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Wir amüsieren uns zu Tode

Der Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace

© Die Berliner Literaturkritik, 02.09.09

Von Thomas Strünkelnberg

Man möchte verzweifeln: Was gibt es nicht alles für weise Lehren von der Mühe, die sich lohne und der Lektüre, die jede Anstrengung wert sei. Doch dann kommt ein Trumm von einem Buch daher, dessen Titel „Unendlicher Spaß“ kaum die unendliche Mühe zu versüßen vermag, die allein der Umfang von mehr als 1600 Seiten mit sich bringt. Ganz zu schweigen von der Vorliebe des Autors für fast irrwitzig verschachtelte Sätze und eine ebensolche Story. Wo ist denn da der Spaß? Und doch ist „Infinite Jest“ von David Foster Wallace seit der Erstveröffentlichung 1996 ein Kultroman und das nicht erst seit sich der damals 46 Jahre alte Schriftsteller am 12. September 2008 nach jahrelangen Depressionen erhängte. Wer das Buch liest, wird mit dem tragischen Ende des Mannes beginnen müssen: „Es ist etwas besonders Trauriges daran“, sagte Wallace einmal über das Leben im Amerika.

Wallace hält uns den Spiegel vor. „Unendlicher Spaß“ - der Titel ist ein Shakespeare-Zitat - ist ein Buch über die Einsamkeit des Einzelnen in der Gesellschaft, der mit Zerstreuungen jeder Art, aber auch Sucht und Besessenheit dagegen kämpft, sie zu verdrängen versucht und scheitert. Und nun kommt, begleitet von einem gewaltigen publizistischen Echo, die Übersetzung dieses seltsamen und einzigartigen Romans. Sechs Jahre lang saß Übersetzer Ulrich Blumenbach an der deutschen Fassung, allein die Rohübersetzung eines einzigen, allerdings bandwurmlangen Satzes dauerte einen ganzen Tag, wie Blumenbach im Zusatzmaterial erklärt.

Überhaupt, das Zusatzmaterial: Wem es noch nicht klar war, dem verdeutlicht dort der Schriftsteller Jonathan Franzen, mit welcher Art von Buch und Autor man es zu tun hat: „Er besaß die eindrucksvollste, die erregendste, die erfindungsreichste rhetorische Virtuosität aller lebenden Schriftsteller.“ Wallace mit seinem schwarzen Humor, seiner überbordenden Fantasie und der irrlichternden Sprachflut galt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Amerikas und seit „Infinite Jest“ als Superstar. Das heißt aber nicht, dass er es dem Leser leicht macht - trotz einer Flut absurder Witze.

„Unendlicher Spaß“ spielt in einer zur Zeit der Niederschrift nahen Zukunft, die ironischer-, aber auch zufälligerweise ungefähr dem Jahr 2009 entspricht. Man lebt in einem Staatenbund, der sich „Organization of North American Nations“ kurz „O.N.A.N.“ nennt und aus den USA, Kanada und Mexiko besteht. Aus Teilen der Ostküste vor allem Kanadas wurde eine Giftmülldeponie. Unsere Zeitrechnung existiert nicht mehr; man hat die Sponsorenzeit, die Konzerne von der Regierung kaufen und nach Produkten benennen: Das „Jahr des Whoppers“ oder gar das „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“, das übrigens 2009 entspricht. Diese Welt leidet unter Terroristen vor allem aus Québec, die die Unabhängigkeit erzwingen wollen. Die gefährlichsten Terroristen sind die „Assassins des Fauteuils Rollents“ die Rollstuhlattentäter.

Im Mittelpunkt steht das Leben an einer Tennisakademie. Einer der hochbegabten Schüler ist Hal Incandenza, der wie alle anderen dort ein völlig normales Drogenproblem hat und sich zum Kiffen in albtraumhafte Tunnel unter der Akademie verzieht - der scheinbar einzige Ausweg aus Leistungsdruck und Einsamkeit. Hal ist ein Alter Ego von David Foster Wallace, der selbst ein vielversprechendes Tennistalent war und ebenfalls Wörterbücher verschlang. Die Akademie wurde von Hals Vater James Incandenza gegründet, der dann postmoderne Filme drehte und schließlich Selbstmord beging, indem er den Kopf in eine Mikrowelle steckte. Als letzte Arbeit hinterließ er den Film mit dem Titel „Unendlicher Spaß“, der so großartig sein soll, dass jeder, der ihn sieht, in eine Art Entertainment-Koma fällt.

Während manche Technik-Vision des Autors etwas unbeholfen und gemessen an unserer Internet- und iPhone-Welt überholt wirkt, ist die implizite Frage, ob man sich das alles antun muss, das Sich-Verschwenden an Zerstreuungen aller Art, brennend aktuell. Ein wesentliches Element in dem Buch, dessen Hauptfiguren allesamt gestört scheinen, sind Beschreibungen von Depressionen: „Es ist eher Grauen als Traurigkeit“, sagt eine Patientin. Eindrucksvoll und manchmal beklemmend sind die gefürchteten langen Sätze: Wenn ein Einbrecher in das Haus eines Kanadiers eindringt und den Mann fesselt und knebelt, der ihm, weil er nur Französisch spricht und der Einbrecher nur Englisch, nicht klarmachen kann, warum er den erkälteten Mann besser nicht knebeln sollte, dann geschieht dies in einem eineinhalb Seiten langen, vielfach verzweigten Satz, an dessen Ende der Mann erstickt. Und als Leser holt man tief Luft.

Es ist verblüffend, was Wallace alles in seinen Roman hineinpackt, der in einem einzigen Werk gleich mehrere Gattungen umfasst vom Entwicklungsroman über Familiensaga, Science-Fiction-Komödie und Sport- und Drogenreportage bis zum Agententhriller. Doch was immer es ist, eines steht wohl fest: Auch wenn der Autor seine Fangemeinde hat, wird der Roman angesichts seiner Komplexität vermutlich eines der großen ungelesenen Werke bleiben.

Literaturangabe:

WALLACE, DAVID FOSTER: Unendlicher Spaß. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 1648 S., 39,95 €.

Weblink:

Kiepenheuer & Witsch


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