Werbung

Werbung

Werbung

Wie sieht also Wirklichkeit aus?

Atemlos trällert und parliert eine Sängerin im Roman „Bel Canto“ der tschechischen Schriftstellerin Milada Součková (1898-1983)

© Die Berliner Literaturkritik, 09.05.11

SOUCKOVA, MILADA: Bel Canto. Aus dem Tschechischen von Eduard Schreiber. Mit einer Nachbemerkung von Eduard Schreiber und einer biographischen Skizze von Kristián Suda. Matthes & Seitz, Berlin 2010. 311 S., 22,90 €.

Von Volker Strebel

Als Milada Součková 1983 in Cambridge im Alter von 84 Jahren verstarb, war sie lediglich einem informierten Kreis von Bohemisten bekannt. Kein geringerer als der russische Literaturwissenschaftler Roman Jakobson hatte ihr als Exilierter der Exilierten in Fachkreisen zu spätem Ansehen verholfen. Dabei hätte Milada Součková in ihrer böhmischen Heimat einer literarischen Karriere entgegen sehen können – wären nicht die Nazis gewesen und später die Kommunisten, welche ihr zum zweiten Mal die Luft zum Atmen entzogen hatten.

Mit „Bel Canto“ hat Milada Součková einen in jeglicher Hinsicht bezaubernden Roman geschrieben, ein Glanzstück moderner Literatur, das bereits 1944 unter widrigen Umständen erstmals in Prag erschienen ist. Ein unbekannter Ich-Erzähler berichtet von Giulia alias Julia und ihrem Schicksal. Lebenslang wird sie ihrer Chimäre nachjagen, eine berühmte Sängerin zu sein und auf internationalen Bühnen aufzutreten. Folgerichtig entfalten sich im Roman Lügenkaskaden und die abgrundtiefe Tristesse eines lebenslangen Selbstbetrugs.

Den Auftakt bildet eine schicksalhafte Begegnung der achtzehnjährigen Julia in einem Kurhotel: „Julinkas blaue Augen mit den naturdunklen Wimpern haben Doktor Arnošt angeschaut. Bis an ihr Lebensende wird Julinka über diesen Moment sagen: Unsere Blicke trafen sich –“.

Doktor Arnošt, ein Privatgelehrter, wird als Ernesto Oliva immer wieder in Giulias Leben erscheinen. Ein Paar werden sie nicht, obwohl sie zeitweise sogar zusammengelebt haben. Gleich sind sich beide in ihrem Ehrgeiz und dem unerschütterlichen Glauben an eine erfolgreiche Zukunft, die sich freilich niemals einstellen wird.

Unterstützen Sie dieses Literaturmagazin: Kaufen Sie Ihre Bücher in unserem Online-Buchladen - es geht ganz einfach und ist ab 10 Euro versandkostenfrei! Vielen Dank!

Zuweilen gelingen ihr sogar Auftritte und Engagements auf eine der großen Bühnen in den Theaterhäusern Europas und sogar in den USA. Doch letztlich folgt eine Pleite nach der anderen, auch von Armut bleibt Giulia nicht verschont. Doch sie ist Meisterin darin, sich selbst und ihrer Mitwelt etwas vorzumachen. Paris, Berlin, Wien oder doch nur eine Prager Seitenstraße? Die Orte sind austauschbar wie das wechselnde Schicksal von Giulia und ihren Männerbekanntschaften.

Was immer Giulia erzählt, es kann der Wahrheit entsprechen oder eben auch nicht. Jeder kommt zu Wort, dieselbe Szene wird zuweilen aus unterschiedlicher Perspektive nacherzählt. Nicht zuletzt der Erzähler selbst plappert dazwischen und bringt zuweilen das Kunststück fertig, sich ins eigene Wort zu fallen: „Mit Schrecken bemerke ich, lieber Leser, wie weit mich der Strom des Erzählens fortreißt!“.

„Bel Canto“ ist ein effektvolles Crescendo voller Hintersinn und subtilen Humor über ein Leben, das schnell und nutzlos verstreicht. Dieser atemberaubende Künstlerroman verschränkt feine psychologische Beobachtungen mit einer typisch mitteleuropäischen Befindlichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der lineare Zeitablauf ist gesprengt und wird die geradezu lustvolle Experimentierfreude keiner artistischen Unlesbarkeit geopfert. Es wird erzählt, widerspiegelt und bei Bedarf wiederholt – ganz so, wie es dem Leser behagt. Wer also ist Giulia wirklich? Die Frage nach der Wirklichkeit bleibt offen, zumal der Erzähler offen bekennt: „Ich bin nicht in ihre Seele eingedrungen wie andere Romanautoren. Ich kenne aber ihren Körper; wie oft habe ich ihn gesehen: Venus, nur mit Goldvlies bekleidet, wie oft habe ich sie nur in Pantöffelchen gesehen, in der Theatergarderobe, über ihre Blöße hastig das Kostüm des nächsten Aktes werfend: Hol mich der Teufel!“.

Ein weiteres Mal hat der Übersetzer Eduard Schreiber seine bewährten Fähigkeiten als Mittler tschechischer Literatur und Kultur unter Beweis gestellt. Ein kurzer Anmerkungsteil sowie eine aufhellende Nachbemerkung bürgen für seine Mühen. Die biographische Skizze des Prager Literaturwissenschaftlers Kristián Suda macht auf ein mitteleuropäisches Schicksal aufmerksam, das nach dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ in der Tschechischen Republik endlich die längst verdiente Aufmerksamkeit gewonnen hat. Aufmachung und Ausstattung dieses Buches belegen eine selten gewordene verlegerische Sorgfalt! Mit „Bel Canto“ von Milada Součková liegt ein großartiger Roman, eine hervorragende künstlerische Leistung vor!

Weblink: Matthes & Seitz


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: