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„Wie bitte?“ – Wer fühlen will, muss hören

© Die Berliner Literaturkritik, 11.05.09

Von Johannes Wagemann

HAMBURG (dpa) – Dauernd muss er nachfragen, wenn das Hörgerät gerade nicht im Ohr steckt oder die Batterien mal wieder leer sind. Desmond Bates, pensionierter britischer Linguistikprofessor, hadert mit dem zunehmenden Verlust seines zweiten Sinnes. Das beginnt beim Gespräch mit einer jungen Frau, über die er anschließend nicht mehr weiß als vorher. Und es geht soweit, dass er Partygäste mit Monologen über Literatur oder Werbeanalyse belästigt, weil er sie nicht versteht. Andererseits kann Bates selber ohne Hörgerät auch einfach genießen: „Paradoxerweise weiß man als Schwerhöriger die Stille noch mehr zu schätzen“, heißt es an einer Stelle. Er beweist, dass viele Geräusche im Alltag einfach nur unnützer Lärm sind.

Der Protagonist in David Lodges neuestem Roman „Wie bitte?“ lehrte in einer nordenglischen Ex-Industriemetropole und lebt dort nun mit seiner Frau in einer schicken „Regencyvilla“. 2002 ging er vorzeitig in den Ruhestand. Im Winter 2006/07 lässt er den Leser an seinen Tagebuch-Aufzeichnungen über das Leben als Fast-Tauber teilhaben. Bates nimmt sein Schicksal manchmal mit gutem britischen Humor, oft aber versinkt er auch in eine melancholische Stimmung. Und immer wieder ist sein Alltag wirklich eine „Deaf Sentence“ (Taubheits-Strafe), wie der schöne englische Originaltitel in Anlehung an «Death Sentence» (Todesstrafe) heißt.

In rund fünf Monaten lesenswerter Romanhandlung warten schließlich einige Fallstricke auf Bates. Da ist sein mürrischer Vater, der alleine in London lebt und sich nicht eingestehen will, dass er nicht zurechtkommt. Vor allem gibt es aber die amerikanische Doktorandin Alex, die Bates als Doktorvater gewinnen will, ihn aber tatsächlich mit ihren Psychosen verfolgt. Im Grunde reichen auch schon die alltäglichen Fettnäpfe, die der Emeritus allzu gerne übersieht -beziehungsweise überhört. Das erzeugt häufig ein Gefühl zwischen Fremdschämen und Lachen, wenn Bates etwa seiner Frau etwas Intimes ins Ohr Flüstern will – praktisch aber so laut brüllt, dass es für alle zu hören ist.

Witziger Kniff in Lodges Roman: Er wechselt die Perspektive des Erzählers mehrmals von der dritten zur ersten Person. In zwei Schlüsselszenen sieht der Leser von außen den bedauernswerten Professor, den seine Schwerhörigkeit völlig unsozial werden lässt. Wenn Bates aus der Ich-Perspektive erzählt, wird klar, dass er ein hellwacher Mann ist, der gegen sein – nicht heilbares – Schicksal ankämpft.


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