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Wiens Offener Bücherschrank

„Der öffentliche Raum ist in Wien großteils geprägt von Kommerzkäse“

© Die Berliner Literaturkritik, 11.03.10

Von Lena Werner

WIEN (BLK) – Auf den ersten Blick wirkt der kleine Kasten, der in der Zieglergasse auf dem Bürgersteig steht, wie abgestellter Sperrmüll. Die Seiten sind aus zementgebundenen Holzfaserplatten zusammengebastelt, in lackierte Stahlrahmen eingelassen, geben Türen aus bruchsicherem Kunststoffglas den Blick auf eine willkürliche Büchersammlung frei, das gesamte Konstrukt ist schief gebaut. Schön ist er nicht, Wiens erster Offener Bücherschrank.

„Die fehlende Ästhetik der kleinen Selbstbedienungsbibliothek ist kein Zufall“, erklärt der Initiator des Ganzen, Frank Gassner. Vielmehr solle die Bauweise vor unvorteilhaften Witterungen oder Vandalismus-Attacken schützen.

Die Kosten für das gesamte Unterfangen in Höhe von etwa 1.700 Euro hat Frank Gassner aus eigener Tasche bezahlt. „Der öffentliche Raum ist in Wien großteils geprägt von Kommerzkäse“, sagt Gassner. Deswegen habe der Künstler eine Straßen-Bibliothek erschaffen, die das kostenlose Geben und Nehmen von Büchern ohne jegliche Formalitäten ermöglicht.

Buchfreunde dürfen kommen, wann immer sie Zeit finden (der Schrank ist 24 Stunden am Tag geöffnet) und zwischen den rund 250 Büchern auf drei Ebenen nach dem Richtigen stöbern. Wer möchte, kann umgekehrt ein schon bekanntes oder unerwünschtes Buch aus seinem Repertoire in den Schrank stellen.

Neu eingetroffene Exemplare werden dann mit einem Aufkleber versehen, den man ebenfalls im Schrank vorfinden kann. Damit solle gezeigt werden, dass die im Schrank befindlichen Bücher nicht gegen Geld getauscht würden.

Wiens Offener Bücherschrank ist nicht der erste seiner Art. Bereits 1990 entwarf das Aktionskünstler-Duo Clegg & Guttmann Installationen der kleinen „Open-Air-Bibliotheken“, die unter anderem in Hannover, Darmstadt und Graz umgesetzt wurden und dort heute noch zu sehen sind.

Somit ist Frank Gassner zwar nicht der Erfinder des Bücherschrankes, er ist aber ohne Zweifel derjenige, der dieses wunderbare Projekt nach Wien gebracht und die Hauptstadt somit ein kleines Stückchen bunter gestaltet hat.

Ecke Zieglergasse/Westbahnstraße, 1070 Wien

05.02.2010 bis 11.06.2010

Weblink: Offener Bücherschrank

 


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