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„Wie wir lebten“

Benno Hurts Geschichte über Freundschaft und die 90er Jahre

© Die Berliner Literaturkritik, 10.12.08

 

Von Johannes Wagemann

HAMBURG (BLK) – Wenn Juristen zu Schriftstellern werden, kommen Romane heraus, die oft mehr sind als nur „eine“ Geschichte. Das hat nicht nur der wohl bekannteste unter ihnen, Bernhard Schlink, gezeigt. Auch das neue Werk des Ex-Richters Benno Hurt „Wie wir lebten“ unterhält nicht nur auf einer Ebene, sondern ist neben der Geschichte einer Freundschaft vor allem ein Porträt der deutschen Gesellschaft in den 1990er Jahren.

Das Werk dreht sich vordergründig um die Freunde Michael Kaltenbrach und Eugen Stöber. Der eine fest in der fiktiven süddeutschen Stadt Kürren verankert, ein verheirateter Richter mit gehobenem Lebensstil. Stöber hingegen ein Einzelgänger, der in seiner Wohnung mit vielen Büchern und dem täglichen Radioprogramm lebt, ansonsten aber ziemlich allein ist. „Eugen war ein Liebhaber des Halbdunkels“, wird sein Freund Kaltenbrach über ihn sagen.

Sie wollen im Mai 1993 zusammen in die österreichische Weinregion Wachau fahren. Nach der Reise ist nichts mehr wie es war – Eugen überlebt den Roman nicht, sein Freund hat eine neue Freundin und seine Frau verlassen. Der Großteil des Romans beschreibt nicht die Reise selbst, sondern auf streckenweise detailversessene Art, „wie wir lebten“. Und damit, wie Kaltenbrach lebte. Das ist eine Welt zwischen Wein-Proben, noblen Menüs sowie angeregten Diskussionen über Kunst, Literatur und Politik.

Die Hauptfigur geht nicht nur einfach ihrem Beruf nach. Kaltenbrach beschäftigen Prozesse, die er führt, selbst sonntags. Etwa gegen Russland-Deutsche, unter denen ihn eine rohe Gewalt beunruhigt. Mit solchen Themen greift der Roman Diskurse auf, die in den 1990er Jahren viele bewegten. Zu der erzählten Zeit gehören aber auch populäre und amüsante Ereignisse wie Tennisturniere mit Monica Seles – wer erinnert sich nicht an ihr lautstarkes Spiel. Eugen Stöber ist ganz vernarrt in sie.

Michael Kaltenbrachs Gefühlswelt hingegen bleibt nach außen immer kontrolliert, sie lädt selten zur Identifikation ein. Als Ich-Erzähler nimmt er den Leser zwar mit. Doch wie seine Frau wird auch der Leser manchmal erschaudern. Selbst wenn sein Vater, ein örtlicher Star-Anwalt, eine Affäre mit einer ehemaligen Geliebten eines Angeklagten hat, bleibt er nach außen immer leicht unterkühlt.

Ganz anders Eugen: Er freut sich schon über eine Semmel mit Tiroler Speck, ist aber kultiviert genug, in Kaltenbrachs anspruchsvollem Freundeskreis akzeptiert zu werden. Doch sucht er nach Halt bei anderen Menschen. Als Außenseiter bemerken seine Kollegen bei der Arbeit nicht einmal, wenn er sich einen halben Bart stehen lässt. An der scheinbaren Ausgrenzung zerbricht er letztlich. So kalt Kaltenbrach manchmal ist, seine harte Schale schützt ihn doch auch vor der Welt, in der er lebt.

Literaturangaben:
HURT, BENNO: Wie wir lebten. dtv Verlag, München 2008. 277 S., 14,90 €.

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