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Zwischen Hörsaal und Prostitution

„Mein teures Studium“ von Laura D.

© Die Berliner Literaturkritik, 12.09.08

 

MÜNCHEN(BLK) – Der Erfahrungsbericht „Mein teures Studium. Studentin, 19 Jahre, Nebenjob: Prostituierte“ von Laura D. erscheint im September 2008 im Bertelsmann Verlag.

Klappentext: Nur ein einziges Mal, schwört sich die 19jährige Studentin Laura: Als ihr finanziell das Wasser bis zum Hals steht, lässt sie sich auf das Internet-Angebot eines „reifen“ Mannes ein. Das leicht verdiente Geld ist verlockend; Laura gleitet in ein Doppelleben zwischen Hörsaal und Prostitution ab. Scham und Angst werden zu alltäglichen Begleitern. Als sie einem Kunden im normalen Leben begegnet, gerät sie in Panik und ihr gelingt der Absprung. Laura D. bricht mit einem Tabu. Eine ganz normale junge Frau erzählt ungeschminkt, wie sie ihren Körper verkauft. Etwa 40.000 Studentinnen prostituieren sich in Frankreich. Auch in Deutschland geht man davon aus, dass Studentenprostitution längst kein Einzelfall mehr ist. Das erste Bekenntnis eines studentischen „Escort-Girls“

Laura D., geboren 1988, wurde durch eine Anzeige ermutigt, von ihren Erfahrungen zu berichten: Die Soziologin Eva Clouet suchte für ihre Diplomarbeit über Studentenprostitution nach Betroffenen. Ihre Ergebnisse hat Clouet in ihrem Nachwort zu „Mein teures Studium“ zusammengefasst. Lauras Tagebuch sorgte in Frankreich, aber auch international für enorme Aufregung. Das Buch sprang sofort nach Erscheinen auf die Bestsellerliste. (bah)

 

Leseprobe:

© Bertelsmann Verlag©

Der Bescheid

4. September 2006

Ich schlendere über den Uni-Campus von V. Heute ist kein gewöhnlicher Tag, denn ich schreibe mich für LEA (Langues Étrangères Appliquées), für Angewandte Fremdsprachen, Spanisch und Italienisch, ein.

Vor zwei Wochen habe ich die schriftliche Aufforderung erhalten, ich müsse unbedingt um 14 Uhr 30 im Sekretariat der Universität erscheinen, dort meine Unterlagen abgeben und meinen Studentenausweis entgegennehmen. Ich war ungeheuer aufgeregt und habe eilig alle nötigen Papiere zusammengesucht. Es ist viel Papierkram, doch ich habe es geschafft. Am tollsten war es, das Abiturzeugnis dazuzulegen, denn es symbolisiert sehr konkret das Ende eines Lebensabschnitts. Ich bin auch rasch zur Metrostation gelaufen, um Fotos zu machen. Ich setzte ein breites Lächeln auf, das Lächeln einer Siegerin. Als ich an diesem Morgen aufstand, habe ich mir, weil ich pünktlich in der Universität sein wollte, die Metroverbindung genau angesehen. Ich wollte keinesfalls die Einschreibung versäumen. Ich habe sogar die öffentliche Verkehrsgesellschaft betrogen, da ich nicht genügend Geld für den Fahrschein hatte. Ich habe mir geschworen, es das Jahr über nicht mehr zu tun und mir eine Dauerkarte zu kaufen, auch wenn sie horrend teuer ist. Ich war fest davon überzeugt, dass die Universität vieles in meinem Leben ändern würde.

In der Metro hielt es mich nicht auf meinem Platz, ich war zu aufgeregt bei dem Gedanken, den Ort kennenzulernen, wo ich studieren und viel Zeit verbringen würde. Mein Walkman, dessen Stöpsel ich normalerweise immer in den Ohren habe, konnte meine Erregung nicht bremsen. Ich vergewisserte mich sogar dreimal, dass ich wirklich alle Unterlagen für die Einschreibung dabeihatte. Ich wollte auf keinen Fall dort ankommen und mir anhören müssen: „Tut mir leid, Mademoiselle, Ihre Unterlagen sind nicht vollständig, Sie können Ihren Studentenausweis nicht bekommen. Sie müssen noch mal wiederkommen“. Nein, Studentin würde ich heute und an keinem anderen Tag.

Ich war so nervös, dass ich fast meine Haltestelle verpasst hätte. Im letzten Moment haben mich die fröhlichen Stimmen einiger Jugendlicher aus meinen Träumereien geweckt. Als sie sich gegenseitig hinausschubsten, erinnerte ich mich, dass auch ich hier aussteigen musste. Ich werde mich an meinen neuen Status gewöhnen müssen: Ich bin jetzt Studentin und keine Schülerin mehr. Ich bin achtzehneinhalb.

Punkt 14 Uhr kam ich auf dem Campus an. Da ich, als ich aus der Metro stieg, nicht genau wusste, wo ich hinmusste, folgte ich einer Gruppe Studenten. Mir blieb noch etwas Zeit, also spazierte ich herum, um mich mit dem Ort vertraut zu machen.

Ich schaue auf einem Plan am Metroausgang nach, wo genau ich mich befinde, damit ich mich nicht verlaufe. Der Campus ähnelt einem richtigen Dorf. Es gibt sogar Schilder, die den Weg zu den verschiedenen Gebäuden weisen. Auf dem Plan mache ich meinen zukünftigen Studienort ausfindig: „Geisteswissenschaften, Gebäude F“. Gebäude F, das ist also mein Standort für dieses Jahr. Ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen, wie ein alter Hase die Stufen hinauf- und hinunterzugehen und zu wissen, welche Abkürzung man nimmt, um zu ihm zu gelangen. Ich kann es kaum erwarten, zu dieser Welt zu gehören.

Ich beschließe, einen schnellen Blick zu riskieren, ehe ich mich einschreibe. Ich kann unmöglich wieder nach Hause fahren, ohne gesehen zu haben, wo ich mich im Laufe der nächsten drei Jahre auf meinen Abschluss vorbereiten werde. Als ich davorstehe, muss ich wegen der Septembersonne, einem Nachklang des Sommers, blinzeln. Der Bau ist eher banal, doch das ist mir egal. Heute ist er in meinen Augen gleichbedeutend mit Zukunft.

Ich gebe zu, ich habe mich ein bisschen aus Trotz für das Sprachenstudium entschieden. Ich wollte etwas in Richtung Marketing machen und auf eine Schule gehen, die mir eine erstklassige Ausbildung böte. Ich war immer schon sehr dynamisch und übernehme gerne Verantwortung. Es gefällt mir, dauernd unter Druck zu stehen und mich der Herausforderung zu stellen, die das Verkaufen mit sich bringt. Ich glaube, ich wollte auch so schnell wie möglich eine klare Vorstellung von der Arbeitswelt haben. Ich wollte, dass man mich bestmöglich auf meinen zukünftigen Beruf vorbereitet. Ich suchte den totalen Bruch zum Schülerdasein, das mir wegen seines Protektionismus und der Kindereien eine Last war. Und, seien wir ehrlich, nach einer Wirtschaftsschule eine Arbeit zu finden erweist sich oft als sehr viel einfacher als mit einem Universitätsabschluss. Und zudem noch eine Arbeit, die gut bezahlt ist.

Doch dieser Traum ist im Augenblick unerreichbar. Die Schulen sind viel zu teuer für mich. Und einen Kredit aufzunehmen bedeutet, eine Verpflichtung auf mehrere Jahre hinaus einzugehen, und das kann ich mir nicht erlauben. Im Grunde bezweifle ich ohnehin, dass er mir gewährt worden wäre. Abgesehen von einer vollständigen Tilgung hätte ich nicht einmal eine kleine monatliche Rate zahlen können. Also habe ich diesen Gedanken aufgegeben, um mich nun aus strategischen Gründen in das Sprachenstudium zu stürzen. Ich bin überzeugt, dass ich nach meinem Examen in Spanisch und Italienisch immer noch auf eine Wirtschaftsschule gehen kann, wo es unerlässlich ist, Sprachen zu beherrschen. Außerdem hat Lateinamerika in den letzten Jahren einen beträchtlichen Wirtschaftsaufschwung zu verzeichnen, mit meinem Spanisch und Italienisch werde ich demnach gut aufgestellt sein. Vielleicht kann ich mit diesem kulturellen Rüstzeug alle anderen überholen?

Vor dem Gebäude F habe ich den Kopf noch voller Träume.

Man muss mich nicht bedauern, ich hatte immer etwas anzuziehen und genügend zu essen. Aber Wohlstand und finanzielle Sorglosigkeit kenne ich nicht. Mein Vater ist Arbeiter und meine Mutter Krankenschwester. Beide verdienen genau den staatlichen Mindestlohn SMIC, und davon ziehen sie zwei Kinder groß. Es ist gerade genug, um einigermaßen zurechtzukommen, für Rücklagen hat es nie gereicht. Ich habe kein Anrecht auf Ausbildungsförderung, denn ich gehöre zu den unzähligen Studenten, die sich in der fatalen Spanne befinden: weit entfernt von dem, was man als wohlhabend bezeichnen kann, und nicht arm genug, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Nach der Addition der beiden Familieneinkommen urteilt der Staat, dass meine Eltern in der Lage sind, für meinen Unterhalt aufzukommen. Es gibt keinen Ausweg: Ich muss mich mit dem zufriedengeben, was wir haben. Ich beende meinen kleinen Rundgang, denn ich möchte wirklich pünktlich im Sekretariat erscheinen. Ich kann es nicht mehr erwarten, ich will meinen Studentenausweis in Händen halten. Ich laufe beinahe.

Dort angekommen, stehe ich vor eine Menschenschlange, die bis draußen vor das Gebäude reicht. Ich Neuling gedulde mich brav. Aber es hieß doch, unbedingt um 14 Uhr 30. Hier habe ich den ersten Eindruck vom Studentenleben, das sich oft darauf beschränkt, stundenlang vor den Schaltern der Verwaltung zu warten. Als ich auf die Schlange zugehe, stürzen sich zwei Mädchen, herausgeputzt mit verschiedenfarbigen T-Shirts, buchstäblich auf mich.

„Hallo, bist du im ersten Semester?“

„Ja, und du?“, frage ich mit einem eher überraschten Lächeln.

Eines der Mädchen schaut mich merkwürdig an. Das ist nicht die Antwort, die sie erwartet, und offensichtlich hat sie nicht vor, mit mir ein Gespräch anzufangen. Doch rasch lächelt auch sie: Ich bin eine leichte Beute.

Sie sind nur aus einem einzigen Grund auf mich zugekommen, sie wollen mich für eine studentische Sozialversicherung werben. Ihren Worten entnehme ich schnell, dass sie diesen Job machen, bevor die Vorlesungen wieder anfangen, und auf Provisionsbasis bezahlt werden. Sie stehen sichtlich in Konkurrenz zueinander, also im Krieg, denn auch wenn sie nicht heftig werden, schneiden sie sich immer gegenseitig das Wort ab und schubsen sich fast, um direkt vor mir zu stehen. Ich verstehe nicht genau, was ich tun muss, all das ist neu für mich. Sie reden schnell und undeutlich, ich schnappe nur jedes zweite Wort auf. Da eine überzeugender sein will als die andere, wird ihrer beider Rede völlig unverständlich. Ich freue mich nur an diesem surrealen Spektakel, wobei mir beide leidtun. Sie verhalten sich so, um ein bisschen Geld zu verdienen, und ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie normalerweise sanft wie Lämmchen sind.

„Hast du dich entschieden?“

Die beiden Kämpferinnen sehen mich an, der Wettkampf ist beendet. Sie appellieren an meine Urteilskraft, ich soll entscheiden. Ich habe gar nicht zugehört.

„Äh … ich … ich habe schon eine Sozialversicherung!“

Ja, klar, das ist eine gute Ausrede. Eine von beiden, sichtlich enttäuscht und nicht gewillt, weiter ihre Zeit mit mir zu vergeuden, geht sofort weg. Die andere lässt mich nach einigen Minuten aus ihren Fängen, nachdem sie ein letztes Mal versucht hat, mich davon zu überzeugen, zwei Versicherungen seien besser als eine, und meine sei vielleicht nicht die beste, und wenn du deine Entscheidung noch einmal überdenkst, wirst du merken, dass … blabla.

Vor einem solchen sinnentleerten Plädoyer wende ich mich ab und stelle mich in die Schlange. Es ist 14 Uhr 30, die Zeit meines Termins. Aber sich an allen anderen vorbei ins Sekretariat drängeln tut man sicherlich nicht, selbst mit den besten Erklärungen. Ich beschließe also, brav zu warten, und stelle mich hinter einen riesigen Kerl. Ich schiele auf seinen Bescheid, er sieht genauso aus wie meiner. Nur dass mitten auf dem Blatt mit rotem Filzstift „14 Uhr“ steht. 14 Uhr! Seit wann steht er denn hier?

Neben mir höre ich Stimmen von älteren Studenten aus dem vierten oder fünften Jahr. Sie schimpfen, dass es nicht vorwärtsgeht. Wahrscheinlich ist es jedes Jahr dasselbe. Aber was soll’s, ich habe weder Lust noch die Kraft, mich heute aufzuregen. Ich gerate also nicht in die Krise und beteilige mich auch nicht an den allgemeinen Unmutsbekundungen.

Nach einer halben Stunde frage ich mich dann aber doch, ob man mich nicht vielleicht vergessen hat. Ich halte rasch einen Mann auf, der einen Sticker mit dem Sigel der Universität trägt.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich hatte einen Termin um 14 Uhr 30. Ich warte schon fast eine halbe Stunde.“ Dabei wedle ich mit dem Brief vor seinen Augen. Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, antwortet er mir in verächtlichem Ton: „Ja, Mademoiselle, wie alle hier.“

© Bertelsmann Verlag ©

Literaturangaben:
D., LAURA: Mein teures Studium. Studentin, 19 Jahre, Nebenjob: Prostituierte. Übersetzt aus dem Französischen von Sabine Herting. Bertelsmann Verlag, München 2008, 256 S., 14,95 €.

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