuhl ausgestattet, und er trug einem Pomade auf und sogar Haarspray, wenn man ihn nicht rechtzeitig bremste. Und zu guter Letzt lag in Cervinos Friseursalon immer die aktuelle Ausgabe von El Gráfico im Zeitschriftenständer. Vor allem aber gab es dort die Französin.

Ich habe nie herausgefunden, warum sie die Französin genannt wurde, aber ich wollte es auch gar nicht wissen; es wäre zu enttäuschend gewesen, zum Beispiel zu erfahren, dass der Heimatort der Französin Bahía Blanca war oder, schlimmer noch, ein Dorf wie dieses hier. Wie dem auch sei, eine Frau wie sie war mir jedenfalls bis dahin nicht begegnet. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie keinen Büstenhalter trug und es sogar im Winter eindeutig zu erkennen war, dass sie unter ihrem Pullover nichts anhatte. Vielleicht lag es auch an ihrer Angewohnheit, leicht bekleidet im Friseursalon aufzutauchen und sich vor aller Augen seelenruhig zu schminken. Aber nein, an der Französin war etwas noch Beunruhigenderes als nur dieser Körper, den alle Kleidung zu stören schien, etwas Verwirrenderes als ihr tiefes Dekolleté. Etwas in ihrem Blick. Sie schaute einem so unverwandt in die Augen, bis man selbst zu Boden sah. Es war ein herausfordernder, verheißungsvoller Blick, in dem aber auch schon ein spöttischer Schimmer lag, als stelle die Französin uns alle auf die Probe, wohlwissend, dass niemand sich vorwagen würde, als sei es für sie bereits beschlossene Sache, dass kein Mann im Dorf ihr das Wasser reichen könne. Ihr Blick provozierte und ließ einen gleich darauf hochmütig abblitzen. Und das alles vor Cervino, der nichts zu merken schien, der sich schweigend im Nacken seiner Kunden zu schaffen machte und von Zeit zu Zeit mit seinen Scheren in der Luft klapperte.

Ja, die Französin war anfangs die beste Werbung für Cervino, und sein Friseursalon hatte während der ersten Monate regen Zulauf. Dennoch hatte ich mich in Bezug auf Melchor geirrt. Der Alte war nicht auf den Kopf gefallen, und nach und nach gewann er seine Kundschaft zurück: Es gelang ihm, auf irgendeinem Weg an Pornozeitschriften zu kommen, die damals unter der Militärdiktatur verboten waren, und später zur Weltmeisterschaft kratzte er alle seine Ersparnisse zusammen und kaufte einen Farbfernseher, den ersten im Dorf. Seit der Zeit verkündete er jedem, der es hören wollte, in Puente Viejo gebe es nur einen Friseursalon für Herren; der von Cervino sei für Schwuchteln. Wenn ich es recht bedenke, lag es wohl wiederum auch an der Französin, dass viele zu Melchor zurückgingen – kein Mann erträgt es auf Dauer, von einer Frau verspottet und erniedrigt zu werden.

 ©Eichborn Verlag©

Literaturangabe:

MARTINEZ, GUILLERMO: Gewaltige Hölle. Erzählungen. Aus dem Spanischen übersetzt von Angelica Ammar. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010. 200 S., 18.95 €.

Weblink:

Eichborn Verlag


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