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Zynische Öko-Terroristen bedrohen die Armen der Welt mit Seuche

Rufin setzt seinen Thriller wie ein Puzzle an verschiedenen Orten der Welt zusammen

© Die Berliner Literaturkritik, 20.02.08

 

Von Nikolaus Dominik

FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Es ist eine Schlüsselszene des französischen Thrillers „Hundert Stunden“ von Jean-Christophe Rufin: Der Naturmensch, der Indianer, reicht Juliette, der schwärmerischen Tierschützerin, das Gewehr. Sie soll schießen, töten. Erstmals in ihrem Leben hat Juliette, die Hauptfigur in dem Roman, eine Waffe in der Hand. Sie soll eine Antilope erlegen. Gegen ihre pazifistische Grundhaltung verspürt sie das Gefühl der Macht, legt an und drückt ab. Doch das Gewehr war nicht geladen, die Antilope springt davon. Erleichtert und verwirrt hört sie ihren Natur-Lehrer sagen: „Wer die Natur schützen will, sollte wissen, dass man auch töten muss.“

Dieser Satz beschreibt die menschenverachtende Philosophie des Thrillers. Fanatiker wollen die Armut der Welt bekämpfen und vertreten dabei die These: das Elend in der Welt komme von den Elenden, also den in Slums lebenden Massen in Armut und Krankheit. Konsequenterweise müssen sie vernichtet werden, um die Welt für den Rest, die Edlen und Guten, zu retten. In geheimen Zirkeln formieren sich die Öko-Terroristen weltweit zu Elite-Trupps, um ihr Werk in die Tat umzusetzen.

Rufin setzt seinen Thriller wie ein Puzzle an verschiedenen Orten der Welt zusammen. Am Anfang des internationalen Komplotts steht eine spektakuläre Tierbefreiung aus einem polnischen Versuchslabor. Dabei gelangen Cholera-Bakterien in die Hände der Fanatiker, mit denen in Brasilien die Slumbewohner über die Verseuchung des Trinkwassers ausgerottet werden sollen. Doch ehemalige CIA-Agenten kommen den Aktionen auf die Spur, ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Am Ende bleiben 100 Stunden, um die Katastrophe zu verhindern.

Rufin, 1952 in Bourges in Frankreich geboren, gelingt ein höchst spannender Action-Roman, der den Leser auf über 500 Seiten in atemlosem Tempo durch die Welt jagt. Gleichzeitig reflektiert er in längeren philosophischen Passagen den perversen Hintergrund der Handelnden. Als Entwicklungshelfer in Tunesien und Eritrea und derzeit französischer Botschafter im Senegal zeichnet er ein authentisches Bild von einer Welt zwischen Hunger und verblendeten Heilslehren. Am Ende muss Juliette sich entscheiden.

Literaturangaben:
RUFIN, JEAN-CHRISTOPHE: Hundert Stunden. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große und Claudia Steinitz. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2008. 558 S., 19,90 €.

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