Werbung

Werbung

Werbung

Geschichten aus einer anderen Zeit

Gianni Celatis Erzählung „Was für ein Leben!“

© Die Berliner Literaturkritik, 08.01.09

 

Der 1937 geborene, abwechselnd in Bologna und in England lebende italienische Erzähler und Übersetzer Gianni Celati gehört zu den Autoren jener Zwischengeneration, die nie den Erfolg der einige Jahre oder Jahrzehnte zuvor geborenen großen Schriftsteller hatte, der Vittorini, Pavese, Calvino, Moravia, Ortese, Morante, mit denen sich der Aufbruch der italienischen Literatur in die Moderne verbindet. Diese Älteren waren wesentlich geprägt durch den Faschismus beziehungsweise den Widerstand gegen ihn, die Jüngeren hatten von Krieg und Diktatur nur das erlebt, was Kinder eben mitbekommen, sie wurden erwachsen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, in einer Zeit also, in der ein erstaunliches Wirtschaftswunder Italien gleichsam in die Neuzeit katapultierte, der Kalte Krieg tobte und eine einzige Partei, die „democrazia italiana“ alles beherrschte: Es war die Zeit – so Celati – „wo der explodierende Wohnungsbau die schmächtigen Bäumchen vor den Häusern schon bürgerlich verfärbt hatte. Türchen zu einem Meter breiten Garten, Treppe aus falschem Marmor, Oberlicht mit rechteckigen Glasscheiben, vom ersten bis zum dritten Stock.“: brandneuer Wohlstand vor allem in den kleinen Städten, Aufstieg in eine ungekannte Bürgerlichkeit. Und zur gleichen Zeit „Klassenkämpfe“ von zuweilen erheblicher Gewalt, eine starke, aber mit allen Mitteln von der Mitregierung ferngehaltene Kommunistische Partei, die nie eine Parlamentsmehrheit errang, und die Verwandlung eines im Wesentlichen agrarischen Landes in einem modernen Staat.

In der Provinz vollzogen sich diese Wandlungen gemächlich (trotz Pettycoat, Topolino und dem Kino, das mit mobilen Vorführern bis ins letzte Dorf vordrang), die noch vorhandenen, alten Honoratioren-Cliquen wandten sich zwar mit Abscheu ab, als sie feststellten, dass ihre Kinder plötzlich „anders“ waren und sie dagegen nicht mehr mit den alten, strengen „Erziehungsmaßnahmen“ durchgreifen konnten, ändern konnten sie die Situation nicht mehr, dazu waren sie zu schwach und zu träge. Von solchen „anderen“ Kindern und Jugendlichen und von den Widerständen, denen sie begegneten, handelt Celatis neues Buch „Was für ein Leben!“ dem der Verlag den Untertitel „Episoden aus dem Alltag der Italiener“ gegeben hat. Doch die Italiener, von denen darin erzählt wird, die gibt es heute allenfalls noch als Rentner.

Celati porträtiert sie in einer Art Kettenerzählung, in der lauter seltsame Typen auftreten, pubertierende Jugendliche, die nicht wissen, wohin sie gehören, Lehrer, die keine Ahnung mehr haben, was sie mit ihren Zöglingen anfangen sollen, Dichter, die in ihrer Heimatstadt, und nur dort, berühmt sind, Handwerker mit seltsamen Berufen, Ausreißer – Celati hat sie (so ähnlich) wohl erlebt in seiner Jugend in den fünfziger Jahren in der kleinen lombardischen Stadt Sondrio. „Was für ein Leben! Wie viele Jahre geredet und geredet. Wie viele Wörter in den Wind gesprochen! Wie viele Bücher gelesen und vergessen. Und dann die Labyrinthe der Liebe. Ich möchte wirklich wissen, wo sie alle hingekommen sind, und ob es uns wirklich gegeben hat, und ob das tatsächlich das Leben ist. Oder nur alles ein Irrtum, nur Blitze, Schauder und wer weiß was.“

Es sind Geschichten, die von lauter privaten Identitätskrisen erzählen, von in die Armut Abgestiegenen und auch einigen wenigen, die sich in der neuen Zeit durchsetzen konnten. Da ist viel von verschwitzter, unterdrückter Sexualität die Rede, die die jungen Leute schüttelte und der die Älteren mit einer lebenslang geübten Mischung aus Heuchelei und Entrüstung begegneten, viel von der Gewalt, die zwischen Oben und Unten herrschte, von den kleinen Fluchten, die im besten Fall ins Ausland führten, im schlimmsten ins Irrenhaus. Jede dieser Erzählungen hat sozusagen eine Hauptfigur, und die wird früher oder später in einer anderen Geschichte zur Nebenfigur. Ganz lässt Celati seine traurigen oder komischen Helden nie fallen – wenn man schon nicht sicher weiß, was aus ihnen geworden ist, so kann man es sich doch vorstellen. Was daran autobiografisch ist, wird in Celatis Prosa mit großer Phantasie umgeschmolzen in autonome Literatur.

Das Buch ist die lebendige Erinnerung an eine „Provinz“, die es heute, über ein halbes Jahrhundert später allenfalls in sehr abgelegenen (und wenig bewohnten) Provinzen noch gibt: Man hört manchmal von ihr, begegnet Resten alter Sitten und Riten, alten Leuten, irgendeinem Gymnasiallehrer, der noch perfekt Latein oder Griechisch schreiben und sogar sprechen kann, irgendeinem Maurer, der es noch nicht gelernt hat, seine Kunden übers Ohr zu hauen, einem Bäcker, der noch weiß, wie man gutes Brot backt. Davon bekommen Touristen schon längst nichts mehr mit. Für sie bleibt der Strand von Rimini, bleiben, wenn sie es denn wollen, die Uffizien in Florenz – und natürlich Venedig und die Peterskirche in Rom.

Insofern sind Celatis Geschichten und seine merkwürdigen Figuren der Abgesang für eine Epoche, die im Rückblick – einem freundlichen, aber nicht verklärenden Rückblick – beinah als das Paradies erscheint. Das war sie natürlich nicht, vielmehr wurde in ihr all das angelegt, was Italien heute so plagt: eine unfähige, weithin korrupte Regierung, eine wachsende Fremdenfeindlichkeit, ein schrankenloser Individualismus, der nur noch den eigenen Vorteil sucht, sogar die nostalgische Wiederkehr faschistischer Ideen.

Celati weiß, wovon er redet – und wie man das tut, mit Widerhaken, plötzlichen Umschwüngen und Kehren, in denen das so harmlos Erscheinende bedrohlich wird. Er hebt die Stimme nicht, sie wird nur dunkler, bekommt eine Färbung, die von Gefahren weiß. Er hat von mehr Unglück als Glück zu berichten und er tut das so liebevoll und in einer so großartigen literarischen Form, mit so viel Einfallsreichtum und Volten, dass man begreift: Hier ist ein großer Erzähler am Werk, der sein Handwerk beherrscht und dem es gelingt, mit wenigen Sätzen eine Figur oder eine Situation derart festzuhalten, dass dabei ein Mehrwert an Schönheit und Schrecken erzeugt wird. Auch wenn er nie zum Beststellerautor wurde: Celati ist ein bedeutender Schriftsteller, ein spannender Erzähler und ein getreuer Chronist. Dies neue und alle seine früheren Bücher verdienten es, gleichberechtigt neben denen anderer Autoren aus der Zwischengeneration zu stehen, – neben denen von Tabucchi, Eco oder Consolo zum Beispiel.

Literaturangaben:
CELATI, GIANNI: Was für ein Leben! – Episoden aus dem Alltag der Italiener. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. Wagenbach Verlag, Berlin 2008. 175 S., 19,90 €.

Verlag

Mehr von „BLK“-Autor Roland H. Wiegenstein


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: