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Die Zwiebel „Erinnerung“

Günter Grass’ Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“

Von: KLAUS HAMMER - © Die Berliner Literaturkritik, 25.10.06

 

Die Autobiografie, die als literarische Form der Selbstdarstellung und als Beschreibung des eigenen Lebens eine lange Tradition besitzt, verdankt ihre spezifisch neuzeitliche Prägung doch erst dem 18. Jahrhundert und – zumindest im deutschsprachigen Raum – der Goethezeit. Hauptaufgabe des Autobiografen war für Goethe nicht die Beschreibung und Analyse „psychologischer Quälereien“ („Maximen und Reflexionen“), sondern die Darstellung von Gegenständlichkeit und einer individuellen Lebensgeschichte im Spiegel der sie bedingenden Wirklichkeitsverhältnisse. Die literarische Autobiografie erhielt – nicht nur bei Goethe - Konfessions-Charakter, denn sie war dazu bestimmt, „die Lücken eines Autorlebens auszufüllen, manches Bruchstück zu ergänzen und das Andenken verlorner und verschollener Wagnisse zu erhalten“ („Dichtung und Wahrheit“).

Günter Grass hatte sich Zeit gelassen, ehe er an eine Autobiografie dachte. Wer ein halbes Jahrhundert Schreiben hinter sich hat, dürfte die Grenzen seiner Fähigkeiten abgesteckt haben, was wohl eine gewisse Resignation, aber auch ein wenig mehr Ruhe mit sich bringt. Wenn man hoch in den Siebzigern ist, klopft nicht gerade ein memento mori an die Tür, aber Gedächtnislücken machen sich bemerkbar, die Zeichen einer zunehmenden Gebrechlichkeit. Vielleicht will man auch etwas offenbaren, was man bisher verschwiegen hatte und was wie eine Last auf einem lag. Von einem Schriftsteller, der sich über fünfzig Jahre aus allernächster Nähe beobachtet hat und der seine Aufgabe darin sah, stets unter der Oberfläche zu sondieren, kann man schon so etwas wie Rechenschaft über das eigene Leben und sogar eine gewisse Summe an Lebenseinsichten erwarten. Wird er aber auch imstande sein, sein Inneres zu enthüllen und die Zusammenhänge seines Lebens sinnvoll zu überblicken?

Autobiografie und Bekenntnisbuch

Seine jetzt herausgekommene Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“ führt Grass von der Kindheit und Jugend in Danzig über die Kriegs- und Nachkriegszeit bis zum Erscheinen des Romans „Die Blechtrommel“ im Jahre 1959, der ihn weltberühmt machte. Im Zentrum steht das Grunderlebnis des jungen Günter Grass, des Zeitgenossen und Zeugen einer blindlings auseinander fallenden Wirklichkeit, des von Krieg, Massen-Wahn, Todeserfahrung und Schuld gezeichneten Autors, der sich als Opfer wie auch als Täter begreift. Das Entsetzen und die Angst sind dauernde Begleiterin, nicht nur des Kindes und des Jugendlichen, sie wirken aber auch als geheimnisvolle Grundkraft eines immer wieder erneuerten Lebens, ja als Lebenselixier überhaupt.

Nun ist Grass’ Bekenntnisbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ bisher immer nur auf den einen Interview-Satz „Ich war bei der Waffen-SS“ untersucht worden – immer nur auf das eine Kapitel „Wie ich das Fürchten lernte“, in dem er seinen Erlebnissen als Siebzehnjähriger in der Waffen-SS erzählt. Nach all den - berechtigten – Aufgeregtheiten ist es wohl aber an der Zeit, Grass’ Autobiografie jetzt auch nach seinen literarischen Qualitäten zu befragen, sie in sein Gesamtwerk einzuordnen. Es war ja gar nicht so sehr das Buch, das einen solchen Skandal ausgelöst hat, sondern das späte, zu späte Bekenntnis des 79jährigen Nobelpreisträgers; nicht, wie er uns bisher glauben ließ, Flakhelfer, sondern Teil jener Truppe gewesen zu sein, die symbolisch und tatsächlich für die ganze Gnadenlosigkeit des NS-Regimes steht.

Auch wenn Grass versichert hat, „keinen einzigen Schuss“ abgegeben zu haben, bleibt ja doch die Frage, warum er, der Schriftsteller wie Bürger Grass, der immer wieder seine Stimme für Freiheit, Demokratie und Toleranz, gegen Nationalsozialismus, Terror und Rassendiskriminierung erhoben hat, jenen schwarzen Fleck in seiner eigenen Biographie jahrzehntelang verschwiegen hat. Als er 1999 den Nobelpreis für seine „munterschwarzen Fabeln“ erhielt, mit denen er – so lautete die Begründung - „das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet“ habe, hatte Grass in seiner Dankesrede erwidert: „Jedesmal, wenn in Deutschland…das Ende der Nachkriegszeit ausgerufen worden ist, hat uns die Vergangenheit wieder eingeholt“. Wer selbst ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein – dieses Bibelwort gilt nun auch für Grass.

Symbolfunktionen

Das Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ begleiten 11 Rötelzeichnungen des Autors mit Ansichten der verschiedenen Lebensstationen einer Zwiebel. Wer tiefer in die Tasche greifen wollte, konnte die limitierte Erstausgabe mit 25 Zwiebelblättern erwerben. Wem das noch nicht genug war, der konnte eine Vorzugsausgabe mit einem 26. nummerierten und signierten Extrablatt sein eigen nennen. Weshalb dieser Aufwand? Das fragt man sich, wo doch eine bescheidene, preiswerte Taschenbuchausgabe wohl eher den Umständen entsprochen hätte.

Aber natürlich hat nun „die Zwiebel Erinnerung“ für das Buch eine Symbolfunktion: Eine Schale nach der anderen ist zu entfernen, um zum Kern vorzudringen. Die abgestorbenen, trockenhäutigen äußeren Blattscheiden dienen als Schutzhülle. Die Zwiebel muss vor Frost und Fäulnis bewahrt werden, auch Maden können im Gewebe fressen, und wenn man die gewöhnliche Küchenzwiebel schneidet oder zerhackt, treibt sie einem die Tränen in die Augen. Man kann sie roh oder gekocht als Gemüse oder Gewürz verwenden, getrocknet zu Zwiebelsalz verarbeiten oder medizinisch in Magen-, Husten-, harntreibenden und Blutzucker senkenden Mitteln verwenden, so kann man weiter im Brockhaus lesen. Die trockenen Schalen dienen zuweilen zum Färben. Alle diese Eigenschaften der Zwiebel dienen dem Vergleich mit einem erzählten Leben: Schale für Schale wird geschält, Schicht für Schicht abgetragen – so stellen es auch die Rötelzeichnungen dar – bis nur noch ein kläglicher Rest übrig bleibt. Aber dringt Grass in seinem Buch wirklich bis zum Innersten vor? Da sind die Lücken im Gedächtnis – und wo das Gedächtnis versagt, greift Grass zur Fiktion: So oder so könnte es gewesen sein.

Die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit in einer Autobiografie machen sich auch bei Grass vielfach bemerkbar. Er hat 1990 auch Recherchen im Niederlausitzer Raum durchgeführt, dort im Dreieck Cottbus – Spremberg – Altdöbern, wo er einst als SS-Soldat gewesen war, aber mit der veränderten Landschaft auch seine Erlebnisse nicht wieder vollständig in Erinnerung rufen können. So sehr die Erinnerungen seiner Danziger Kindheit und Jugendzeit, aber auch der Nachkriegszeit zu funktionieren scheinen, so sehr der Erzähler Grass eindringlich Eltern, Verwandte, Mitschüler, Lehrer, Kriegskameraden, Mitgefangene zu beschreiben vermag, ist die allerdings nur wenige Monate währende SS-Zeit mit so vielen Löchern und Fragezeichen versehen, dass man sich fragen muss, wie denn Grass im Buch sein Bekenntnis abgelegt hat, ob es denn wirklich ein Bekenntnis war – und worüber er nur wenig oder gar nicht schreibt.

Der Junge meines Namens

Grass geht in „Beim Häuten der Zwiebel“ von Anfang an auf Distanz zu sich selbst. Er ist „der Junge, der unter meinem Namen anzurufen ist“, „der Junge meines Namens“ oder der „Entwurf meiner selbst“, „mein uniformiertes Selbst“, „der Rekrut meines Namens“. Der Ich-Erzähler, der jetzt 79jährige Autor, stellt den Jungen von damals sich selbst in der dritten Person gegenüber. Er kündigt es schon im ersten Satz an: „Ob heute oder vor Jahren, lockend bleibt die Versuchung, sich in dritter Person zu verkappen: Als er annähernd zwölf zählte, doch immer noch liebend gern auf Mutters Schoß saß, begann und endete etwas. Aber lässt sich, was anfing, was auslief, so genau auf den Punkt bringen? Was mich betrifft, schon“. Dieses kühle Abstandhalten erlaubt ihm, über alles Fatale, die „Schande“, die „Scham“ und „Reue“ so zu schreiben, als seien es nicht seine Gefühle und Empfindungen, sondern die eines Dritten, einer fremden Figur, die er zwar genau, aber aus sicherer Distanz beobachtet.

Zwar liest sich das Kapitel „Wie ich das Fürchten lernte“ wie ein böses Märchen, aber Grass ist kein Bruder Grimm, so sagt er selbst, eher ein Grimmelshausen, dem es beim Schreiben über den Krieg vor allem um das heulende Elend des Simplicius geht, um dessen Todesangst und Schrecken, als die Stalinorgel nur noch zerfetzte Glieder der SS-Division und ein hingemähtes Birkenwäldchen hinterlässt. Diese erschütternde Darstellung, die einem die Tränen in die Augen treibt, wird hinfort ebenso einen Platz in der deutschen Literatur haben wie der erbärmliche Tod der Mutter in der Abstellkammer eines Hospizes oder die Szenen aus Grass’ erster Ehe.

Warum hat Grass so lange geschwiegen und warum hat er gerade jetzt sein jahrzehntelanges Schweigen gebrochen? Einmal mit dem autobiografischen Schreiben angefangen, blieb Grass wohl nichts anderes übrig, als auch sich selbst und nicht nur der Zwiebel die Haut abzuziehen. Dass damit ein durch lebenslange Arbeit entstandenes öffentliches Monument in Bruch geht, hat der medienerfahrene Autor wohl selbst bedacht. Grass’ Erzählen diente immer kritischer Geschichtserhellung, die auch individuelle Schuld greifbar macht. Oskar Matzeraths Sich-Erinnern, er ist erlebender Held und rückblickender Erzähler zugleich, macht vor eigener Schuld nicht halt – auch er ist vielfältig schuldhaft in die NS-Zeit verstrickt. Vielleicht, so ist vermutet worden, empfindet es jetzt auch Grass als eine große Befreiung, nicht mehr als lebendes Denkmal auftreten zu müssen, endlich selbst die Narrenfreiheit seiner erfundenen Helden zu haben.

Aus der Schuld heraus

Der geheime Motor für sein Schreiben ist wohl immer die subjektiv empfundene Schuld gewesen. Seinen jahrzehntelang allzeit bereiten „Alarmismus“ konnte Grass nur auf Grund seiner einstigen Verstricktheit im Nationalsozialismus so vehement praktizieren. Es gibt eigentlich auch kein literarisches Werk von Grass, in das er nicht seine Erfahrungen während des Hitlerfaschismus eingebracht hat. Kleinbürgerliches Bewusstsein wurde von ihm, nicht nur in der „Blechtrommel“, in seiner Geschichtsblindheit entlarvt. Er hat so früh wie Heinrich Böll und Wolfgang Koeppen erkannt, dass der Schoß, aus dem die Brauen krochen, auch nach 1945 noch fruchtbar war.

So könnte man daraus schlussfolgern, dass Grass’ Umerziehungsmotor wohl dieses ihn peinigende Schuldempfinden brauchte, ein früheres Bekenntnis hätte ihn wohl ebenso zum Stottern gebracht wie sein verstocktes 17-jähriges Ebenbild, dem die Wahrheit einfach nicht aufgehen will. Aber durch seine genaue Darstellung des kleinbürgerlichen Milieus, aus dem er kommt, hat der Autor viel zur Erklärung dessen beigetragen, warum er sich der Waffen-SS verpflichten konnte. Der Messdiener Grass war ein aufsässiger Schüler, aber kein begeisterter Hitlerjunge. Er las viel, darunter auch Verbotenes wie „Im Westen nichts Neues“ von Remarque.

Die Form des autobiografischen Buches „Vom Häuten der Zwiebel“ ist der des Bewusstseinprotokolls angenähert, ohne jedoch mit ihr zusammenzufallen. Der Text stürzt von Wahrnehmung zu Wahrnehmung, wobei diese nicht von einer im konventionellen Sinn zusammenhängenden Fabel umklammert werden. Elemente einer Geschichte tauchen bruchstückhaft auf, sind aber in ihrer schemenhaften Überzeichnung ein und derselben Bewusstseinsstufe wieder der retrospektiven Wahrnehmungsebene zuzuordnen. Beide Ebenen, Geschichte wie das Bewusstsein davon, bewirken die für den Text charakteristische atmosphärische Vergegenwärtigung.

Existenzielle Fragmentarität

Der Text besitzt eigentlich keine ordnende Erzählerfigur, er erzählt sich praktisch selbst. „Er“, der „Junge meines Namens“, der „Entwurf meiner selbst“, ist zwar Konfiguration eines epischen Ichs in der Er-Form, doch sind die Textvorgänge nicht kontinuierlich auf dieses zentriert, sondern werden immer wieder zu abgerückten, verselbständigten Tableaus. Die Identifikationsmöglichkeiten des Lesers gehen aufgrund dieser Automatisierungsbewegungen gegen Null. Die Neigung des Textes zur Visualisierung verweist auf seine filmische Struktur, genauer: auf einen in Standbildern angehaltenen Film.

Fragmentarisch ist der Text auch deshalb zu nennen, weil er sich exemplarisch auf einen Zeitraum bezieht, der herausgerissen aus einem biografischen Zusammenhang erscheint und der in sich selbst noch voller Lücken ist. Diese Art „existenzieller Fragmentarität“ ist die extreme Zuspitzung einer Tendenz zur verkürzenden Selektion, wie sie typisch für Kindheits- und Jugendautobiografien ist. In der Struktur des Textes wird die literarische Entsprechung einer Subjektauffassung geschaffen, die von einem noch in der Erinnerung dissoziierten Ich ausgeht. Dort, wo das Erzähler-Ich jene dritte Person, die er einstmals war, nicht mehr zu fassen bekommt, wird sie in einzelne Facetten aufgesplittert. Grass wendet dabei Verfahren der Fiktionalisierung, der Zerlegung, Fragmentierung, Stilisierung, Verfremdung, der Wiedergabe von Phantasien, Träumen, der surrealistischen Verzeichnung von Perspektivität an.

Figurentypos Candide

Der kleinbürgerliche Candide – mit diesem Figurentypus Voltaires könnte man auch die Grass’sche Person vergleichen, die nichts von der Annahme einer „besten Welt“ hält. Die vielen ironischen Wendungen gerade gegen Ende des Buches zeugen davon. Seine Reise durch viele Welten hat ihn gelehrt, vor Idealisierungen auf der Hut zu sein. Was zählt ist, dass in den vielen Lebens- und Leidensstationen ein Gefühl für sich selbst gewachsen ist: Es gab ihn auf einmal und ganz am Ende, obgleich eingebettet in einen ironischen Kontext, steht die Aussicht auf eine erneute Verwandlung: „So lebte ich fortan von Seite zu Seite und zwischen Buch und Buch. Dabei blieb ich inwendig reich an Figuren. Doch davon zu erzählen, fehlt es an Zwiebeln und Lust“.

Grass’ Protagonist wird wie ein moderner Simplicius durch die Welt geschickt, erlebt einen ungeheuer beschleunigten Entwicklungs- und Bildungsgang, um am Ende ernüchtert zu begreifen, dass der unendliche Aufschub von Sinnerwartung sich nicht lohnt, macht er doch auf verschiedenen Entwicklungsstufen die stets gleich bleibende Erfahrung, dass das jeweils Erwartete, ein im Aufstieg liegender Sinn nämlich und eine endliche Ich-Gewissheit, nicht eintrifft. Der neue Mensch bleibt eine Projektion.

Eine wichtige „Sekundärliteratur-Funktion“ dieser Autobiografie sollte allerdings nicht ganz vergessen werden: Sie wird allen denjenigen, die sich künftig mit Grass beschäftigen, als Quelle für authentische Personen aus dem Umkreis des Autors dienen, die für Figuren in seiner „Danziger Trilogie“, aber auch in anderen Werken Pate gestanden, ihr Konterfei gegeben haben. Wie überbordend auch die Phantasie des sprachmächtigen Erzählers zu sein scheint, seinen Erzählungen und Romanen liegt doch immer Erlebtes, Beobachtetes, nie Willkür zugrunde.

Literaturangaben:
GRASS, GÜNTER: Beim Häuten der Zwiebel. Mit 11 Rötelvignetten. Steidl Verlag, Göttingen 2006. 480 S., 24 €.

Zur Rezension:

Weblink zum Verlag:

Klaus Hammer, Literatur- und Kunstwissenschaftler, schreibt als freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin. Er ist als Gastprofessor in Polen tätig


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