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Wie ich einmal ein Hörbuch rezensierte, das ich nur quer gehört hatte

Über Pierre Bayards „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“

Von: MARTIN SPIESS - © Die Berliner Literaturkritik, 30.05.08

 

Ein von mir hoch geschätzter Literaturprofessor sagte einmal den wunderbaren Satz, es hielte sich „nach wie vor hartnäckig das Vorurteil, man müsse ein Buch gelesen haben, um es zu rezensieren“. Dass man auch Bücher, die man nicht oder nur quer gelesen hat, rezensieren kann, dem kann ich nur zustimmen. Zum Beispiel dieses hier, das von den Schauspielern Hanns Zischler („München“) und Stephan Benson („Der Campus“) wunderbar gesprochene Hörbuch „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ des französischen Literaturwissenschaftlers Pierre Bayard.

Im vorliegenden Fall gibt es keine größere Hommage an den Autor, als seine Methoden anzuwenden: Ein Buch zu rezensieren, das zum Inhalt einen Essay hat, der sich der Beantwortung der Frage widmet, wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat – ohne das Buch zu lesen beziehungsweise das Hörbuch zu hören. Außerdem zu sagen, dass man das Buch nicht einfach bespricht, sondern so zu tun, als habe man es gelesen (gehört).

Um das Werk in seiner Quintessenz zu erfassen reicht es aus, eben diese einfach zu nennen, ohne dramaturgische Spezialeffekte abzubrennen, die zur Konklusion über-, her- und hinleiten. Das Ziel des Autors Pierre Bayard ist es, das Buch von seinem ehrwürdig bürgerlichen Sockel zu stoßen, der bedeutet, dass ein Buch nur der kenne und folglich darüber reden könne beziehungsweise dürfe, der es von der ersten bis zu letzten Seite gelesen hat.

Bayard aber ist der Ansicht, dass ein Buch nie richtig gekannt werden kann, ob man es nun von Anfang bis Ende, quer oder gar nicht gelesen und nur davon gehört hat. Dem Autor wird man selten gerecht, wie hoch man ein Buch auch lobt. Nie, glaubt Bayard, kommt man dem, was der Autor sich beim Verfassen gedacht hat, so nahe, dass man von Kennerschaft sprechen könne. Er fordert also, das Buch zu öffnen. Das Wertvolle an Büchern sei, so Bayard, dass sie so reich an Diskursen seien. Das Gebot, dass nur der über sie sprechen dürfe, der sie kennt, verhindere die Auseinandersetzung zwischen Buch und Leser, zwischen Leser und Leser und schließlich zwischen Buch und Welt.

Bayard hat mit seiner Einschätzung Recht. Denn wie oft schämt man sich dafür, ein Buch nicht gelesen zu haben oder es gar nicht zu kennen? Wie viele Bücher glaubt man, gelesen haben zu müssen, nicht weil man sie lesen will, sondern weil sie zu einem ominösen, bürgerlichen Kanon gehören? Bücher nicht nur im wörtlichen, sondern auch im metaphorischen Sinne zu öffnen, scheint in der Tat ratsam. Denn wenn man auch nur Grundinformationen über ein Buch – beispielsweise über die grobe Handlung – besitzt, so kann man doch fruchtbar an einem Diskurs darüber teilnehmen.

Dasselbe gilt, folgt man Bayard konsequent, auch für die Literaturkritik: Wenn man dem Autor sowieso nicht so nah kommen kann, wie man es müsste, um ein Buch wirklich zu verstehen, kann man sich auch einfach in einiger Entfernung positionieren und ihm die Wertung zurufen: Herr Bayard, hören Sie? Obwohl ich Ihr grandios gesprochenes Hörbuch nur quergehört habe, möchte ich Ihnen folgendes sagen: Ganz großes Kino! Geben Sie das doch bitte auch an die Herren Zischler und Benson weiter, ja?

Literaturangaben:
BAYARD, PIERRE: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Gesprochen von Hanns Zischler und Stephan Benson. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Verlag Antje Kunstmann, München 2008. 2 CDs, 16,90 €.

Verlag

Martin Spieß, diplomierter Kulturwissenschaftler, lebt und arbeitet als freier Autor im Wendland. Er ist einziges Mitglied der Gitarrenpopband VORBAND


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