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Prinz Jussuf ist eine Frau

Traumverlorene Liebesgedichte von Else Lasker-Schüler

Von: KLAUS HAMMER - © Die Berliner Literaturkritik, 21.07.05

 

„In Elberfeld an der Wupper geboren, in Gedanken im Himmel, betreue ich die Stadt Theben und bin ihr Prinz Jussuf. Ich bin weder 17 noch 70 Jahre, habe keine Uhren und keine Zeit. Meine Bücher laufen so herum und werden einmal im Meer ertrinken. Geld habe ich einmal sehr viel und einmal gar keines. / Früher habe ich’s manchmal nicht geglaubt, jetzt aber weiß ich es; ich bin die Else Lasker-Schüler – leider“. So wie sie hier ihr Selbstporträt zeichnet, so sind auch ihre Gedichte – die Expression ihrer selbst, alles lebt aus Magie, Sehnsucht und Schwermut des Fühlens. Die Bilder, Farben und Melodien scheinen nur so zu strömen. Ihr Ich überflutet alles, aber es ist kein Ich, das Else Lasker-Schüler heißt, eine nachvollziehbare Biographie ihr eigen nennt, sondern ihr Gedicht schafft erst dieses lyrische Ich, das sich in seinen Versen imaginativ herstellt.

Die Lyrikerin hat alle eigene und fremde Realität in Dichtung verwandelt, ist in alle möglichen Rollen und Traummasken geschlüpft. Diese Masken- und Verwandlungsspiele als Prinz Jussuf von Theben, als Tino von Bagdad, als Joseph von Ägypten („ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel / Um meine bunte Haut“), diese Legenden von dem spanischen Prinzen, der der Vater ihres 1900 geborenen Sohnes sein sollte, waren Gedichte, die sie dem Leben aufzwang, das ihr das Dasein im Traumspiel der Dichtung verweigerte. Dieses Versteckspiel schaffte Freiraum für ihre chaotische Kreativität im Schreiben. Alles ist ihr zur Legende geworden: ihre Geburtsstadt Elberfeld an der Wupper, das Elternhaus, die jüdische Glaubens- und Gesinnungstradition, die Kindheitsidylle, die Freunde, die ihr Leben streiften und sich wieder aus ihm entfernten. Das Besondere ihres Traumbildschaffens besteht in eben dieser Verbindung von Traumverfahren und Kunstspiel.

Die Ehe, die sie 1910 mit Herwarth Walden (dessen Pseudonym hat sie selbst geprägt) einging und die ein Jahr später schon wieder geschieden wurde, führte zwar dazu, dass 1910 und 1911 in Waldens „Sturm“ Gedichte von ihr erschienen, aber Lasker-Schüler lässt sich weder in den literarischen „Sturm“-Kreis noch in eine andere Gruppierung eingliedern. Im „Sturm“ erschien 1910 ihr wohl berühmtestes Gedicht „Ein alter Tibetteppich“, dem der unerbittliche Kritiker Karl Kraus, der es in seiner „Fackel“ abdruckte, höchstes Lob aussprach: „Das…Gedicht gehört für mich zu den entzückendsten und ergreifendsten, die ich je gelesen habe, und wenige von Goethe abwärts gibt es, in denen so wie in diesem Tibetteppich Sinn und Klang, Wort und Bild, Sprache und Seele verwoben sind“.

Webwerk der Liebe

Ist dieses Gedicht ein Liebes- oder Traumgedicht? Drei Strophen lang scheint es ein Liebesgedicht zu sein, um in der letzten Strophe zu einem Traumgedicht umzuschlagen. Aber der Traum bleibt Frage und verweist auf ein Bildmotiv des Teppichs. Den im Teppich eingewirkten „süßen Lamasohn auf Moschuspflanzenthron“ hat das weibliche lyrische Ich zum Geliebten auserwählt. Die Du-und-Ich-Beziehung ist im Teppich-Gewebe gleichsam metaphorisiert. Durch diese Übertragung wird im folgenden zugleich vom Teppichmuster und vom Liebesmuster gesprochen: Die Strahlen sind verliebte Farben, die Sterne umwerben sich schon über den Himmel hin, die Füße sind so weit oder so nah voneinander, wie viele tausend Maschen dazwischen liegen („Maschentausendabertausendweit“ – eine atemberaubende Wortschöpfung). Solches metaphorische Verwirktsein von Teppich und Liebe oder Liebe und Teppich erhebt sich in der Schlussstrophe zur Vertauschung von Gegenwart und Zeitlosigkeit, von Imagination und Realität. In der raum- und zeitlosen Kraft der Liebe findet alles zueinander. Als Liebesgedicht meint es eine höchst imaginäre Liebe, als Traumgedicht geht es von einem ganz konkreten Bild aus.

„Ein alter Tibetteppich“ bildet den Höhepunkt des schmalen Insel-Bändchens mit 100 Liebesgedichten, die die Schriftstellerin Eva Demski aus den verschiedenen Gedichtsammlungen der Lasker-Schüler ausgewählt und mit einem schönen Nachwort versehen hat. Das Buch ist erstmals 1996 im Jüdischen Verlag unter dem Titel „Dein Herz ist wie die Nacht so hell“ erschienen. Die Gedichte werden nicht der Chronologie nach aufgeführt, sondern als Entwürfe einer poetischen Gegenwelt thematisch gruppiert und – so weit das möglich ist – Adressaten bzw. erinnerten Lebensstationen zugeordnet. Die Begriffe ich und ich (das unverhüllte und das Rollen-Ich), du und wir sind in der Tat die am häufigsten gebrauchten Chiffren in ihrer Lyrik.

Liebesklagen

Schon das Gedicht „Sulamith“ aus der ersten Gedichtsammlung „Styx“ (1902) bietet ein aufschlussreiches Beispiel der Als-ob-Träume in einer freien Hohen-Lied-Paraphrase. Die Liebesklage Sulamiths, ihr Liebesmonolog bei Nacht gibt das Modell für die eigene Liebesklage des lyrischen Ich. So wird das Gedicht in jene Schwebe überführt, wo das Einmalige zur Liebesklage einer Frau an der Jahrhundertwende wird, deren „blühendes Herzeleid“ in den Weltraum verweht. Dafür, dass das Traumbildschaffen der Lasker-Schüler sich an überlieferte Bilder anschließt, steht auch das Selbstbekenntnis „Mein Drama“: „Aus allen Sphinxgesteinen wird mein Leiden brennen“. Das Sphinx-Motiv steht hier für das Schicksal der Dichterin, und zu dieser Sphinx-Verwandlung ist sie von Heines Vorrede-Gedicht zur dritten Auflage des „Buches der Lieder“ angeregt worden. Heines Sphinx-Zwitter aus dem romantischen Schlosspark hat sie in die ägyptische Wüste zurückversetzt, ja, mehr noch, der brennende Wüstenwind hat in der Sphinx Gestalt angenommen. Der Wüstenwind, der grammatisch als Redender eingeführt wird, kann so auch eine Metapher für das Ich sein. Es ist die gleiche Schwebe zwischen Realität und Metapher wie im „Alten Tibetteppich“ (bedauerlich, dass sich gerade hier ein Druckfehler eingeschlichen hat), wie in „Sulamith“, das gleiche Glaskugelspiel.

Oder auch das so bewegende Gedicht „Weltende“ (1905): „Es ist ein Weinen in der Welt, / als ob der liebe Gott gestorben wär, / und der bleierne Schatten, der niederfällt, / lastet grabesschwer“. Die Liebe kann Zuflucht vor dem Weltende geben, der Vereinsamung der Seele in dieser kalten, entseelten Welt mag zwar in der Ich-Du-Beziehung begegnet werden, aber der Tod der Liebenden ist gewiss: „Du , wir wollen uns tief küssen… / Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, / an der wir sterben müssen“.

Wildes, schönes, rauschhaftes Leben

Was sich immer wieder in der Auflösung des Gegenständlichen zugunsten einer assoziativen Bild- und Klangführung bekennt, ist „Eros“, wie ein Gedicht betitelt ist: „O, ich liebte ihn endlos! / Lag vor seinen Knie’n / Und klagteEros / Meine Sehnsucht. / O, ich liebte ihn fassungslos…“ Eros als sinnliche Glut des Verlangens, als „Wildheit der Säfte“ als „Toben meiner Kräfte“. „Meine Lippen glühen und meine Arme breiten sich aus wie Flammen“ heißt es in dem Zigeunerlied „Die schwarze Bhowanéh“. Gegenüber den Lockrufen der Göttin der Nacht gibt es kein männliches Widerstehen. Der Exotismus als Romantik des Ursprünglichen, Wilden, Schweifenden ergänzt die Erotik: Zigeuner, Granada, der Orient. Das Bildfeld des Feuers, des Brandes, des Glühens und Verglühens, mit ihm die Farbreize des Rot – als purpur, brandrot, blutig, blutschwarz, Furie des Blutes – , wird ständig variiert. „Es treiben mich brennende Lebensgewalten“ – die erotische Leidenschaft verbindet sich mit der Leidenschaft zum wilden, schönen, rauschhaften Leben, als „heißes Weltenliebeslied“ Damit verknüpft sich ein Geständnis der Sündhaften, die Faszination durch das Satanische: „Ich folge dir ins wilde Land der Sünde / und pflücke Feuerlilien auf dem Wege“. Eros wie Sünde erhalten ein sentimentalisches Pathos, das von Dissonanzharmonien geradezu überfüllt wird. Das Sich-Ergießen, Sich-Verschwenden, Verglühen, Verbluten, Versinken, Ineinanderstürzen, Ineinandervergehen erscheint in unendlichen Variationen.

Aber auch die Kontrapunktik des Zurückgewiesen-Seins auf das Ich, auf Enge, Angst, Frost, Schuld, Verzweiflung, auf die Kälte von Nacht und Tod fehlt nicht. Je dichter Welteinsamkeit, Weltleid, „Bitternis in jedem Kerne“, das apokalyptische Gefühl das lyrische Ich überschatten, umso inniger wird seine Rückwendung zur verlorenen Heimat, zu Kindheit, Mutterbild, Glaubensüberlieferung

Die von Rätseln umwitterte Liebesgeschichte mit Gottfried Benn, den sie einen „Barbaren“ nennt, hat gar nicht richtig stattgefunden und vielleicht deshalb eine so große Poesie erschaffen. Lasker-Schüler nähert sich dem 17 Jahre jüngeren Dichterjüngling in der Verkleidung des ägyptischen Joseph. Nur noch in orientalischer Maske kann sie die Gefühle an ihn delegieren. Küsse wie Bisse, die Risse auf der Haut, die Einheit von Wörtlichkeit und Tätlichkeit sollen in dem Gedicht an „Giselheer dem Tiger“ herbeigeschrieben werden. Die Liebe als absolutes Gefühl wird damit zu einem tödlichen Unterfangen: „Der hehre König Giselheer / Stieß mit seinem Lanzenspeer / Mitten in mein Herz“. Das Angebot einer erotischen Wahlverwandtschaft hat Benn ausgeschlagen. Fremd stand er ihrem Gefühlsüberschwang gegenüber.

Weltende und Weltflucht

Das Thema Weltende und Weltflucht hat Lasker-Schüler später, 1933, als sie ihre Heimat verlassen musste, in das Thema der Verscheuchten umgewandelt. In „Weltende“ war das „Weinen in der Welt“ nur ein semantisches Zeichen. Jetzt wird in „Die Verscheuchte“ ziemlich getreu ihr Ankunftstag in Zürich nachgezeichnet. Aber auch die Winterlandschaft am Eingang des Gedichtes enthält schon eine Metapher wie am „Weltende“: „Entseelt begegnen alle Welten sich“. Dort gab die Liebe noch Zuflucht vor dem Weltende, jetzt ist es das Gebet und Gott. Die Vereinsamung des Nebeltages wird auf die Vereinsamung der Seele übertragen. Die Klage um die verlorene Heimat wird zur Liebesklage: „Ja, ich liebte dich“. Zwei anklägerische Zeilen, die sie im Manuskript an den unteren Rand des Blattes geschrieben hatte, sind damals nicht veröffentlicht worden: „und deine Lippe, die der meinen glich, / Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt“.

Die Liebesgedichte der Emigrationszeit in Jerusalem sind zugleich Dokumente der Trauer, des Schmerzes, der Verzweiflung über eine aus den Fugen gegangene Welt. Es sind Klagelieder: „Man muss so müde sein / Wie ich es bin... Dich lasse ich zurück mein einziger Gewinn / Und bin zu müde dich zu küssen und zu herzen“.

Lasker-Schüler hat zweierlei gemeinsam mit den Lyrikern des Expressionismus: den historischen Ort und die Kraft ihrer die Wirklichkeit transzendierenden Bildlichkeit. In der hermetischen Geschlossenheit ihrer poetischen Vision nähert sie sich aber eher dem Surrealismus.

Literaturangaben:
LASKER-SCHÜLER: ELSE: Liebesgedichte. Ausgewählt von Eva Demski. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2005. 142 S., 5 €.

Klaus Hammer, Literatur- und Kunstwissenschaftler, schreibt als freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin. Er ist als Gastprofessor in Polen tätig


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