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Zurück ins Leben

Das Debüt von Alicia Bessette

© Die Berliner Literaturkritik, 06.12.10

FRANKFURT (BLK) – Der Roman „Weiß der Himmel von dir“ von Alicia Bessette ist in zweiter Auflage im Juli 2010 im Krüger Verlag erschienen. Er wurde von Andrea Fischer aus dem Amerikanischen übersetzt.

Klappentext: Zell und Nick waren zum Heulen glücklich: Skifahren, bis das Gesicht einfriert, Tanzen im Wohnzimmer, nächtliche Rennen mit ihrem Windhund Captain Ahab. Und eine ganze Fußballmannschaft an Kindern wollten sie haben. Dann verunglückt Nick, als er nach dem Hurrikan „Katrina“ den Menschen in New Orleans beim Wiederaufbau hilft. Zell zieht sich völlig zurück, spricht nur noch mit ihrem Hund und hört alte Soul-Schlager auf einem kratzigen Plattenspieler. Erst mit Hilfe ihrer Freunde und ihres kleinen Nachbarsmädchen, mit dem sie am Wettbewerb einer Fernsehköchin teilnimmt, kommt das Leben langsam zurück. Manchmal braucht es eben eine ganze Stadt, um Trauer in Zukunft zu verwandeln …

Alicia Bessette wurde 1975 geboren und wuchs in Massachusetts auf. Sie studierte an der La Salle University in Philadelphia, wo sie Ihren Abschluss machte. Heute lehrt sie Yoga, gibt als Pianistin und Komponistin vielerorts Konzerte und hat mehrere CDs veröffentlicht. Sie arbeitet als Reporterin und Journalistin. Ihr Debütroman „Weiß der Himmel von dir“ erschien in vielen Ländern auf der ganzen Welt. Zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Matthew Quick lebt Alicia Bessette in der Nähe von Philadelphia.

Leseprobe:

©Krüger Verlag©

Am Dienstagnachmittag, es ist schon dunkel, komme ich aus dem Lebensmittelladen, ausgerüstet mit Mehl, Backnatron und Backpulver. Backpulver ist Backpower.

Die Alte Küchenhexe kann mir gestohlen bleiben, ich werde diesen Wettbewerb gewinnen! Gladys Knight and the Pips: aufgelegt. Tarnschürze: umgebunden. Leerer Ofen: vorgeheizt. Und mein Greyhound Ahab ist da, lehnt am Küchenhocker, blinzelt mir mit dem Augenklappen-Auge zu.

In der großen Schüssel vermische ich Zucker, Ei und Vanillearoma. Ich gebe Butter, eine Handvoll Mehl und drei Beutelchen Instantkakao dazu. Dann zerdrücke ich eine Banane und vier kleine Milky-Way-Riegel, übrig geblieben von Halloween, und menge alles unter. Zum Schluss streue ich etwas Backnatron und Backpower hinein. Immer schön umrühren.

Ein Backblech einfetten. Den Teig nach dem Zufallsprinzip in kleinen Häufchen auf dem Backblech verteilen. Uhr stellen.

Meine alte Hauswirtschaftslehrerin, auch genannt „die Küchenhexe“, wäre nicht zufrieden. Ich sehe sie vor mir, wie sie mich über ihre Lesebrille finster anstarrt, wie ich mich auf den Boden setze, die Augen schließe und mit den Fingern schnippe wie die Pips. Ahab legt mir seine Schnauze auf den Kopf, und ich kraule seinen Hals. Ich singe mit: „Why don’t you – make me the woman you go home to – and not the one that’s left to cry and die?“

Ahab lässt sich ächzend neben mir nieder und legt den Kopf auf meinen Oberschenkel. Ich reiße ein Mini-Milky-Way auf, beiße ein Stück ab und biete Ahab den Rest an. Er frisst es im Liegen, auf der Seite, macht sich nicht mal die Mühe, den Kopf zu heben.

Das Fenster über der Spüle rahmt den Mount Wippamunk ein. Ich betrachte ihn versonnen, als mich ein Erinnerungsflash überfällt. Ich gebe ihm nach und lasse mich forttragen: Nick als Schüler im Sessellift von Mount Wippamunk. Sein linker Stiefel baumelte über seinem Snowboard. Er schmetterte „Welcome to the Jungle“, seine Stimme vibrierte in meinem Rücken. Im Sessel hinter uns bewarf France – sechs oder sieben Jahre, bevor sie Polizistin wurde – Nicks Hinterkopf mit einem Schneeball, den sie aus den Eisstücken an ihrem Sicherheitsbügel geformt hatte. „Halt’s Maul, du Spinner!“, rief sie.

Nick drehte sich um und grinste sie unter seinen buschigen Augenbrauen an. Nicks berühmtes breites Grinsen.

Sofort kommt der nächste Erinnerungsflash zum Thema Ski: Vor zwei Jahren machten Nick und ich es uns in der Skihütte von Mount Wippamunk vor einem mit Holz betriebenen Brennofen gemütlich. Unsere triefendnassen Jacken und Hosen hingen an Haken an der Wand. Regen peitschte gegen die Fenster. Doch das schlechte Wetter war uns egal; wir hatten einige nette Abfahrten gehabt.

Vorsichtig trank Nick dampfenden Cider aus einem Styroporbecher.  Er trug einen abgetragenen Wollpullover, den er schon seit der Highschool besaß.

„Das ist die Wirklichkeit, das Hier und Jetzt“, flüsterte er. Seine heiße Hand versank in meinem strähnigen aufgeheizten Haar. Seine hellbraunen Wimpern flatterten. Sein Atem war schläfrig, pfiff mal lauter, mal leiser. „Irgendwann werden wir so sein wie die da“, sagte er und wies mit seinem Becher auf eine Skifahrerfamilie aus Holz: lebensgroße Figuren von Mutter,Vater und zwei Kindern, die sich am Sessellift anstellen. In ihren Gesichtern spiegelt sich die Vorfreude auf die erste Abfahrt der Saison.

„So werden wir bald aussehen, wenn diese komische Sache mit deinem Herzen geklärt ist“, sagte Nick. Er betrachtete die glückliche Familie aus Holz. „Dann fangen wir mit unserer eigenen Familie an. Nur dass wir mehr als zwei Kinder haben werden. Wir machen uns eine ganze Fußballmannschaft von Kindern.“

„Wie viele wären das?“

„Neun plus du und ich, dann sind wir elf.“

„Neun Kinder?“

„Klar.“

„Soso, klar.“

Die Uhr klingelt. Die Gegenwart, das Hier und Jetzt. Auf dem Boden sitzend öffne ich die Ofentür. Meine Bananen- Milky-Way-Kekse bilden eine große klebrige Masse, die dem ausgelaufenen Gehirn eines riesigen Säugetiers gleicht. Sie tropft auf den Innenboden des Ofens. Zisch!

Erst fackele ich mit meinen Erdnussbutterplätzchen fast das Haus ab, dann bringe ich diesen blubbernden, unessbaren Haufen zustande. Ich denke an die Fernsehköchin Polly Pinch auf dem Cover ihres Koch-Magazins Eine Prise Liebe mit den glücklichen Teenies um sie herum. Polly bringt die ganze Welt zusammen mit einem Lächeln und einem Napfkuchen.

Und ich kriege überhaupt nichts gebacken. Nick wollte neun Kinder mit mir, aber ich kann noch nicht mal einen Backofen bedienen oder einen einzigen stinknormalen Keksbacken. In meiner Brust entsteht ein Loch aus Scham und Einsamkeit. Ich bin der unförmige Kloß, den ich produziert habe, ein zitterndes, unidentifi zierbares Häufchen Elend.

„Wie kann man es schaffen, sein ganzes Leben lang nie was zu kochen oder backen, Capt’n?“, frage ich Ahab. „Nicht ein einziges Mal?“

Ahab hebt den Kopf und sieht zu, wie ich aufstehe. Ich wickele mir ein Geschirrtuch um die Hand und ziehe das schwere Backblech heraus. Es klappert, als ich es auf den Herd stelle.

„Wie konnte Nick das ertragen? Wie konnte er mich bloß ertragen?“ Eine Träne fällt auf die riesige, halbgare Masse. Und dann bricht es aus mir heraus, dicke heiße Tränen auf meinen Wangen und dem Kinn, in den Haarspitzen und auf der Schürze. Sogar auf Ahabs Kopf, als er sich gegen mein Bein lehnt.

Es klingelt an der Tür. Rrring!

„Mist.“ Mit einem Zipfel der Schürze tupfe ich mir die Augen trocken. Ich beschließe, die Klingel zu überhören, bis der Besucher aufgibt und verschwindet.

Rrrrrring!

Kacke.

 ©Krüger Verlag©

Literaturangabe:

BESSETTE, ALICIA: Weiß der Himmel von dir. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Andrea Fischer. 2. Auflage, Krüger Verlag, Frankfurt a. Main 2010. 368 S., 16,95 €.

 

Weblink:

Krüger Verlag


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