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„Wer jetzt ein Haus hat…“

Zum 150. Geburtstag von Lou Andreas-Salomé

© Die Berliner Literaturkritik, 04.07.11

DECKER, KERSTIN: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüße Funke Ich Propyläen Verlag, Berlin 2010. 368 S., 22,95 €.

Von Jenny Schon

Eins der wohl bekanntesten und schönsten Gedichte von Rainer Maria Rilke steht wie vieles von ihm mit Lou Andreas–Salomé in Verbindung: „Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß…Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr…“

Als Rilke 1897 in den Haushalt des Orientalisten Friedrich Carl Andreas nach Schmargendorf bei Berlin zieht, ist seine Frau Lou Andreas-Salomé, 1861 als einzige Tochter des Generals Gustav von Salomé und seiner Frau Louise  in Petersburg geboren, eine ruhelose Frau schon auf dem Weg  zu einer bedeutenden publizistischen Karriere. Das Ehepaar Andreas  ist seit zehn Jahren verheiratet, der Ehemann hatte eingewilligt, dass seine Frau niemals das Bett mit ihm teilen müsse.

Rilke hatte sich in München mit einem Leserbrief, nachdem er Lous Aufsatz „Jesus, der Jude“ gelesen hatte, an sie gewandt. Da ist er einundzwanzig Jahre alt und ein Unbekannter, sie ist sechsunddreißig und bekannt, auch wegen ihrer Beziehung zu Friedrich Nietzsche. „Gnädigste Frau, es war nicht die erste Dämmerstunde gestern, die ich mit Ihnen verbringen durfte“, schreibt Rilke.  Es ist der 13. Mai 1897. Sie verbringen den Sommer in Wolfratshausen bei München, dann nimmt Lou den jungen Dichter zu sich nach Hause. Zu dritt fahren sie 1899 in ihre Geburtsheimat Russland, 1900 reisen Lou und Rainer alleine durch Russland. Er wird ein Russlandfan, trägt Russenhemd und wird von ihr mit Russengrütze verwöhnt.

Im heutigen Berlin-Schmargendorf, am Rande des Grunewalds, ist auf einer Gedenktafel vermerkt, dass hier vom 1.8. 1898 bis 20.10. 1900 Rilke wohnte und in einer einzigen Nacht die Erstfassung des Cornetts schreibt,  sie und ihr für die Orientalistik bedeutender Mann ist mit keinem Wort erwähnt. Mit seinem Cornett wird Rilke berühmt werden, er wird als Nr. 1 der Insel-Bücherei 1906 erscheinen und eines der erfolgsreichsten Bücher der Literaturgeschichte werden.

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Aber Lou hält es nicht dauerhaft mit ihm aus. Sie, die mit ihrem Mann nie schlief, ist die intensive Liebesbeziehung zu dem fünfzehn Jahre jüngeren Rilke leid, in der Doppelrolle Mutter und Geliebte für ihn zu sein. Ihm wird die Hundekehlestraße zu touristisch, der Gassenhauer „Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion…die ganze Welt, die weiß es schon...“ ist laute Wirklichkeit, mit der Straßenbahn kommen Abertausende Berliner innet Jrüne, wie es hier heißt. Er ist genervt und zieht einige Straßenzüge weiter in die Misdroyer Straße, wo er bis Februar 1901 wohnt.  Hier veröffentlicht er seine „Geschichten vom lieben Gott“. Von Lou von Salomé war bereits 1885 als ihr erstes Buch „Im Kampf um Gott“ erschienen, in dem sie sich mit Nietzsche auseinandersetzt. Das Buch hatte großen Einfluß auf Rilke.

Friedrich Nietzsche stirbt am 25. August 1900, da  sind sie erst ein paar Tage aus Rußland zurück. Während der Zeit mit Rilke hat sie mehrere Bücher geschrieben, jetzt beginnt sie den Roman ihrer Heimat „Rodinka“, während Rilke, von Schmargendorf nach Worpswede gezogen, dort die Bildhauerin Clara Westhoff, eine Freundin der Malerin Paula Modersohn-Becker, heiratet. Im Dezember 1901 wird die Tochter Ruth geboren.

Lou hat, nachdem sie Rilke ein Kontaktverbot erteilt hatte, acht Jahre lang ein Verhältnis mit dem jüdischen Arzt Friedrich Pineles, mit dem sie nach Skandinavien, Frankreich und auf den Balkan fährt und Fußwanderungen unternimmt unter anderem durch die Hohen Tauern. Ein gutes Jahr nach Nietzsche stirbt ihr Freund, der Philosoph Paul Reé. Sie hatte ihn und Nietzsche 1882 in Rom kennengelernt und mit ihm Ende des Jahres in Berlin eine philosophische Tafelrunde gegründet, von der Lou zur „Exzellenz“ ernannt wird. Von den Drei gibt es das berühmte Foto, das Nietzsche arrangiert hatte, auf dem Lou die beiden Philosophen vor den Karren spannt und mit der Peitsche antreibt…“gehst du zum Weibe, vergiß die Peitsche nicht“, wird dann die verdrehte Variante. Nietzsche hatte Lou von Salomé  zu seinem „Geschwistergehirn“ ernannt.

Rilke darf Lou wieder schreiben. „Denn von allen meinen Gedanken ist der an Dich, der einzige in dem ich ausruhe, und ich lege mich manchmal ganz in ihn hinein und schlafe drin und sehe aus ihm auf…“ Das schreibt er aus Rom in dem Glauben, sie sei in Schmargendorf. „…Jetzt ist Herbst bei Dir und Du gehst im Wald, im großen Wald, in den man schon so weit hineinsehen kann, im Wind, der die Welt verwandelt…Ich denke an die Abende, nach denen die Sturmnacht kommt, die alles Welke aus den Bäumen nimmt.“

Was er nicht weiß, Andreas hat eine Professur in Göttingen erhalten und seit Oktober hat Lou endlich ein eigenes Haus: Loufried auf dem Hainberg bei Göttingen. Sie schreibt Rilke zurück: „Seit dem Loufried von Wolfratshausen bin ich diesem hier Schritt für Schritt entgegengewandert; jedes Jahr seither hat daran mitbauen müssen…Nach Bauregeln wider alle Vernunft. Und nun steht’s da…Hier bin ich eine Bäuerin geworden und mein Mann ein Professor.“

Als er fragt, was sie alles gelesen habe in der letzten Zeit, antwortet sie: „…ich schäme mich. Ich habe nicht gelesen. Lou.“ Wer trotz eines großen Sommers, wie in seinem Gedicht, sich nun doch ein Haus gebaut hat, der hat viel zu tun, es herzurichten – der kann nicht lesen. Es tut ihr gut, dass er ihr jetzt schreibt: „Ich aber, Lou, Dein irgendwie verlorener Sohn, ich kann noch lange, lange kein Erzählender sein…Nur, dass mein Mund, wenn er ein großer Strom geworden ist, einmal münde in Dich, in Dein Hören und in die große Stille Deiner auf gethanen Tiefe – das ist das Gebet, das ich zu jeder Stunde sage…es wird erst sein, wenn ich es Dir erzählen kann und wird so sein, wie Du es hörst. Rainer. Sein Brief bringt sie darauf, sie wird ein Buch schreiben, in dessen Mittelpunkt ihr Haus stehen würde. Es wird einer ihrer großen Romane „Das Haus“, in dem Loufried und seine Bewohner im Mittelpunkt sind, das aber erst nach dem 1. Weltkrieg, 1921 erscheinen wird.

Im August 1911 besucht Lou in Schweden die Autorin Ellen Key, der Rilke in Rom im April 1904  seine „Geschichten vom lieben Gott“ gewidmet hat. Lou lernt den schwedischen Psychotherapeuten Poul Bjerre kennen, lieben und begegnet durch ihn der Psychoanalyse. Gemeinsam fahren sie im September 1911 zum 3. Psychoanalytischen Kongreß nach Weimar. Sie liest Freuds Schriften und studiert ab Oktober 1912 in Wien bei Freud Psychoanalyse. Es erscheinen psychoanalytische Schriften von ihr, in ihrem Haus beginnt sie ab 1913 eine eigene psychoanalytische Praxis. Sie befreundet sich mit Freuds Tochter Anna. 1931 zu seinem 75. Geburtstag  erscheint Lous offener Brief „Mein Dank an Freud“.

Bei Kriegsausbruch hatten sich Rilke und Lou in München verfehlt, 1919 treffen sie sich in den Nachkriegswirren ein letztes Mal. Am 29. Dezember 1926 stirbt Rilke, 1928 erscheint ihr Gedächtnisbuch „Rainer Maria Rilke“.

Vor ihrer gemeinsamen Zeit hatte er René Maria Rilke geheißen, sie hat ihn Rainer genannt. Unter ihrem Namen ist er weltberühmt geworden.

Friedrich Carl Andreas stirbt am 3. Oktober 1931. Lou adoptiert Maria Apel, die Tochter ihrer Haushälterin und wahrscheinlich Tochter von Andreas, die auf Loufried groß wurde und sie im Alter versorgt.

„Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will… In eurem Sterben soll noch euer Geist und Tugend glühn, gleich einem Abendroth um die Erde…“ Also sprach Zarathustra. Am 5. Februar 1937 bettet sich das „Geschwistergehirn“ Lou Andreas-Salomé in Loufried zum ewigen Schlaf.

Kerstin Decker ist eine einfühlsame, kenntnisreiche und spannend geschriebene Biografie zum 150. Geburtstag gelungen. Vielleicht erhält Lou Andreas-Salomé, eine der großen Schriftstellerinnen und Denkerinnen des frühen 20.  Jahrhunderts, endlich auch eine Gedenktafel in gleicher Höhe wie Rainer Maria Rilke.

Weblink: Propyläen Verlag


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