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Porträt eines vollendeten Widerlings

Marlene Streeruwitz’ Roman „Kreuzungen“

© Die Berliner Literaturkritik, 16.09.08

 

900 Millionen. Er hat Geld. Als reicher Spekulant kennt er einen „Zustand des Habens“ wie vielleicht noch zehn oder hundert andere Menschen auf der Welt. Sein luxuriöses Leben findet in Wien, in Venedig, in Zürich und in London statt. Längst hat er es nicht mehr nötig, anderen zu gefallen – weder seiner Frau noch den „kleinen Asiatinnen“, mit denen er sich vergnügt, oder irgendwem sonst. Niemand kann ihm etwas anhaben, alles ist bezahlbar: Das scheint die Lebensdevise des Protagonisten in Marlene Streeruwitz’ neuem Roman „Kreuzungen“ zu sein.

Gleich auf den ersten Seiten wird der zunächst Namenlose als widerlicher Typ gezeigt, der seine Machtphantasien mit asiatischen Prostituierten auslebt, während er Szenen seiner Ehekrise und die gemeinsamen Kinder vor sich sieht – eine „Spiegeltrias“, die er vergeblich versucht, zusammenzuhalten. Seine Verzweiflung darüber scheint sich jedoch in Grenzen zu halten. Kalt beobachtet er die Menschen um sich herum und gefällt sich darin, ihr Verhalten von oben herab zu beurteilen: die wütende Frau Lilli, von der er sich nun scheiden lässt, deren Anwalt, die eigene Psychotherapeutin – nichts und niemand scheint ihn überraschen zu können. Der Grundton ist eine tiefe Langeweile gegenüber allem. Max, dessen Name erst am Schluss des Romans fällt, ist ein vollendeter Zyniker, der sich in der anonymen, käuflichen Welt eingerichtet hat: „Er hätte immer bezahlen müssen. Er konnte ja nichts anderes. Und damit alles.“

Als Max aufbricht, den „Wiener Hysterien“ seiner Frau Lilli zu entkommen, beginnt ein rastloses Umher-Jetten: Venedig, Zürich, London. Der reiche Mann lässt sich neue Zähne implantieren, trifft den Künstler Gianni, den er eine Zeit lang aushält, und sucht per Agentur eine neue Ehefrau, deren Pflichten er in einem Ehevertrag genauestens festlegen lässt und damit – bis auf die Form der Zeugung der gemeinsamen Kinder – Erfolg hat. Beim Versuch, ein neues Leben zu beginnen, sieht sich Max jedoch bald eingeholt von alten Intrigen und Rivalitäten. Als Opfer einer vereitelten Verschwörung bleibt er mit paranoiden Gedanken, Aussteiger- und Selbstmordfantasien sowie dem Vorsatz, „morgen … ein  ganz neues Leben“ zu beginnen, allein in London zurück. Das paradoxe Fazit: „Es war alles gescheitert, aber er hatte alles erreicht.“

Mehr als ein klassisch erzählter Roman ist „Kreuzungen“ das Portrait eines Machtmenschen und dessen Umfeld. In großen Teilen gibt Streeruwitz’ Text die Sicht des Protagonisten in erlebter Rede wieder: Sein Wunsch, im Wirtschaftsmagazin „Forbes“ weiterhin ungenannt zu bleiben und andere Menschen überhaupt auf Distanz zu halten, dieser  Schutzmechanismus der Unerreichbarkeit wird ebenso greifbar wie die kalten Analysen, mit denen der Zyniker die Antriebe seiner Mitmenschen auf niedrigste Motive reduziert. „Der Sex oder das Geld“ – andere Beweggründe scheint es aus seiner Sicht nicht zu geben. „Erschüttert über sein eigenes Genie“ stellt der Protagonist, den man ohne weiteres als Kotzbrocken bezeichnen darf, Thesen auf, die mindestens ebenso entblößend für ihn selbst wie für seine Umwelt sind. Armselig wirkt dieser Mann, für den Geld und sein „Kleiner Mann“ die zentralen Dinge der Welt sind.

Dass dieses aufgeblasene Stück Fleisch tatsächlich auch Gefühle haben könnte und auf schmerzliche Weise einsam ist, wird erst spät deutlich. Zwar kann es sich Max leisten, alles und jeden, auch die eigene Frau und die eigenen Kinder, ersetzen zu lassen. Aber bei diesem Spiel wird er letztlich selbst zum Hindernis zwischen seinem Geld und der Gier anderer Menschen. Er wird zum „Schlachtvieh“. Vertrauen ist unmöglich. Die Machtlogik, die Max anfangs noch selbst gewählt zu haben scheint, hetzt ihn. Ein Entkommen erscheint kaum denkbar – der abschließende Vorsatz, ein neues Leben zu beginnen, klingt wie eine Beteuerung.

Schadenfreude oder Mitgefühl? Die Frage, wie diesem unsympathischen Helden begegnet werden kann, hat sich auch der Autorin gestellt. Marlene Streeruwitz hat bisher in Romanen wie „Partygirl“, „Jessica, 30“ und „Entfernung“ aus einer stark weiblich gefärbten Perspektive erzählt. Die Welt aus der Sicht eines männlichen Protagonisten darzustellen, ist eine neue Herausforderung. Zwar gelingt es ihr von Anfang an, überzeugend einen männlichen Blick zu konstruieren, etwa beim Sex mit den „Kinderkörperchen“ der Asiatinnen. Allerdings erscheint dieser Blick zunächst auf eindimensionale Weise chauvinistisch und egoistisch. Es fällt nicht schwer, Max als Widerling abzutun. Erst nach den ersten hundert Seiten, die vor allem eine Bestandsaufnahme seiner Meinungen ist, löst sich der Protagonist allmählich aus den egozentrischen Gedankenspiralen und Schimpftiraden und so etwas wie eine Handlung scheint in Gang zu kommen: die Reisen nach Zürich, Venedig, London, die Treffen mit Gianni und mit der möglichen künftigen Ehefrau. Die Nebenfiguren wirken dabei teils interessanter als der Protagonist selbst – etwa Gianni, der Lyriker, der in einer eigenen magischen Welt lebt, sich als Verführer und Künstler gibt und der im Gegensatz zu Max intuitiv zu wissen scheint, was er vom Leben will.

Auch das Komplott gegen Max liefert etwas erzählerischen Pfeffer – einen Ausflug in das Genre Thriller. Dabei wird es am Ende fast etwas zu rasant, die Handlung bewegt sich am Rande der Glaubwürdigkeit. Auch die Sprache, das typische Streeruwitzsche Stakkato, gewinnt dabei an Fahrt. Während die betonte Lakonie anfangs in ihrer kreisenden Bewegung noch beinahe geschwätzig klingt und fast ausschließlich auf die Innenwelt des Protagonisten beschränkt bleibt, geht sie später in das Erzählen von Ereignissen über und schafft gerade im Kontrast zur äußeren Handlung scharf gezeichnete Einblicke in die Innenwelt  des Protagonisten.

Es ist, als hätte die Autorin etwas Mühe gehabt, ihren Helden aus der Eindimensionalität herauszuschälen. Hier und da hätte auch etwas mehr Raum für die Begegnungen mit einzelnen Figuren nicht geschadet – und die rasante Fahrt durch verschiedene Schauplätze hätte etwas gedrosselt werden können. Dennoch entsteht der Eindruck, dass die Annäherung an den Protagonisten zumindest teilweise gelungen ist. Auf überraschende Art greifbar wird dabei besonders die Hilflosigkeit des Helden. Max, der Machtmensch, wird zur Allegorie einer gehetzten und grausamen (Teil-)Gesellschaft. Ein trostloses Bild.

Von Carola Gruber

Literaturangaben:
STREERUWITZ, MARLENE: Kreuzungen. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 251 S., 18,90 €.

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