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Zum Todestag von Thomas Bernhard: Aufführung im Wiener Burgtheater

Die Premiere des Stücks „Der Schein trügt“ wurde kein Publikumserfolg

© Die Berliner Literaturkritik, 05.01.09

 

Von Michael Krassnitzer

WIEN (BLK) – „Durch die selbe Brille, durch welche ich Voltaire lese, sehe ich meine Zehennägel“; „Am Ende fällt alles der Lächerlichkeit anheim“; „Schauspieler haben keinerlei Phantasie“: Wenn Sätze wie diese auf der Theaterbühne gesprochen werden, dann steht zweifellos Thomas Bernhard auf dem Spielplan. Kurz vor dem 20. Todestag des Schriftstellers im Februar dieses Jahres hat das Wiener Burgtheater dessen Stück „Der Schein trügt“ ins Programm genommen. Die Premiere am Samstagabend wurde vom Publikum mit kurzem, freundlichem Applaus bedacht.

In dem Zwei-Personen-Stück geht es um zwei alte Männer. Der ehemalige Artist Karl (Martin Schwab) und der frühere Schauspieler Robert (Michael König) sind Brüder. Seit Jahrzehnten treffen sie sich jeden Dienstag und jeden Donnerstag und vollziehen einen Ritus von gegenseitigen Vorhaltungen, Sticheleien und Missachtungen. Karl nervt seinen Bruder mit endlosen Monologen und quält den Brahms-Liebhaber mit Schönberg-Musik. Robert wiederum deutet immer wieder an, er habe ein Verhältnis mit Karls Lebensgefährtin Mathilde gehabt. Neben allerlei Schöngeistigem und Banalem ist vor allem diese kürzlich verstorbene Frau Gesprächsthema der ungleichen Brüder.

Mathilde, gewissermaßen die dritte Figur in dem 1984 am Schauspielhaus Bochum uraufgeführten Stück, ist nur in den Dialogen der beiden Alten präsent. Es handelt sich um eine typische Bernhard-Frauenfigur: Aus einfachen Verhältnissen stammend („Lebensmittelhändlersmentalität“), wurde sie erst von Karl in die Welt des Geistigen eingeführt. Auch Karl entspricht mit seinen zynischen, ausufernden Selbstgesprächen ganz den bekannten Bernhard-Charakteren. In der Verkörperung durch Martin Schwab strahlt diese Figur wenig Boshaftigkeit aus.

Der deutsche Regisseur Nicolas Brieger hält sich präzise an die Regieanweisungen Thomas Bernhards im Buch. Die Bühne (Mathias Fischer-Dieskau) ist in zwei Sphären geteilt: Vorn liegt die Wohnung des Artisten Karl, deren Einrichtung kulissenhaft gestaltet ist. In der Wand öffnet sich ein großer Rahmen, in dem sich später das mit eleganten Fauteuils eingerichtete Heim des Schauspielers Robert befindet. Zwischen den einzelnen Szenen wird der Bilderrahmen zum Bildschirm und zeigt die flache Linie eines Elektrokardiogramms. Dazu ist ein regelmäßiger Piepston zu hören. Am Ende der Aufführung erstirbt dieser Ton.

In den ersten Minuten der Aufführung reagierte das Publikum auf beinahe jeden Satz mit Gelächter. Bald jedoch wurde es ruhig im Zuschauerraum. Gelacht wurde nur noch bei typischen Bernhard-Sentenzen wie „Kochte gut, nähte schlecht“ oder „Im Alter habe ich die Alten nicht mehr so gut gespielt“. Mehrere Zuschauer verließen die Premiere vorzeitig.


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