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Bobbys Magical Mystery Tour

Sam Shepard über Bob Dylans „Rolling Thunder Revue“

Von: HOLGER BÖTHLING - © Die Berliner Literaturkritik, 17.10.05

 

Die „Rolling Thunder Revue“ von 1975 war Bob Dylans ambitioniertestes Tourprojekt. Im Jahr zuvor hatte er auf seiner Comebacktour mit „The Band“ noch den Rock’n’Roll-Superstar gemimt, der dem Stadionpublikum gab, wonach es verlangte. Nun stellte er eine Band von alten Freunden – allesamt hochkarätige Künstler wie Joan Baez, Ramblin’ Jack Elliott, Roger McGuinn, Bob Neuwirth oder Mick Ronson – zusammen, um nahezu unangekündigt in kleinen Sälen in der nordöstlichen Provinz der USA zu spielen. Das siebzigköpfige Personal in den drei Tourbussen bestand jedoch nicht nur aus Musikern, sondern auch anderen Künstlern wie dem Beat-Poeten Allen Ginsberg, dem Fotografen Ken Regan, Malern, Kostümbildnern und einer Filmcrew, die während der Tour Konzerte mitschneiden und von den schauspielernden Künstlern unterwegs improvisierte Szenen auf Zelluloid bannen sollte. Als Drehbuchautor dieser „Mythokumentation“ (Larry Sloman) wurde der junge Dramatiker Sam Shepard engagiert.

Vor seiner eigentlichen Aufgabe kapitulierte Shepard jedoch recht bald. „Ideen schwirren genug herum, nur kein Plan“, mokiert er sich einmal in seinem Tagebuch, „alles passiert gleichzeitig und in tausend Richtungen.“ Der schiere Überschuss an verfügbarem Talent, an kreativen Energien und Stoff – am Ende sind über 80 Filmstunden angehäuft – wird dem Projekt zum Verhängnis. Dylan selbst stutzt das Material zwar später auf vier Stunden zusammen und veröffentlicht es 1978 unter dem Titel „Renaldo und Clara“. Von der amerikanischen Kritik wird der Film jedoch als narzisstisches Machwerk gnadenlos verrissen.

Unverzichtbarer Prachtband

Glücklicherweise führte Shepard während des chaotischen Trips Tagebuch. In seinem 1977 veröffentlichten „Rolling Thunder Logbook“ versammelte er all die vielfältigen Eindrücke der legendären Tournee. Unter dem Titel „Rolling Thunder. Unterwegs mit Bob Dylan“ gibt der Fischer Verlag nun eine neu übersetzte, sorgfältig an das Originallayout angepasste und durch einen neuen lyrischen Vorspann von Sam Shepard sowie ein Vorwort von dem „Rolling Thunder“-Gitarristen T-Bone Burnett erweiterte Ausgabe heraus: Ein für Fans unverzichtbarer, liebevoll gestalteter Prachtband, der aus der Dylan-Literatur meilenweit heraussticht.

Shepards Anliegen, dem Leser „ein Gefühl für das Ganze“ zu vermitteln, gelingt famos. Ihm gehe es dabei nicht darum, mit dem Privatleben von Stars zu kokettieren, schreibt er in seiner Vorbemerkung. Vor Indiskretionen ist man in dem Buch weitgehend gefeit, obwohl Shepard diesbezüglich sicherlich einiges zu erzählen gehabt hätte. Stattdessen versucht seine Text-Collage, den Geist der „Rolling Thunder Revue“ und natürlich auch den des Initiators in Worten einzufangen. „Wer ist eigentlich diese komische Figur?“, fragt Shepard und kann das Rätsel Dylan doch nicht lösen. Was freilich die Lösung ist.

Es genügt schon, beim Blättern die wunderbaren Fotos von Ken Regan und die Überschriften wie „Illusionsbühne“, „Kaddisch im Casino Mah-Jongg“ oder „Wahnsinn im Waffenmuseum“ zu betrachten, um einen Eindruck von dem Spektakel zu bekommen. Für ein tieferes Verständnis sind Shepards atmosphärische Texte hilfreich. Im Versuch, der Sprachgewalt Dylans nicht nachzustehen, wirken sie zwar manchmal etwas unbeholfen, bemüht mystifizierend oder pseudophilosophisch („Fans sind gefährlicher als ein Bewaffneter, weil sie hinter etwas Unsichtbarem her sind“), aber immer lebendig und inspiriert.

Jenseits von Popmusik

Die „Rolling Thunder Revue“ war mehr als eine einfache Musiktournee; sie war ein Unternehmen, das versuchte, das Innere Amerikas – das mythische und das moderne – neu zu entdecken. Bedeutungsschwer startete die Expedition in Plymouth, wo 1620 die ersten Pilger in der Neuen Welt ankamen. An Bord der Mayflower spielten die Musiker deren Landung am Plymouth Rock nach. Danach zog die Karawane weiter kreuz und quer durch Neuengland, besuchte unterwegs das Grab von Jack Kerouac oder die letzte Siedlung der Shaker-Sekte und trat noch in den kleinsten Nestern auf. Immer wieder schlossen sich Künstler, darunter bekannte wie Joni Mitchell, Arlo Guthrie oder Gordon Lightfoot, aber auch Leute, die unterwegs einfach aufgegabelt wurden, dem Treck an. In Newport hielt der indianische Medizinmann Rolling Thunder für die Tourmitglieder eine Tabakzeremonie ab. In Boston stieß Dylans Ehefrau Sara zu der Truppe, später sogar seine Mutter.

„Das hier ist archaisches Ritual, jenseits von Popmusik“, notiert Shepard und nennt die Revue „vereinte spirituelle Kraftübertragung durch Musik“. Er erkennt das Jahrmarkt- und Zirkushafte dieser spontanen Wanderbühne, die Anlehnungen an alte Minstrel- bzw. Medicine-Shows, die Anleihen bei den Kulten der Ägypter, Indianer und Voodoo-Priester. Doch bleibt seine Darstellung vorwiegend auf die mystisch-spirituelle Dimension der Revue konzentriert. Nur selten geht Shepard auf das Visuelle, das Spielerisch-Theatralische der Darbietungen ein. In Dylans Masterplan spielte die Dramatik jedoch eine wichtige Rolle. Er heuerte eigens Jacques Levy an, den Co-Autor der meisten epischen Songs von „Desire“ (1976), um die Koordination der Bühnenshow zu übernehmen. Die Konzerte fungierten schließlich als integraler Teil des Filmprojekts, das das Gesamtkunstwerk „Rolling Thunder“ dokumentieren sollte.

Der am Brechtschen Theaterstil geschulte Levy leuchtete die gesamte Bühne aus, statt lediglich mit den üblichen Richtscheinwerfern zu arbeiten. Wie ein Theaterstück hatten die Konzerte eine Pause, an deren Ende Baez und Dylan zunächst bei geschlossenem Vorhang begannen „Blowing in the Wind“ zu singen. Als der Schleier sich schließlich anhob, drehte das Publikum regelmäßig durch, wie Shepard vermerkt. Auf der Bühne spielten die Musiker Rollen, verkleideten und schminkten sich. Die Geigerin Scarlet Rivera trug Schlangen-Make-up und spielte teilweise kopfüber. Joan Baez trat mal als Groupie mit blauer Perücke, mal als Bob-Dylan-Double auf. Der Meister selbst versteckte sein Gesicht wahlweise hinter einer Nixon- oder Bob-Dylan-Maske sowie hinter dicker weißer Schminke. Gestik und Mimik der Musiker waren genau auf die Stücke abgestimmt (man beachte nur die Performance von „Isis“ auf der DVD der „Bootleg Series Vol. 5“).

Der Sänger als Rollenspieler

Dylan fungierte in dem ganzen Treiben als „Magier“, der die unterschiedlichen Elemente der Show zusammenhielt und gleichzeitig deren Höhepunkte initiierte. Die „Rolling Thunder Revue“ war sein Wundermittel gegen blinde Heldenverehrung. Wie bei einem Schauspieler im antiken Drama sollten Dylans Masken die Aufmerksamkeit weg von seiner Person und hin zur Darbietung lenken. Durch das Masken-Spiel konnte er nicht nur von seinem vermeintlichen Selbst abstrahieren, sondern auf der Bühne auch ganz verschiedene Identitäten annehmen.

Folkbarde, Protestsänger, „Stimme einer Generation“, Rock’n’Roll-Star – wer ist dieser Bob Dylan wirklich? Mit seinen Rollenspielen verwirrt der Sänger bis heute all jene, die vergeblich versuchen, seine Persönlichkeit zu fassen. Was er zuvor nur unbewusst getan hatte, vollführt er, wie er einmal kundtat, seit Mitte der siebziger Jahre bewusst. Der Musiker offenbart sich ganz in seiner Kunst – und verbirgt sich zugleich in ihr. Dylan selbst bleibt ein Mysterium. „Es geht nicht darum, ihn zu ergründen, sondern ihn aufzunehmen“, lautet Shepards Erkenntnis nach der sechswöchigen Tour. „Er ist zum Greifen nah, aber keiner kommt ran“.

Literaturangaben:
SHEPARD, SAM: Rolling Thunder. Unterwegs mit Bob Dylan. Mit einem neuen Vorspann von Sam Shepard und einem neuen Vorwort von T-Bone Burnett. Fotos von Ken Regan. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 192 S., 19,90 €.

Holger Böthling arbeitet als freier Journalist und Buchkritiker in Berlin


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