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Wunscherfüllung gegen adäquates Opfer

Der Roman „Semmlers Deal“ von Christian Mähr

© Die Berliner Literaturkritik, 11.02.08

 

BERLIN (BLK) – Im Zsolnay Verlag ist nun Christian Mährs Roman „Semmlers Deal“ erschienen.

Klappentext: Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Deal mit dem Universum: Wann immer Sie etwas haben wollen, bekommen Sie es. Sie müssen allerdings dafür ein Opfer bringen - ein adäquates Opfer. Semmler, Unternehmensberater und Erbe eines großen Vermögens, lernt eine Frau kennen, die ihm von dieser Möglichkeit erzählt. Bald darauf bemerkt er, dass er seinen Schlüsselbund vermisst. Ohne auch nur im Geringsten daran zu glauben, „opfert“ er ein teures Feuerzeug. Als er zu Hause ankommt, ist Koslowski bereits da, sein nerviger Schulkollege, der den Schlüssel gefunden hat. Sollte an der Sache tatsächlich etwas dran sein? Schon bald ergibt sich die Gelegenheit für einen weiteren Versuch, denn Semmler trifft Ursula, Koslowskis Ehefrau, in die er sich blitzartig verliebt ... Viel zu spät bemerkt Semmler, dass er eine Lawine in Gang gesetzt hat, die er nicht mehr stoppen kann.

Christian Mähr wurde 1952 in Nofels bei Feldkirch (Vorarlberg) geboren und lebt heute in Dornbirn. Er ist Autor, Bienenzüchter und Doktor der Chemie und arbeitet seit 1982 als freier Mitarbeiter des ORF für die Redaktion Wissenschaft und Umwelt. Er veröffentlichte unter anderem: „Magister Dorn“ (1987), „Fatous Staub“ (1991), „Simon fliegt“ (1998), „Die letzte Insel“ (2001), „Vergessene Erfindungen. Warum fährt die Natronlok nicht mehr?“ (2002). (wag/dan)

 

Leseprobe:

© Zsolnay Verlag ©

1 Er hätte, dachte er viel später, einfach weiterfahren sollen. Denn alles, so dachte er, was ihm später widerfahren war, das Gute wie das Böse, kam davon, dass er angehalten hatte. Genau das hielt er für ungerecht. Nicht die Neugier hatte ihn anhalten lassen, die Sensationslust, so etwas einmal live zu sehen, was man sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Anhalten lassen hatte ihn das reine Verlangen, zu helfen.

Weil es ging. Er war ja nicht verrückt. Wenn das Auto gleich versunken wäre – keine Idee, da noch etwas machen zu wollen. Aber es lag nicht einmal zur Hälfte im Wasser, die rechte Seite tiefer, die linke Seite höher; der Wagen stand auch. Nicht ganz, er bewegte sich vom Ufer weg, aber wirklich nur sehr langsam, und man konnte doch sehen, dass er in der wirbelnden braunen Brühe stand, auf den Rädern regulär zum Stillstand gekommen war, im kaum knietiefen Wasser auf dieser Seite – dass er aber im weiteren Verlauf nach rechts driften und in tieferes – viel tieferes! – Wasser geraten und mitgerissen würde wie die Baumstämme und allerhand Zeug, das man vom Ufer aus nicht einordnen konnte, nur sehen, dass es hinab trieb, sehr schnell, und dass es verloren war.

Sehen konnte jeder, der nicht einfach aufs Gas stieg und der Stelle auswich, wo die Straße abgebrochen war wie mürber Lebkuchen; sehen konnte jeder, dass die Frau, die am Steuer saß, dort sitzen blieb. Schreckstarre, Schock, das kalte Wasser. Sie würde ertrinken, elend, und nichts anderes. Wer, fragte er sich oft, hätte nicht den Wagen auf die andere Seite gefahren, wäre nicht ausgestiegen, wäre nicht zur Abbruchkante gelaufen – nur einen Meter über dem Fluss? Wäre nicht hinunter gesprungen, hätte nicht die Fahrertür aufgerissen, die Frau am Arm gepackt und rausgezerrt? Wer denn nicht?

Auch wenn Koslowski nachher sagte, nicht alle hätten getan, was Semmler getan hatte. Aus Angst vor dem Wasser. Wieso Angst? Dort am Rand ging ihm das Wasser nicht einmal bis zum Knie, war auch nicht so reißend wie schon einen Meter weiter gegen die Mitte zu; die Tür ließ sich leicht öffnen, die Frau war nicht bewusstlos, nur benommen, half mit beim Aussteigen, machte zwei unsichere Schritte auf die Böschung zu, legte die Arme drauf, er, Semmler, packte ihre Beine, hob sie hoch und schob sie auf den intakten Asphalt, der war rutschig, die Dame krabbelte voran, setzte sich auf, was war ihnen passiert, ihnen beiden? Semmler hatte sich die Hosenbeine nass gemacht und die italienischen Schuhe ruiniert, also schön, die waren hinüber – hätte er die Frau ersaufen lassen sollen? Wegen der Schuhe?! Und sie wäre sitzen geblieben in ihrem japanischen Zwergauto (10 000 Euro Neupreis) und wäre untergegangen, denn als sie sich danach umdrehten, stand das Wasser schon bis zur Seitenscheibe, gurgelte draußen und drin in wilden Wirbeln, der Wagen drehte sich hin und her, als hielte er es dort nicht mehr aus, wo er zum Stehen gekommen war. Dann, ohne Vorwarnung oder irgendein Zeichen, kippte er nach rechts, streckte einen Augenblick noch die linken Räder aus dem Wasser und war verschwunden. Sie sahen ihn auch nicht mehr auftauchen, etwa Dach, Reifen oder sonst ein Teil, das Auto war weg.

„Danke, danke!“, sagte sie immer wieder, ergriff seine Hand mit beiden Händen und ließ die längste Zeit nicht los, „Danke, danke!“, wie eine Beschwörung; vielleicht hatte sie die Sprache verloren und konnte nun nur noch dieses eine Wort ausstoßen, es war ihm peinlich, er hatte ihr das Leben gerettet, ja und? Jeder andere hätte …

… daran lag es ja, was ihn so störte an der Sache. Viel später. Viel, viel später.

Wenn ihm alles, was ihm noch zustoßen sollte, zugestoßen wäre, weil er die Frau hätte ertrinken lassen – dann hätte man einen gewissen Sinn darin erkennen können. Strafe, Rache, etwas dieser Art. Aber alles, was ihm zustieß, geschah, weil er Gisela Mießgang das Leben gerettet hatte. Das war nicht gerecht.

Sie hatte die Sprache nicht verloren, begann aber am ganzen Körper zu zittern; der Schock, dachte er, das ist jetzt der Schock; er führte sie zu seinem Wagen, setzte sie auf den Beifahrersitz, stieg ein und ließ den Motor an. Er drehte die Heizung auf.

„Eine Decke habe ich leider nicht“, sagte er.

„Das macht nichts“, sagte sie, „machen Sie sich keine Umstände.“ Sie vermied es, ihn anzusehen, wurde ruhiger, erinnerte sich wohl an ihr übertriebenes „Danke-Danke!“; das war ihr jetzt peinlich, ein gutes Zeichen geistiger Gesundheit. Er betrachtete sie von der Seite, er durfte das unter den gegebenen Umständen, das war nicht aufdringlich, sondern Zeichen der Fürsorge. Ehe er losfuhr, musste er sich doch überzeugen, dass sie transportfähig war, nicht auf der Fahrt kollabierte oder so … sie war blass, aber normal blass, nicht leichenblass oder kalkweiß; er kannte sich aus, er hatte bei seinem Zivildienst als Sanitäter Leute in solchen Umständen gesehen, diese Blässe hier war in Ordnung.

Mittelgroß, braunes Haar, Anfang dreißig, höchstens. Aber nicht gut aussehend. Das überraschte ihn. Es gab in diesem Alter keine Frauen, die nicht gut aussahen. Es gab schöne Frauen und hässliche (sehr selten), aber keine nicht gut aussehenden. Das fiel ihm jetzt auf, als eine neben ihm saß. Was war das Kriterium? Ob ich, dachte er, mir vorstellen könnte, mit ihr ins Bett zu gehen. Das war die Definition von „gut aussehend“. Bei dieser hier nicht der Fall. Schmales Gesicht, große dunkle Augen und volle Lippen. Die Details nicht übel, jedes für sich betrachtet, hatte etwas Anziehendes, nur der Gesamteindruck stieß ihn ab; über allem der Eindruck von etwas Widerlichem, das nicht hergehörte; und nicht aus unglücklichem Zufall, sondern aus Absicht, als hätte man die Früchte eines Stillebens mit einer dünnen, eben noch wahrnehmbaren Dreckschicht überzogen.

Die Kleidung konnte er nicht zuordnen, dafür hatte er kein Auge; grüner Anorak über einem mausgrauen T-Shirt, ein blauer Rock und rote Sportschuhe. Die konnten teuer sein oder billig, das wusste er nicht, er besaß keine solchen Sachen, kannte die Codes nicht.

„Wohin soll ich Sie bringen?“, fragte er.

„Ich weiß nicht … machen Sie sich keine Mühe … ich sollte das melden … mit dem Auto …“ Sie suchte in der Handtasche herum. „Ich hab mein Handy verloren! Ich hab das Handy verloren!“ Sie begann zu schluchzen, blickte ihn von der Seite an, unterdrückte das Geräusch, während er in seinem Jackett nach Papiertaschentüchern suchte. Er gab ihr eines.

„Tut mir leid“, sagte er, „das mit dem Auto.“

„Das Handy hab ich verloren“, sagte sie, schüttelte den Kopf. Eine reichlich unangemessene Reaktion, ihr Auto weg, aber sie beklagte den Verlust des Handys, das war wohl irgendein psychischer Schutzmechanismus, über den er nichts wissen wollte.

„Ich bring Sie zur Polizei“, sagte er, ehe sie wieder mit dem Weinen anfangen konnte, „und dann heim. Wo wohnen Sie?“

„In Dornbirn, aber das ist viel zu weit, Sie müssen doch sicher …“

„Macht nichts“, sagte er, „ich hab Zeit.“ Draußen fuhr ein großer Mazda vorbei, schwenkte nach links und hielt am Straßenrand. Semmler startete den Motor.

„Wohin wollten Sie?“

„Nach Mellau zu meiner Schwester.“

„Sie hätten nicht fahren sollen unter diesen Umständen …“

„Ich hab nicht gedacht, dass es so schlimm wird … und jetzt kann ich sie nicht einmal anrufen …“

Semmler fuhr los.Aus dem Mazda fünfzig Meter vor ihm war ein Mann ausgestiegen, der in ihre Richtung blickte und winkte. Semmler hob die Hand, was man als Winken oder verscheuchen einer Fliege deuten konnte. Als sie an dem Wagen vorbei waren, sagte er: „Sie hätten sowieso keine Verbindung, bei dem Unwetter ist das ganze Mobilnetz zusammengebrochen.“

„Meine Schwester hat einen Festanschluss.“

„Dann rufen wir von der Polizei aus an.“

Im Rückspiegel sah er den Mann neben dem Mazda stehen und ihnen nachwinken. Ein Idiot.

© Zsolnay Verlag ©

Literaturangaben:
MÄHR, CHRISTIAN: Semmlers Deal. Matthes & Seitz Verlag 2008. 272 S., 19,90 €.

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