Wozu Imperien?

Herfried Münkler erörtert die „Logik der Weltherrschaft“

© Die Berliner Literaturkritik, 18.12.12

Dieser Artikel erschien erstmals am 23.09.2005 in diesem Literaturmagazin.

MÜNKLER, HERFRIED: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005. 332 S., 19,90 €.

Von Holger Böthling

An Herfried Münkler scheiden sich die Geister. Ist der Professor der Humboldt-Universität und Einflüsterer der Berliner Bundespolitik nun ein „wandelnder Ein-Mann-Think-Tank“ („Die Zeit“) oder „selbst kein Mann schärfsten Denkens“ („Berliner Zeitung“)? Zuletzt hat sich der Berliner Politologe mit seiner Studie über „Die neuen Kriege“ (2002) hervorgetan. Das dort entwickelte Theoriegebäude gehört mittlerweile zum Standardinstrumentarium der politischen Kriegsanalyse und ist auch für sein neues Werk von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Merkmale und Probleme

Die Frage, die sich Münkler angesichts der weltpolitischen Dominanz der USA stellt, ist die nach der „Logik der Weltherrschaft“, der alle Imperien unterworfen seien. Um diese zu ergründen, greift er weit in die Vergangenheit zurück. Sein Geschichtsverständnis ist dabei zyklisch; Imperien sind aus Münklers Sicht feste, wiederkehrende Konstanten der Weltgeschichte. Vor der Vergleichsfolie verschiedener historischer Groß- und Weltreiche vom Imperium Romanum über das Mongolenreich bis zum britischen Empire und darüber hinaus entwirft er eine Typologie imperialer Herrschaft. Als Merkmale der imperialen Ordnung zählt der Autor zum einen flexible, halbdurchlässige Grenzen und eine abgestufte Bevölkerungsintegration, zum anderen einen absoluten Herrschaftsanspruch und eine Zivilisierungsmission auf. Im ersten Punkt unterscheiden sich Imperien demnach von Staaten, im zweiten von Hegemonien.

Gleich, ob nun Steppenimperium oder Seereich: Jedes Imperium muss für seine dauerhafte Stabilisierung die „augusteische Schwelle“ – ein Begriff, den Münkler von Michael Doyle entlehnt hat – überschreiten. Damit ist der Übergang von der Expansions- zur Konsolidierungsphase der Imperien gemeint. An der „augusteischen Schwelle“ beendet das Zentrum das rein exploitive, auf Mehrproduktabschöpfung abgestellte Verhältnis zu seiner Peripherie und beginnt damit, infrastrukturell und zivilisatorisch in seine Randgebiete zu investieren. Nur die langlebigen Reiche der Römer und Chinesen hätten diese Hürde in der Geschichte genommen und seien – dank der Investitionen in ihre Provinzen – in Situationen der Krise und des Niedergangs von ihren Rändern her entweder gerettet oder revitalisiert worden.

Anders als Imperialismustheorien nahe legen, glaubt Münkler nicht unbedingt an einen Willen zum Imperium. Die meisten Imperien seien aus einer Mischung von Zufällen und Einzelentscheidungen entstanden. Seine „Logik der Weltherrschaft“ denkt Münkler nicht ausschließlich vom Zentrum, sondern auch – und eigentlich sogar vor allem – von der Peripherie aus. Der von den Außengrenzen ausgehende Sog könne ebenso zur Ausdehnung des imperialen Herrschaftsgebiets führen, wie der Machtwille aus dem Zentrum. Regelmäßig seien Imperien jedoch an Überdehnung und der „Macht der Schwachen“ gescheitert. Bei der Beschreibung dieser Probleme kann Münkler dann auch wieder auf seine Partisanenkriegs- und Terrorismustheorien zurückgreifen.

Eine Welt ohne Imperien?

Wäre die Welt besser dran, wenn es keine Imperien gäbe? Die zwei möglichen postimperialen Ordnungsmodelle der Staatengemeinschaft und der Entstaatlichung der Wirtschaftsräume unterschätzen laut Münkler die Bedeutung der Peripherie: Während das UNO-Modell übersehe, dass weltweit keine stabile Staatlichkeit vorhanden sei, sondern es im Gegenteil zahlreiche failing states gebe, führe die Vernachlässigung der Peripherie im Modell der globalen Metropolenvernetzung zu Terror. „Angesichts der neuen Formen des Krieges und der Kriegsführung haben sich die postimperialen Weltordnungsentwürfe als unzureichend und illusionär erwiesen“, lautet Münklers eindeutiges Fazit.

Er ist davon überzeugt, dass ausschließlich Imperien zu humanitären Interventionen und Krieg gegen den Terror in der Lage seien und anders als die postimperialen Ordnungsmodelle entschlossen in staatsfreie Räume eindringen könnten. Eine weltweite Resymmetrierung der machtpolitischen Verhältnisse wäre für Münkler ohnehin nur durch die nukleare Bewaffnung aller Staaten zu erreichen – keine attraktive Option. So wie die Dinge jedoch stünden, könne die UNO die Ressourcenkriege zwischen Warlords, Glaubenskriegern und Befreiungsbewegungen nicht eindämmen, und das Metropolen-Netzwerk bleibe verwundbar durch den transnationalen Terrorismus, der die globalen Waren- und Kapitalströme für seine Logistik nutzbar mache.

Das demokratische Imperium

Bei der abschließenden Diskussion des „demokratischen“ Imperiums USA bringt Münkler scheinbare Gewissheiten ins Wanken: So deckt er den strukturellen Zwang zur Inszenierung von Bedrohungen auf, um die demokratische Öffentlichkeit zur Übernahmen imperialer Pflichten zu motivieren. Konträr zur gewöhnlichen Lesart dient die US-amerikanische Politik der Inszenierungen nach seinem Credo also gerade dazu, die Lücke zwischen Demokratie und Imperium zu schließen! Auch zeigt Münkler – wie am Beispiel Vietnams und zunehmend auch im Irak zu sehen ist – , dass demokratische Imperien nicht in der Lage sind, längere Phasen durchzustehen, in denen die imperiale Politik mehr kostet, als sie einbringt. Gerade demokratische Imperien unterlägen demnach einem größeren „Beutezwang“. Dies bedeute für das auf ökonomische Überlegenheit gegründete Imperium der USA den Zwang zur Erschließung immer neuer Märkte.

Zur Sicherung neu erschlossener Wirtschaftsräume sei dann wiederum Militär vonnöten, weshalb die Kostenfrage, d.h. die Relation zwischen Nutzen und Lasten imperialer Politik, für den Autor auch das größte Problem des demokratischen Imperiums darstellt. Die USA stehen also an der „augusteischen Schwelle“, an der sie ihre Profite mit der Peripherie teilen müssen. In der Schaffung eines einheitlichen europäischen Währungsraums durch den Euro sieht Münkler deshalb „eine sehr viel größere Herausforderung der amerikanischen Dominanz, als es der islamistische Terrorismus je sein kann“. Die seit einiger Zeit in den USA zu beobachtende Verschiebung von der ökonomischen zur militärischen Macht führt er auf das weltwirtschaftliche Aufholen Europas zurück. Den Vereinigten Staaten stünden nun zwei europapolitische Optionen zur Verfügung: die klassische Politik des divide et impera (wie im Irak-Krieg versucht) oder die stärkere Einbindung Europas in die Sicherung des imperialen Raums.

Quo vadis Europa?

Die imperiale Herausforderung für Europa besteht laut Münkler darin, sowohl ein Verhältnis zur imperialen Macht der USA als auch ein Verhalten gegenüber den postimperialen Räumen in seinem Süden und Osten zu finden. Europa müsse sich der politischen Marginalisierung widersetzen und als „Subzentrum des imperialen Raumes“ behaupten. Zugleich gelte es, Staatenzerfall und Kriege an Europas Peripherie aktiv zu verhindern, ohne eine imperiale Überdehnung zu riskieren. Nicht ein innerer Antrieb bestimmt folglich die Zukunft des europäischen Projekts, der Zwang zur Kooperation kommt vielmehr von außen. Münkler ist überzeugt davon, dass es ohne eine stärkere Hierarchisierung der EU-Staaten keine außenpolitische Handlungsfähigkeit geben wird. Wenn Europa nicht scheitern wolle, müsse es ferner das imperiale Modell der Grenzziehung übernehmen.

Die Dinge auf den Begriff gebracht

Der Berliner Politologe gefällt sich in seinem Buch durchaus als Tabubrecher. Seine ideengeschichtliche Betrachtungsweise ist frei von normativ-moralischen Urteilen, was einigen Imperialismuskritikern sicherlich sauer aufstoßen wird. Imperien sind für den Wissenschaftler nicht von vornherein schlecht, sondern bilden neben dem Staat ein durchaus gleichberechtigtes politisches Organisationsmodell. Münklers geschichtliche Vergleichsanalysen lassen vielleicht etwas die historische Tiefenschärfe vermissen. Jedoch hieße es seine Darstellung zu überfordern, verlangte man von ihr die Präzision eines geschichtswissenschaftlichen Werks. Dass jedoch das moderne China sowie Indien in seiner Betrachtung keine Rolle spielen, geht leider zu Lasten der analytisch-komparativen Komplexität.

Münkler kann für sein Werk auf umfangreiche Sekundärliteratur zurückgreifen. Er referiert diese jedoch nicht einfach, sondern synthetisiert und deutet die dort gewonnenen Erkenntnisse: Was kann politische Theorie angesichts der vom Autor konstatierten „kognitiven Überlastung“ durch die Datenflut im Informationszeitalter mehr leisten? Herfried Münkler bringt die Dinge buchstäblich auf den Begriff. Deswegen sind seine Bücher so lehrreich und wichtig.

Was bleibt, ist eine umfangreiche, mit zahlreichen Beispielen gesättigte wissenschaftliche Untersuchung, die nicht nur von Politikern in Regierungsverantwortung gelesen werden sollte. Eine unbequeme, herausfordernde und deshalb hochspannende Lektüre ist das Buch in jedem Fall. Folgt man Münklers Theorie, müsste die multilaterale und -polare Konstante der deutschen und europäischen Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Binnenstruktur der Europäischen Union einer gründlichen Überprüfung unterzogen werden. Was man jedoch konkret von einem „Imperium Europa“ über verstärkte Befriedungsversuche angrenzender postimperialer Räume (mit entsprechender militärischer Beteiligung Deutschlands) hinaus zu erwarten hätte, kann der Politologe auch noch nicht beantworten.


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