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„Zauberberg-Wanderung“

Marianne Rott führt den Leser auf Thomas-Mann-Wege durch Davos

© Die Berliner Literaturkritik, 05.02.10

Von Klaus Hammer

Im Sommer 2006 ist ein Bergwanderweg vom Waldhotel Davos zur Schatzalp als Thomas-Mann-Weg angelegt worden. Damit wurden die beiden „geschichtsträchtigsten“ Thomas-Mann-Stätten miteinander verbunden. Damals, als der Schriftsteller in Davos weilte, befanden sich im heutigen Waldhotel Davos das Waldsanatorium Professor Jessen und im heutigen Hotel „Schatzalp“ das Internationale Luxussanatorium Schatzalp. Sie waren der Schauplatz des „Zauberberges“ von Thomas Mann, der seit 1924 mittlerweile eine sagenhafte Auflagenhöhe erreicht hat. Zusätzlich wurden am Weg “literarische Stationen“ eingerichtet, Texttafeln mit Ausschnitten und Zitaten aus dem Roman angebracht.

Äußerst willkommen ist deshalb das Buch „Zauberberg-Wanderung“ von Marianne Rott, das sich an den Wanderer und Leser zugleich richtet, ihn durch die Landschaft führen will, in der Thomas Mann sich aufgehalten hat bzw. die er im Roman beschreibt, und ihn zugleich mit den wichtigsten Themen- und Problemkreisen bekannt machen möchte. Die Verfasserin, die von 2006 bis 2008 am Thomas-Mann-Projekt in Davos mitgearbeitet hat, eröffnet also einen Zugang zum Werk über den geographischen Raum, stellt einen Bezug zwischen der realen Landschaft und dem fiktiven Romankosmos her. Fotografien und Karten mit Skizzen und Markierungen lassen das Lesebuch auch zu einem praktikablen Wanderbuch werden. Wanderfreunde könnten so zu potentiellen Thomas-Mann-Lesern werden, aber auch Thomas-Mann-Freunden, selbst Spezialisten, würden sich neue Blickweisen auf das Werk eröffnen. Denn beide Rezipientenkreise werden hier gleichermaßen angesprochen und bedient.

1912 hatte sich Katja Mann im „Waldsanatorium“ in Davos Platz in Begleitung ihres Mannes aufgehalten. Hier war der Plan einer Novelle entstanden, in der schon die Hörselbergidee und die als Memoiren ausgegebenen „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, an denen der Autor 1910-1913 schrieb, Verwendung finden sollten. Die Novelle sollte in der Vorkriegsepoche des Ersten Weltkrieges 1907-1914 angesiedelt sein und den Sanatoriumsalltag als Hintergrund haben: Wie sich die Tuberkulosekranken dort oben, in ihrem luxuriösen „Lebens-Ersatz“ gefangen, binnen kurzem dem „wirklichen aktiven Leben vollkommen entfremdet“ hatten.

Anfangs sollte die Novelle „Der verzauberte Berg“ heißen und so thematisch den Hörselberg, also den Hexenplatz und Geisterberg bei Eisenach, mit dem Kurort Davos verbinden. Auch für einzelne Figuren hatte Thomas Mann bereits deren authentisches Konterfei vor Augen. Clawdia Chauchat sollte ihr Vorbild in einer ungewöhnlichen Frau, der Deutschrussin Lou Andreas-Salomé, und Hofrat Behrends in Professor Jessen, einer wahrhaften Charonsgestalt, haben. Die beiden Ärzte des Sanatoriums, Behrends und Krokowski, sollten als „Agenten des Todes“ erscheinen.

Die kleine Satire, als „Satyrspiel zu der novellistischen Tragödie der Entwürdigung“, also zu „Der Tod in Venedig“, gedacht, dehnte sich nun aber in ihrer Entstehungszeit immer weiter aus. Vom ersten Plan im Juni 1912 bis zur Beendigung des Romans „Der Zauberberg“ vergingen genau zwölf Jahre. Allerdings hat der Autor nicht die ganze Zeit über an dem Buch geschrieben. Es entstand in zwei Abschnitten, von Juli 1913 bis Oktober 1915 und von Mai 1919 bis September 1924, unterbrochen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der dem Buch aber die entscheidende thematische Erweiterung brachte und den Schlusspunkt setzte.

Es sind also sieben intensive Arbeitsjahre, die den sieben Jahren entsprechen, die sein Held Hans Castorp im „Zauberberg“ zubrachte. Der autobiographische Anlass der Geschichte – Thomas Manns Besuch bei seiner Frau Katja 1912 in Davos – wurde jedoch zum Ausgang des Romans. So hat der Autor später den Studenten in Princeton erklärt: „Wenn Sie das Kapitel am Anfang des ‚Zauberberg’ lesen, das ‚Ankunft’ überschrieben ist, wo der Gast Hans Castorp mit seinem kranken Vetter Ziemßen im Restaurant des Sanatoriums zu Abend speist und nicht nur die ersten Kostproben der vorzüglichen Berghof-Küche, sondern auch von der Atmosphäre des Ortes und dem Leben ‚bei uns hier oben’ empfängt - wenn  Sie dieses Kapitel lesen, so haben Sie eine ziemlich genaue Beschreibung unseres Wiedersehens in dieser Sphäre und meiner eigenen wunderlichen Eindrücke von damals“.

In sieben Kapiteln führt Marianne Rott den Leser zu zehn lokalen und literarischen Stationen. Diese umfassen die örtlichen und personalen Vorlagen des Romans, die Themenkreise „Zeit“ („Historische Zeit“, „Reine Zeit“) „Humanismus“, „Leben“ („Was war das Leben?“, „Zwei Wege zum Leben“), der „Schneesturm“ („Geheimer“ Schauplatz des „Schneeabenteuers“, der Kerngedanke), die Intention des Romans (Schaffung einer „neuen Humanität“) und einen Exkurs zum „Lieblingsplatz Hans Castorps“ am Schiabach. Für die Verfasserin stellt sich „Der Zauberberg“ – anknüpfend an den neuesten Forschungsstand - einmal als Parodie des traditionellen Bildungsromans und zum anderen als Zeitroman „in doppeltem Sinne“ dar.

Es geht nicht nur um die „reine Zeit selbst“, sondern auch um das innere Bild der europäischen Vorkriegszeit. Zugleich folgt sie Helmut Koopmanns Bezeichnung des „Zauberberges“ als „Deutungsroman“, als „philosophischen Roman“, der eine „bestimmte Wendung und Wandlung“ Hans Castorps aufzeigt und in diesen Erkenntnisprozess den Leser mit einbezieht. In der Tat ist „Der Zauberberg“ einerseits ein Zeitroman, der die geistige Lage der europäischen Vorkriegszeit vor dem Ersten Weltkrieg in Form vor allem von Diskussionen zwischen den Protagonisten des Romans und Reflexionen des Erzählers seziert. Aber andererseits besitzt er auch Elemente eines klassischen Bildungsromans, der seinen jungen Helden Hans Castorp in Auseinandersetzung mit geistigen Gehalten einen eigenen tragfähigen humanistischen Standpunkt suchen lässt, und er behandelt gewissermaßen philosophisch das Wesen der Zeit, das im Roman in der im Gegensatz zur bürgerlichen Arbeitswelt und ihren Zeiteinteilungen stehenden unwirklichen und zeitlosen Atmosphäre der Bergwelt des Davoser Sanatoriums verhandelt wird.

Das innere Bild der Vorkriegsepoche entwickelt Thomas Mann an Hand der Handlungs- und Verhaltensweisen der Patienten des „Berghofes“ und der dort vorherrschenden Atmosphäre. Dagegen kommen die politischen Auffassungen und Staatsideen der beiden Konkurrenten Settembrini und Naphta, die das Staatensystem Europas nach dem Ersten Weltkrieg widerspiegeln, im Roman nur auf der fiktionalen Ebene der Disputation zum Ausdruck. Hans Castorp ist also dazu ausersehen, in dem Ost-West-Antagonismus das versöhnende Element zu bilden, verbindend und humanitär zu wirken. Dabei erfährt er wesentliche Impulse durch die schöne Russin Clawdia Chauchat, die das „mähnschlich“-erotische Prinzip verkörpert, das einer bestimmten Idee zum Leben verhilft.

Kennzeichnend für die Behandlung des Grundthemas „Zeit“ im Roman sind zwei verschiedene Formen des Zeitverständnisses, einmal als Kreisform und damit als Ruhe und Stillstand, als beständige Wiederholung des Damals im Jetzt, und zum anderen als Aktivität und Zielstrebigkeit, als Ausrichtung auf ein bestimmtes Ziel hin.

Der Humanist Settembrini, der – wie sein Gegner Naphta – nur abstrakt existiert, leidet latent an der Ohnmacht seiner Praxisferne. Sein Dasein ist bestimmt von der unerfüllten Sehnsucht nach Leben. Der Frage nach Leben kommt aber im Roman eine zentrale Bedeutung zu. Zweimal kann diese Frage nicht beantwortet werden. Erst beim dritten Anlauf identifiziert Thomas Mann das „Leben“ im molekularbiologischen Sinne als „Wärme“. Das Leben befindet und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen den beiden Polen von „Geist und Materie“. Die Übertragung des biologischen Prinzips der Steigerung auf dem Lebensweg eines Menschen erfordert jedoch im Leben jedes einzelnen die Einbeziehung von Krankheit und Tod als Läuterungsprozess. Denn erst durch die empirische Konfrontation und die gedankliche Auseinandersetzung mit diesen beiden Phänomenen kann eine bewusste Steigerung des Lebens erzielt werden.

Im berühmten Schnee-Kapitel, hoch oben über Davos, in der Einsamkeit von Kälte und Schnee und in der Grenzerfahrung des Todes, gewinnt Hans Castorp die entscheidende Erkenntnis über das Leben: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“. Dieses Wort, sein „Traumwort“, ist seine eigentliche Stärkung und Befreiung. Auch als der „Donnerschlag“ des Ersten Weltkriegs ertönt, „der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer (Hans Castorp) unsanft vor seine Tore setzt“, und es höchst ungewiss ist, ob Castorp diesen Totentanz überleben wird, bleibt diese Botschaft, die der Erzähler dem Leser übermittelt, gültig, während er die am Ende gestellte Frage offen lässt: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“

Dieses kundige Vademekum von Marianne Rott, ihre Spurensuche in der Landschaft von Davos wie in der fiktiven Welt des Romans, ist ebenso kurzweilig wie anspruchsvoll geschrieben. Es ersetzt aber nicht  das jeweils eigene Leseabenteuer mit dem „Zauberberg“.

 

Literaturangabe:

ROTT, MARIANNE: Zauberberg-Wanderung. Vom Waldhotel Davos zum Thomas-Mann-Platz auf der Schatzalp. Literarische Stationen auf dem Thomas-Mann-Weg. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2009. 148 S., mit 22 S/W und 44 farbigen Fotos und 9 Karten, 19,80 €.

Weblink:

Verlag Königshausen & Neumann

 

 


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